In der ersten Reihe steht nicht nur der Trainer

Klaus Huhn zu einer „Gewerkschaft“ von Spitzensportlern
|    Ausgabe vom 11. November 2016

Eine Zeitung der Hauptstadt ließ verlauten, dass Spitzensportler demnächst eine Gewerkschaft gründen wollen. So absurd die Nachricht auf den ersten Blick wirkt, absurd ist sie keinesfalls. Der Tag, an dem man damit rechnen musste, stand nicht in den Sternen.
Die „Berliner Zeitung“ vom 29.10.16 hatte ihren Text mit den Worten begonnen: „Ein Hauch von Revolution weht durch ‚Sportdeutschland’: Die Spitzenathleten wollen sich unabhängiger vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) machen und planen die Gründung einer Gewerkschaft. Bei der Vollversammlung der Athletenvertreter der DOSB-Spitzensportverbände in Bonn soll unter Punkt 5 (Zukunft der Athleten) ein Antrag gestellt werden, der die ‚die rechtlichen, finanziellen und organisatorischen Voraussetzungen für eine eigenständige Organisation der Athletenvertretung in Deutschland“ prüft.’ Ein durchaus ambitioniertes Projekt, das 2017 in die Tat umgesetzt werden soll – und Zündstoff birgt.“
Der Antrag soll von Vertretern der DOSB-Athletenkommission stammen. „Es soll eine vernünftige Professionalisierung der Interessenvertretung der Athletinnen und Athleten der Spitzenverbände für die Zukunft sichern und ein nachhaltiges Netzwerk etablieren.“
Hier muss dem Laien einiges erklärt werden. Es gab Zeiten, in denen der Vizepräsident des Internationalen Leichathtletikverbandes, der Niederländer Paulen, durch den Stadioninnenraum spazierte und jeden Athleten, der nach seinem Versuch zu seinem Trainer zu gelangen, verwarnte, im Wiederholungsfall sogar disqualifizierte. Das mag man für richtig oder falsch halten, die Regel ging von dem Prinzip aus, dass der Athlet – wie auch in anderen Sportarten – allein seinen Wettkampf zu bestreiten hat.
Heute hockt nicht nur der Trainer in der ersten Reihe, sondern auch der Manager, denn ein Spitzenathlet ohne Manager wäre unvorstellbar. Wer sollte die Gage für den nächsten Start aushandeln? (Und mindestens zehn Prozent der Summe in die eigene Tasche stecken, ganz zu schweigen von den anfallenden Reisekosten.)
Nun scheinen die Olympiasieger, Welt- und Europameister nicht mehr hinreichend von Trainern und Managern vertreten zu werden. Was tut man in solchen Situationen? Man gründet eine Gewerkschaft! Mich interessiert nicht, ob jemand des Weges kommt und einen anderen Titel empfiehlt, es bleibt eine Gewerkschaft, angetreten, um die Interessen der Athleten zu vertreten! Es wäre absurd, wenn ausgerechnet die UZ gegen diese Variante auftreten würde. Aber die UZ hat die Pflicht kundzutun, dass diese Lösung dem Sport für alle schaden würde. Denn wer nicht Mitglied dieser Gewerkschaft würde, müsste damit rechnen, dass ihm sein Verein demnächst nicht mehr die Fahrkarte zum nächsten Wettkampf bezahlt. Denn: Wie eine Gewerkschaft funktioniert und welche Rechte sie hat, weiß jeder. Und was würde passieren, wenn die Gewerkschaft – wie viele andere in der Bundesrepublik – zum Streik aufruft und die Stadionränge zwar voll, aber die Innenräume leer bleiben?
Man mag mich schelten und mir vorwerfen, dass ich phantasiere, aber schon heute taucht nicht als erster der Athlet auf und fragt, mit wieviel Honorar er rechnen könne, sondern der Manager. Und der „kennt keine Verwandten“, um eine abgedroschene Redensart zu verwenden.
Die UZ hat oft genug darauf hingewiesen, dass Sport getrieben werden soll, um die Gesundheit zu fördern. Dabei bleibt es! Die Idee, eine Gewerkschaft zu gründen, wird den Vereinssport auch morgen nicht auf den Kopf stellen, aber es droht die Gefahr, dass viele es sich nicht mehr leisten können, mit dem Verein in die nächste Stadt zu fahren.
Und das wollten wir signalisieren.


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Leserbrief zu »In der ersten Reihe steht nicht nur der Trainer«, UZ vom 11. November 2016





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