Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 11. November 2016

Eingeknickt
Die Dresdner Sinfoniker haben ein umfangreiches Musikprojekt entwickelt, das unter dem Titel „Aghet“ = Klagelied den Völkermord des türkischen Staates am armenischen Volk in den Jahren 1915/1916 zum Thema hat. Einige Aufführungen in Deutschland wurden mit großer Aufmerksamkeit und Beifall aufgenommen, nun wollte das Orchester – gemeinsam mit türkischen und armenischen Musikern – das Konzert im deutschen Generalkonsulat Istanbul spielen.
Alles schien geklärt, Einladungen wurden verschickt, dann pfiff das Auswärtige Amt Berlin seine Außenstelle in Istanbul zurück, die Räume stünden nicht zur Verfügung.
Das Orchester hatte seine freundliche Einladung auch an Staatspräsident Erdogan gesandt, man stelle sich den Schaum vorm Mund vor, den dieser sicherlich bei der Vorlage produzierte und wie eilig man in Berlin nicht nur vorstellig wurde, sondern „von einer Belastung des Verhältnisses“ sprach. In Berlin war man gerade froh, dass Bundestagsabgeordnete den deutschen Soldaten auf dem Stützpunkt im Südosten der Türkei wieder bei ihrem kriegerischen Handwerk zuschauen durften, da ging ein solcher Konzertabend aber überhaupt nicht.

Eingeschnappt
Der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa, selbst Literaturnobelpreisträger (2010), meinte sich zur diesjährigen Vergabe an Bob Dylan äußern zu müssen. Dieser sei zwar „ein guter Songschreiber, aber doch kein Schriftsteller“. Diese Entscheidung der Schwedischen Akademie sei ein Zeichen für „die Frivolität der Kultur in dieser Zeit“, wir lebten in einer „Zivilisation des Spektakels“.
Was für eine Wortwahl. Aber man sollte ihm dankbar sein, denn so denkt und spricht der konservative, mit verzweifeltem Beharrungsvermögen ausgestattete Teil der Bourgeoise, der Traditionen und Werte im Strudel unerwünschter Veränderungen untergehen sieht. Genauer: Die Kriterien der Akademie für den Literaturnobelpreis schließen keine künstlerische Form im Umgang mit Sprache und Text aus, so wurden im Laufe der Zeit Dramatiker, Schriftsteller, und Lyriker ausgezeichnet, nirgendwo steht, dass man seine Texte nicht singen darf, dass man seine Texte nicht spielen darf. Kultur kann nicht „frivol“ sein, höchstens einzelne künstlerische Werke und dies schon seit den griechischen Komödien und Satyrspielen. Auch das Spektakel oder die Sensation sind nicht erst seit neuerer Zeit ein Teil des öffentlichen Lebens und sind auf jeden Fall kein Ausdruck des Zivilisatorischen, sondern wenn, dann des Kulturellen.

Eingepreist
Ein britischer Hedgefonds, die Man-Group, ist Hauptsponsor eines gut dotierten Literaturpreises (50 000 britische Pfund) mit dem schönen, nichtssagenden Titel „Man-Booker-Prize“. In diesem Jahr erhielt – große Aufregung – zum ersten Mal ein US-Amerikaner, Paul Beatty, Urkunde und Geld. Sein preiswürdiges Buch trägt den Titel „The Sellout“ und ist laut der Jury-Begründung eine harte, schonungslose Abrechnung mit Rassismus und Verfolgung in satirischer Form.
Das Buch ist noch nicht in deutscher Sprache erschienen, es fand sich wohl noch kein Verlag, die Originalausgabe war kurz nach Bekanntwerden sofort vergriffen. Was aber machen Journalisten unserer Qualitätsmedien in so einer Situation: Gelesen hat man nix, Wikipedia gibt nicht viel her über den Autor, an die englische Ausgabe kommt man auch nicht dran, also schreibt man gleichlautend die Meldung der dpa-Nachrichtenagentur ab. Die gibt zwar ebenfalls nicht viel her, aber garniert mit einem Foto der Preisübergabe durch die Herzogin Camilla, sieht das Ganze dann so aus wie gewünscht, der baldige und reichliche Abverkauf hat seine Vorschusslorbeeren.


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