ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“

Von Betriebsräten oder Gewerkschaften war nicht viel zu sehen
Von Sigurd Mutiger
|    Ausgabe vom 11. November 2016

Eine Woche stand die Arbeit bzw. die Zukunft der Arbeit im Mittelpunkt der Programmmacher der Fernsehanstalten der ARD. In Spielfilmen, Dokumentationen, Nachrichten wurde über das, was den meisten Menschen in Deutschland das Wichtigste ist, berichtet – ihre Arbeit. Viele interessante Aspekte kamen zur Sprache. Auch Menschen im Job kamen zu Wort. Über das Wirken der Gewerkschaften wurde nicht berichtet. Lediglich fünf Minuten blieben dem DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann zu diesem Thema was zu sagen, in einem Interview mit den ARD-Hauptstadtredakteuren Tina Hasselt und Rainald Becker.
Die Fernsehwoche lieferte unterschiedliche Anreize und Blickwinkel, sich mit dem Thema Arbeit zu befassen. Es ging um die Gestaltung der Arbeit der Menschen. Es kamen Menschen zu Wort, die über sich und ihre Arbeit sprachen. Es kam zur Sprache, dass der Mindestlohn zu gering ist und Altersarmut bedeutet. Was generell fehlte, waren klare Aussagen, was zu tun ist, um die Probleme zu lösen. Fehlanzeige auch, wie man dies durch gemeinsames Handeln lösen kann – mit den Gewerkschaften zum Beispiel. Und was gänzlich fehlte, war der Aspekt des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit.

Eine große Auswahl von Sendungen zum Thema „Zukunft der Arbeit“ findet sich auch in der Mediathek der ARD.

Eine große Auswahl von Sendungen zum Thema „Zukunft der Arbeit“ findet sich auch in der Mediathek der ARD.

Wer verdient, was er verdient
Über Einkommen redet man nicht in Deutschland. „Weil man sich schämt, wenn man so wenig verdient und weil man keinen Neid auslösen will, wenn man viel verdient“ so die These von C. Koppetsch, einer Soziologin. Man kann das glauben oder nicht. Fakt ist, dass die Einkommen extrem weit auseinanderklaffen und dass dies von der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung als ungerecht angesehen wird. Der Bericht bestätigt dies an vielen Einzelbeispielen. Kritische Wissenschaftler wie Christoph Butterwegge und Rudolf Hicksch bestätigen dies, und der ‚Herz-Jesu-Marxist‘ Norbert Blüm in seiner unnachahmlichen Weise sagte: „Die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer.“
Dass die zu geringen Löhne zu Altersarmut führen werden, geht auch noch über den Sender. Doch wenn es um Maßnahmen geht, wie das zu ändern, und wie Gerechtigkeit herzustellen wäre, schweigt der ARD-Bericht. Dass Tarifverträge das beste Faustpfand in der Hand von Beschäftigten sind und ein kollektiver Kampf für einen deutlich höheren Mindestlohn ein guter Ansatz sind, kann man in dem Bericht nicht hören. Dass es so etwas wie Gewerkschaften gibt, wird in ein paar wenigen Nebensätzen erwähnt. Das Fazit des Berichtes schickt die Zuschauerinnen und Zuschauer in den Pessimismus und den Individualismus. Für „Normalverdiener wird es eher noch bergab gehen“, „Gerechtigkeit ist schwer zu definieren“ und am Ende kommt es darauf an seine „Interessen durchzusetzen“. Als einzelner wird dies nicht klappen.
Der Beitrag lief im ARD am Montag 31.10.2016 um 20.15 Uhr.
http://www.ardmediathek.de/tv/Der-Montags-Check/Der-Geld-Check-3-Wer-verdient-was-er/Das-Erste/Video?bcastId=22834010&documentId=38663954

Faktor Menschlichkeit
Eine Dokumentation zeigt an drei Unternehmen, wie die Arbeit ganz zur Zufriedenheit der Beschäftigten aussehen kann. Portraitiert werden die Hotelkette Upstalsboom, das klassische Fertigungsunternehmen Phoenix Contact sowie der deutsche Ableger des IT-Riesen Google. Alle Chefs erklären mit großer Empathie, dass ihnen die Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ganz wichtig ist und sie dafür sogar viel Geld in die Hand nehmen, um menschenfreundliche Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. Flexible Arbeitszeiten vor allem für Beschäftigte mit Kindern, gute Kantinen, Sozialräume mit Tischfußball und Tischtennis.
Der Hotelier hat die Erkenntnisse für humanes Arbeiten im Kloster von Pater Anselm Grün (dieser ist tatsächlich ein Menschenfreund) gefunden und schickt nun auch seine Mitarbeiter für drei Tage zum Entspannungstraining ins Kloster und lädt sogar Lehrlinge zur Exkursion auf den Kilimandscharo ein.
Phönix Contact legt besonders großen Wert auf gute Kommunikationsstrukturen und die Förderung der Kreativität seiner Ingenieure und Mitarbeiterinnen. Das hört und sieht sich super an und ist ohne Zweifel auch gut – auch wenn die Aussagen der Beschäftigten manchmal ein wenig einstudiert klingen. Zum Beispiel, wenn Google-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erklären, sie seien rundum glücklich oder die Überwachungskameras an den Decken in den Arbeitsräumen seien nur dazu da, um den Zugang Unberechtigter zu vermeiden. Seltsam ist auch: Von einem Betriebsrat ist in keinem der drei Filmbeispiele zu hören oder zu sehen.
Der Beitrag lief im ARD am Montag, 31.10. um 23.00 Uhr.
http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Die-Story-im-Ersten-Faktor-Menschlichke/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=38659790

Arbeit war das halbe Leben
Deutlich realistischer geht es bei einer Dokumentation über das Arbeitsleben von Menschen zu, die bereits den Ruhestand erleben. Eine LPG-Bäuerin, ein Bergmann, ein Ingenieur aus dem Stahlwerk, ein Fließbandarbeiter am Band bei Opel, eine Krankenschwester und ein Schiffsjunge, der es zum Kapitän gebracht hat, reden frei von der Leber weg über ihre Arbeit und die damit verbundenen Härten in den Jahren zwischen 1950 und 2000. Hier erfährt man auch mal etwas über Betriebsstilllegungen, Arbeitsplatzverlust und wie die IG Metall den freien Samstag erkämpft hat. Auf diesen Beitrag musste man allerdings fast bis Mitternacht warten.
Der Beitrag lief im ARD am Montag 31.10. um 23.45 Uhr.
http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Geschichte-im-Ersten-Arbeit-war-das-hal/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=38659826

Planet Wissen: Arbeit der Zukunft
Intelligente Roboter in der Fabrik, smarte Technik im Büro: Die Arbeitswelt ist im Wandel, die Digitalisierung hat alle Bereiche erfasst. Vieles, was heute noch von Menschen erledigt wird, übernehmen morgen Maschinen – billiger und effektiver. Wer bei dieser Entwicklung nicht auf der Strecke bleiben will, muss sich ständig weiterbilden und auf neue Aufgaben einstellen. Und kann sich vielleicht bald den Weg ins Büro sparen: Dank moderner Kommunikationstechnik können wir immer und überall arbeiten, feste Arbeitsplätze werden überflüssig. Ist die Arbeitswelt 4.0 ein Risiko – oder eine Chance? Auch wenn einige Berufe verschwinden.
Der Beitrag lief im rbb am Donnerstag, 3.11. um 14.14 Uhr.
http://programm-origin.ard.de/?sendung=2820518879651160&first=1

Der Job-Futuromat
Wer wissen will ob sein Job steht oder vergeht, kann den Job-Futuromat befragen. Der antwortet kurz und bündig. Ganz oder teilweise vergehen werden zum Beispiel Kassiererin, Sekretärin, Kartenverkäufer in Kinos oder Theatern, Lager- und Transportarbeiter, Bergmann, Maschinenführer. Bestand haben u. a. Fachärzte, Schulpsychologen, Theologen und Marketing-Manager. Keine Aussage macht der Futuromat übrigens zu Soldaten.
http://job-futuromat.ard.de

Arbeitslust – Menschen und ihre Traumberufe
Weitere Traumberufe, die von Indus­trie 4.0 nicht bedroht werden, stellt der SWF im Vorabendprogramm vor: Neugeborenenbabyfotografin, Pyrotechniker, Vergolder, Geisterbahnfigurendesigner oder „Wildbakers“ – das sind Bäcker, die Pizza auf dem Bodensee servieren.
Der Beitrag lief im SWR am Dienstag, 1.11 um 18.05 Uhr.

Die Aufstocker – trotz Arbeit Hartz IV
Drei Frauen berichten über ihre Arbeit und Einkommen, die aber nicht zum Leben reichen, weil sie lediglich Mindestlohn beziehen. Beeindruckend ist der Stolz dieser Frauen, die mit Freude und Spaß als Roadie, als Altenpflegerin bzw. Teilzeitbeschäftigte in einer Arztpraxis arbeiten. Sparen und Selbstbeschränkung prägt ihr Leben und das ihrer Familien. Dennoch lassen sie sich nicht unterkriegen. Unterstützung und individuelle Hilfe in den Auseinandersetzungen mit den Jobzentren und der Bürokratie erhalten sie von kirchlichen und gemeinnützigen Organisationen. „Man fragt sich schon, warum so etwas möglich ist, dass man in dem reichsten Land Europa voll arbeitet und dennoch vom Lohn nicht leben kann“ äußert einer der Patienten, die von der ‚Aufstockerin‘ betreut werden. Die Frage bleibt auch in diesem Film unbeantwortet. Auch politische Forderungen, wie dies zu beseitigen wäre, sind nicht zu hören. „Ein höherer Lohn ist halt nicht möglich“ lautet eine Bemerkung der Hintergrundsprecher des Films zur Höhe des Mindestlohns. Ja, warum denn nicht?
Der Beitrag lief auf Tagesschau24, Dienstag 1.11. um 21.47 Uhr.
http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/gott-und-die-welt/videos/die-aufstocker-trotz-arbeit-hartz-iv-116.html

Kaiser‘s und Tengelmann
Täglich in der Tagesschau ist zumindest in der ersten Wochenhälfte der Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze bei Kaiser‘s und Tengelmann. Da zeigen sich Sigmar Gabriel (SPD) und Frank Bsirske (ver.di) zufrieden darüber, 10000 Arbeitsplätze gerettet zu haben. Andere wie der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann sind da skeptisch. Dies kann auch nicht verwundern. Das Problem bei Kaiser‘s und Tengelmann sind nämlich die Überkapazitäten im Einzelhandel.

Tatort: Echolot
Auch ihren Sonntagsabendkrimi stellte die ARD unter das Motto „Digitaler Wandel“. Er entwirft eine beklemmend realistische Vision, in der nicht mehr unterschieden werden kann, ob der Mensch. mit dem man per Bildtelefon spricht, tatsächlich noch ein lebendes Wesen ist oder nur dessen virtuelles Abbild. Dieses virtuelle Abbild tritt uns als bewegtes Ebenbild des Menschen gegenüber, den wir aus der Realität kennen. Es, oder besser ES, erkennt aus unserem Gesichtsausdruck und dem Klang unserer Stimme, welche Gefühle uns gerade bewegen und antwortet mit ‚Empathie‘. Selbst für die kleine Tochter der ermordeten Filmprotagonistin Vanessa Arnold ist es nicht mehr unterscheidbar, ob es Mama Vanessa ist oder ihr virtuelles Abbild Nessa, mit dem sie über ihr Smart-Pad per Video und Ton kommuniziert.
Dieses virtuelle Abbild eines Menschen ist „überall und nirgendwo“, also irgendwo in der Cloud, wie es die Geschäftsführer eines fiktiven IT-Unternehmens mit dem klagvollen Namen ‚Golden Birds Systems‘ voll zynischer Leichtigkeit den fassungslos dreinschauenden Kommissaren des Tatorts entgegenschleudern. Diese haben nämlich Ermittlungen aufgenommen, um die Ursachen für den unerklärlichen Tod der Chefin zu klären. Sie kam bei einem Autounfall ohne Zeugen ums Leben und die Kommissare fragen sich, ob das Fahrzeug per Computermanipulation gegen einen Baum gesteuert wurde.
Die Geschichte dieses Tatorts ist spannend und in sich schlüssig. Und – sie kommt einer digitalen (Un-)Wirklichkeit verdammt nah.
Es ist in der Tat schon möglich, dass mittels einer in PC, Laptops oder Tablet-Computern eingebauten Minikamera Menschen in Sekundenschnelle erkannt werden. Es kann ebenfalls erkannt werden, ob Gesichter fröhlich, traurig oder ärgerlich sind. Algorithmen können heute auch die Bedeutung von Sätzen erkennen und entsprechende ‚Antworten‘ geben. Die automatische Steuerung von Autos – einschließlich des Eingriffs von Hackern auf diese Steuerungen sind ebenfalls Realität. Der Tatort mischt tatsächlich vorhandene technische Möglichkeiten mit durchaus möglichen Visionen zu einer schließlich absolut menschenverachtenden Konsequenz. Die Erfinderin des Algorithmus der hochlukrativen Software der „Golden Bird Systems“ wird Opfer der künstlichen Intelligenz, die in ihrem eigenen Computerprogramm steckt. Dies erinnert an den Zauberlehrling und die ‚Geister, die er rief‘ – allerdings ohne einen Meister, der sie wieder einfängt.
Ebenso realistisch und ebenso beklemmend ist die Beschreibung der Arbeit und Ziele eines hippen Start­up-Software-Unternehmens und seiner jungen auf Erfolg programmierten Leitungscrew. Obwohl sie gerade vom realen Tod ihrer Chefentwicklerin erfahren haben, gehen sie im wahrsten Sinn des Wortes über ihre Leiche, um ihr virtuelles Abbild „Golden Bird Systems“ mit höchstmöglichem Profit an Investoren zu verkaufen.
Der Tatord lief im ARD, Sonntag 30.10. um 20.15 Uhr.


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Leserbrief zu »ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“«, UZ vom 11. November 2016





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