Auf den Straßen zu singen

Teil der Kampfmusik: Hanns Eislers Arbeiterchöre a cappella der Jahre 1925-1932
Von Hilmar Franz
|    Ausgabe vom 4. November 2016
Der Berliner Hans-Beimler-Chor bei seinem Auftritt auf dem UZ-Pressefest 2016 (Foto: Shari Deymann)
Der Berliner Hans-Beimler-Chor bei seinem Auftritt auf dem UZ-Pressefest 2016 (Foto: Shari Deymann)

In der wissenschaftlich revidierten und für heutige Praxis eingerichteten Hanns-Eisler-Gesamtausgabe werden im Verlag Breitkopf & Härtel demnächst die unbegleiteten Chorstücke neuerer Prägung für Arbeiterchöre aus den Jahren 1925-1932 erscheinen (Band 5 der Notenband-Serie I). Sie entstammen der Zeit des ideologischen Bruchs mit dem Lehrer Arnold Schönberg und Eislers Hinwendung zur Arbeiterklasse, damit auch zur kollektiven Werkstatt des Dichters Bertolt Brecht.
Kunst um der Kunst willen ablehnend, stellte der junge Komponist sein Talent bewusst gegen die imperialistischen Verursacher des Weltkriegs und des Massenelends, klarer noch in den Dienst der kommunistischen Bewegung. Zügig gelangte er zu politisch eingreifenden Inhalten und erneuerten Kompositionsverfahren, die sich vom attackierten abgenutzten Wohlklang stilistisch allmählich entfernten, indem musikgeschichtlich nahezu vergessene Modi und Klangbildungen die politischen Aussagen nachhaltig bewußt machten. Der marschierende Gestus dieser Kampfmusik mobilisierte zudem für Massenstreiks, Proteste gegen Demonstrationsverbote und Polizeimassaker, zum Einreihen in die Front der KPD. Wirkungen entfalteten sich breit – angefangen bei Gesängen im Freien über den einstimmigen Sprechgesang der Agitpropgruppen, in Songs, Film- und Theatermusiken bis hin zum machtvollen Solidaritätslied und später zum Einheitsfrontlied gegen den Faschismus. Schon 1929, im Jahr seiner ersten Begegnung mit Ernst Busch, war Hanns Eislers gesellschaftlicher Durchbruch als politischer Komponist unbestreitbare Tatsache.
Auf dem Pfad kollektiver Musik hin zum Lehrstück (mit Brecht) über den politischen Kampf „Die Maßnahme“ (1930) hatte Eisler zunächst große, aufgeschlossene Arbeiterchöre aus der Verbürgerlichung des mächtigen Deutschen Arbeitersängerbundes (DAS) lösen und hinter sich bringen können. Für eine populäre, auf der Höhe der Zeit erneuerte Chorpraxis gemischter oder reiner Männerchöre a cappella war die traditionelle Konzertform beim schrittweisen Zusammenschluß durch gezielt „vereinfachte“ Sätze auch für kleinste Vereine zu überwinden. „Das Proletariat wird sich mit der Erfahrung und den Kunstmitteln der Bourgeoisie eine neue Musik erst schaffen müssen.“ (Hanns Eisler in: Die Rote Fahne, 15.10.1927) Für grundlegend veränderte Vortragsanweisungen, fußend auf seiner dirigentischen Chorpraxis und Agitprop-Erfahrung, setzten sich hochqualifizierte Leiter von Arbeiterchören aus dem vormaligen Schönberg-Kreis ein (Karl Rankl, Anton Webern in Wien).
Neue Arbeitermusik auf vorbürgerlichem Fundament
Die revidierte Neuausgabe der dicht aufeinander folgenden Werkgruppen a cappella und den dazugehörigen Kritischen Bericht verantwortet in Berlin Johannes C. Gall für die Herausgeber, die Internationale Hanns-Eisler-Gesellschaft (IHEG) im Zusammenwirken mit der Akademie der Künste. Er gehört dem IHEG-Vorstand an und leitet den Berliner Hans-Beimler-Chor, der beim diesjährigen UZ-Pressefest eine Auswahl dieser Eisler-Chöre vorstellte. Einige Chormitglieder fanden jetzt bei Galls öffentlichem Vortrag zum Notenband I/5 im Berliner Marx-Engels-Zentrum Gelegenheit, sich bislang erarbeitete Repertoireteile in gemeinsam erörterten Zusammenhängen bewußter zu machen.
Am Anfang von Eislers thematischer Neuorientierung auf dem Feld der Chorkomposition standen 1925 Drei Männerchöre op.10 nach extrahierten spöttischen „Zeitgedichten“ von Heine. Den von Eisler überschriebenen Sätzen „Utopie“ und „Demokratie“ geht ein aufstachelnder Sangesspruch „Tendenz“ voran, provozierend im DAS-Klima, wo KPD-nahe Sänger ausgegrenzt wurden: „Deutscher Sänger sing und preise, daß dein Lied unsrer Seelen sich bemeistre in Marseillerhymnenweise und zu Taten uns begeistre“. Eisler macht es dadurch zum Kampflied, indem er der Oberstimme, kommentierend, das Signal der dort wohl längst ad acta gelegten „Internationale“ aufmoduliert anstelle des Marseillaise-Zitats.  
1928 wird der Komponist im agitprop-angenäherten „Chor-Referat“ deutlicher, dem ersten von Vier Stücken für gemischten Chor auf eigene Texte op.13. Sein kollektiver „Vorspruch“ an die „werten Anwesenden“ mündet in dem Ruf: „Auch unser Singen muß ein Kämpfen sein!“ Die gleichzeitige Mitarbeit bei der Truppe „Rotes Sprachrohr“ in Berlin prägte entscheidend seine soziale wie musikalische Neuorientierung, nun auch vom Saal aus auf eine Straßen-Vorhut der deutschen Arbeiterklasse gerichtet. Nicht zufällig schrieb Eisler zu dieser Zeit auf Worte von David Weber (das war Robert Gilbert) das Wahlkampflied „Drum sag der SPD ade und werde Kommunist!“   
Neben der Kurzen Anfrage (Lied der Arbeitslosen) aus Zwei Männerchöre op.14 schlug die „außerordentliche Kraft“ der Bauernrevolution - nach Melodie und Text des Bauernaufstandslieds von 1525 „Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“ - 1929 beim Rezensenten des Berliner Börsen-Couriers als harmonisch neuartiges und interessantes Kampflied ein. Das war die erste Annäherung an funktional eingesetzte ältere volkstümliche Praktiken. „Eisler sagt sich mit diesen Stücken völlig von der Esoterik des Schönbergkreises los und gelangt zu einer greifbaren, formal klar disponierten Haltung.“
In unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft entstand Auf den Straßen zu singen op.15 für gemischten Chor a cappella und kleine Trommel. Kompositorisch verwendet Eisler vorbürgerliche Modi und offene Akkorde auf einen indirekten Marschrhythmus: „Wir woll‘n unsern Anteil am Reichtum der Welt. Wir marschieren Tag um Tag, bis ans Ziel. Verdammt, wer nicht mit uns mitmarschieren will! Weg da! Weg da!“ Von da aus ist es nur noch ein Schritt zum Kominternlied auf Texte von Franz Jahnke und Maxim Vallentin in ungezählten Varianten.  
In den Männerchören op.17, op.19 und op.35 werden die Streiks bzw. Solidaritätsaktionen der amerikanischen Arbeiterklasse in den 20er Jahren gespiegelt. Mit dem Gedenken der lebenden Proletarier an die toten Soldaten beidseits der Stacheldrahtverhaue im Kontext steht der Verbrüderungsruf ans Publikum.
Zwei Stücke für gemischten Chor op.21 markieren den Beginn der Zusammenarbeit mit Brecht: Die „Liturgie vom Hauch“ aus dessen Hauspostille geißelt angelehnt an ein von Brecht erinnertes Kirchenlied für das einfache Volk romantisierende Arbeitersänger, die sich nach 1917/18 noch immer der sozialen Wirklichkeit verweigerten. Eislers Vertonung des eigenen Textes „Über das Töten“ (Furchtbar ist es, Blut zu vergießen) greift die Kernaussage des zuvor mit Brecht begonnenen Maßnahme-Lehrstücks auf.


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Leserbrief zu »Auf den Straßen zu singen«, UZ vom 4. November 2016





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