Ein Friedensplan für Afghanistan

Taliban könnten islamische Blauhelme tolerieren – Imperialismus-Konferenz der MES
Von - ler
|    Ausgabe vom 4. November 2016

„37 Jahre Krieg sind genug“. Matin Baraki meint den Krieg, der in und gegen Afghanistan geführt wird. Baraki ist selber Afghane, Lehrbeauftragter und Übersetzer in Marburg. Er sprach am vergangenen Wochenende auf einer gut besuchten Konferenz der Marx-Engels-Stiftung in Marburg, die sich mit „Zwischenimperialistischen Widersprüchen“ befasste. Baraki beschreibt und klagt nicht nur über den Krieg gegen sein Land, sondern er hat auch einen Friedensplan. Dessen wichtigste Punkte sind eine sechsmonatige Waffenruhe, der Einsatz so genannter UN-mandatierter „Blauhelme“, die aus den Reihen der blockfreien und islamischen Staaten kommen, unter dieser Aufsicht eine provisorische Regierung, Wahlen, eine vorläufige Verfassung und schließlich der vollständige Abzug der NATO-Besatzer.
Baraki ist der Auffassung, dass die Taliban sich auf den Vorschlag einlassen würden, unter der Aufsicht von UN-Soldaten aus islamischen und Blockfreien Ländern mit den Warlords und den Vertretern der jetzigen US-gestützten Regierung zu verhandeln. „Die Taliban sind Patrioten“, sagt er. Sie hätten „eine nationale Agenda“ und „aus ihren Fehlern gelernt“. Die „Progressiven“ könnten allein Afghanistan nicht von den Imperialisten befreien. Mit den Taliban könne man auch Kompromisse schließen, konkret etwa in der Art, dass sie zustimmen, dass „meine Töchter eine Ausbildung“ bekommen, dafür würde „ich zugestehen, dass sie das Kopftuch – nicht die Burka – tragen müssen“.
Im Schnelldurchgang schilderte Baraki die Geschichte seines Heimatlandes: die beiden Überfälle der Briten im 19. Jahrhundert, deren letzter in einer verheerenden Niederlage und der Vernichtung des kolonialen Expeditionskorps endete; die vergeblichen Bemühungen des deutschen Kaiserreichs und des Nazireichs, Afghanistan gegen Britisch Indien in Stellung zu bringen; die ebenso erfolglosen Versuche der USA und der Bonner BRD-Regierung, Afghanistan im Kalten Krieg auf ihre Seite zu ziehen. Sie blieben erfolglos. Trotz der monarchischen und feudalen Struktur des Landes blieb Afghanistan neutral und Mitglied der Blockfreien Staaten. 1973 wurde der König gestürzt, in den folgenden fünf Jahren wurden die Kommunisten aus der Regierung gedrängt, so dass 1978 ein erneuter Umsturz erfolgte. Die von den Kommunisten dominierte Regierung formulierte das Ziel einer bürgerlichen Revolution und die Entmachtung der Feudalherren. Im Sommer 1978 beginnt der Krieg, als die USA beschließen, die islamistischen bewaffneten Kräfte, die so genannten Mudschaheddin zu fördern. Erst 1992 kapituliert die progressive Regierung.
Schon in den letzten Monaten der Regierungszeit Clintons fasst die US-Regierung den Plan, die Taliban in Afghanistan zu beseitigen. Aber erst nach den Anschlägen vom 11. September 2001 beschließt die Regierung Bush am 7. Oktober, Afghanistan zu besetzen. Die damalige deutsche Regierung unter Schröder und Fischer besteht ihrerseits darauf, dass der NATO-Bündnisfall eintritt, sodass NATO- und damit deutsche Truppen zum Hindukusch geschickt werden können. In Petersberg bei Bonn wird die neue Regierung Afghanistans zusammengebastelt. Nachdem Afghanistan erobert ist, weisen die Amerikaner den Verbündeten Besatzungszonen zu, den Deutschen eher unbedeutende. Der seit 1978 dauernde Krieg geht in anderer Form weiter. „Die USA sind nicht nach Afghanistan gekommen, um wieder wegzugehen“, sagt Baraki. Die Taliban „zeigen ihnen die Grenzen ihrer militärischen Fähigkeiten“.
Nach Baraki referierten Beate Landefeld zu den imperialistischen „Widersprüchen in der EU“ und Lucas Zeise zum „Verhältnis Deutschlands zu den USA“. Beide Autoren wollen ihre Vorträge in druckbare Schriftform bringen, damit sie demnächst in der UZ erscheinen können.


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Leserbrief zu »Ein Friedensplan für Afghanistan«, UZ vom 4. November 2016





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