Autolobby erzeugt Elektro-Hype

E-Mobilität – die neue Verlockung der Autobranche
Von Alfred Hartung
|    Ausgabe vom 28. Oktober 2016

( CC0 Public Domain)

E-Mobilität – die neue Verlockung der Autobranche
Elektroautos sind der Renner. Zumindest in der Diskussion über die Zukunft der Branche. Seit dem Auffliegen der Betrugssoftware ist die Mär von der „modernen“ und vor allem „sauberen“ Dieseltechnologie“ geplatzt. Nun musste schleunigst umgeschaltet werden. Und damit rückten die Elektroautos, die jahrelang bei den deutschen Autobauern einen Dornröschenschlaf hielten, plötzlich in den Mittelpunkt. Die Konzerne planen eindrucksvolle Verkaufszahlen: 2025 will Daimler 15 bis 20 Prozent seines Umsatzes mit E-Mobilen losschlagen, VW geht gar von 25 bis 30 Prozent seiner z. Z. zehn Millionen verkauften PKW aus. Das wären 2,5 bis 3 Millionen E-Mobile – jedes Jahr! Und auch BMW hat jetzt ähnliche Prozentzahlen als Ziel angegeben. Bei der Debatte um die Verkaufsprämie ist der eigentlich entscheidende Punkt aber in den Hintergrund geraten: Elektroautos sind nur unter bestimmten Bedingungen sinnvoll und förderungswürdig. Das haben mehrere Studien inzwischen gezeigt.

Keine Emissionen?
Als erstes muss hier der Slogan „null Emissionen“ hinterfragt werden. Denn die Emissionen entstehen zwar nicht beim Fahren, aber die Energie muss vorher in die Batterien geladen werden. Und dazu braucht man Strom aus dem Netz, dessen Erzeugung alles andere als emissionsfrei ist: Noch immer wird weit mehr als die Hälfte aus fossilen Quellen gewonnen, an erster Stelle Braunkohle. Das führt dazu, dass das Elektroauto in Hinblick auf klimaschädliche Emissionen beim Fahren nicht viel besser abschneidet als herkömmliche Autos, die mit Benzin oder Diesel fahren – die Emissionen entstehen eben nur an anderer Stelle. Und das Gegenargument, man lade das Auto ja nur mit Ökostrom, ist eine Milchmädchenrechnung. Dafür müsste der Ausbau erneuerbarer Energien massiv in Angriff genommen werden. Die letzte Novellierung des Erneuerbare-Energie-Gesetzes (EEG) geht in die andere Richtung.

Auch der Energiebedarf für die Produktion von E-Autos ist enorm, ca. doppelt so hoch wie beim Auto mit Verbrennungsmotor. Ursache dafür ist vor allem die Batterie. Das führt dazu, dass die gesamte Energiebilanz des E-Autos sich kaum von der eines herkömmlichen Autos unterscheidet. Ein zusätzliches Problem ist das Gewicht der Batterien. Für die Energie von einem Liter Diesel oder Benzin muss nach heutigem Stand mindestens 50 Kilogramm Batteriegewicht gerechnet werden.

Rohstoffe sind begrenzt
Die Energie ist nicht das einzige Problem der E-Auto-Batterien. Hinzu kommt der Bedarf vieler seltener Rohstoffe. An erster Stelle Lithium, aber auch Terbium, Neodym, Dysprosium und weiterer Verbindungen mit klingendem Namen. Das Vorkommen der meisten dieser Rohstoffe ist global eng begrenzt, was bei Realisierung der oben angesprochenen Ausbauplänen schnell zum Problem werden wird. Dazu kommt, dass diese Rohstoffe oft mit erheblichen negativen Umweltauswirkungen gefördert werden. Desweiteren ist die Lebensdauer der Batterien begrenzt -genau wie bei Computern und Handys. Unter den realen Bedingungen des Autogebrauchs (Hitze und Kälte) muss die Batterie dann häufiger ersetzt werden, wofür erneut Energie und Rohstoffe benötigt werden. Die eventuelle Zurückgewinnung und Wiederverwendung der seltenen Rohstoffe ist bisher auch völlig ungeklärt.

Neben diesen mehr „technischen“ Problemen gibt es weitere Knackpunkte, z. B. die Benutzung der E-Autos. Da ihre Reichweite nach wie vor gering ist, verwendet ein großer Teil der Nutzer sie nicht etwa zum Ersatz eines herkömmlichen, sondern als zusätzliches Auto. Das ist aus ökologischer Sicht kontraproduktiv und verschärft überdies die Platzprobleme in den Städten. Auch die beobachtete Verhaltensänderung nach dem Kauf eines E-Autos spricht nicht für eine positive Umweltwirkung. In Norwegen, wo der Anteil der E-Autos an den Neuzulassungen schon bei mehr als 30 Prozent liegt, hat man beobachtet, dass nach der Anschaffung eines Elektroautos viel mehr Fahrten mit dem eigenen Auto zurückgelegt wurden als zuvor; der Anteil der Fahrten mit dem öffentlichen Verkehr ging deutlich zurück. Wenn dann noch hinzu kommt, dass die Elektroauto-Förderung auf Kosten der dringend notwendigen Erneuerungsprogramme für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) geht, der vielfach schon längst elektrisiert ist(Busse und Bahnen) und der in vielen Regionen unter einem erheblichen Investitionsstau leidet, wird diese Fehlorientierung noch einmal verstärkt.

Die Förderung einer ökologischen Mobilität darf sich nicht allein an dem von der Autolobby erzeugten Elek­troauto-Hype, inzwischen ergänzt um die Vernetzung der PKW mit dem Internet und dem autonomen Fahren, orientieren. Nötig ist ein gesamtgesellschaftlicher Rahmenplan für eine ökologische, soziale und sichere Mobilität. Dafür braucht es den Ausbau und die Vernetzung bestehender Verkehrsträger und -Systeme sowie neuer. Darin haben dann auch E-Autos einen Platz. So zeugt es nicht gerade von unternehmerischer Weitsicht, dass VW z. B. ihrem ehemaligen Großkunden Deutsche Post keine E-Autos anbieten konnte. Und die Forschungen zum autonomen Fahren könnten z. B. im Hinblick auf die verheerenden LKW-Unfälle großen Nutzen haben.

Gefördert werden sollte ein „Umbau“ der Automobilindustrie, damit nicht wieder einmal die Beschäftigten die Zeche zahlen müssen.


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Leserbrief zu »Autolobby erzeugt Elektro-Hype«, UZ vom 28. Oktober 2016





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