Erinnerungen an Melbourne

Von den Problemen des Missionschefs der DDR
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 28. Oktober 2016

Der 60. Jahrestag der Olympischen Spiele von Melbourne 1956 rückt näher und man wird dem stellvertretenden Chef de Mission erlauben, sich an jene Tage zu erinnern. Wieso ich damals diesen Job übernahm würde allein schon eine Zeitungsseite füllen. Ich fasse mich kurz.

Damals galt noch die Regel, dass der Chef de Mission – im Grunde der für die Kontakte mit den Gastgebern zuständige Funktionär der Mannschaft – ein im Austragungsland Gebürtiger sein müsse. Also machte sich die DDR, die darauf bestand, einen eigenen Chef de Mission zu nominieren, auf die Suche nach einem in Australien geborenen DDR-Bürger. Sie fand aber keinen.

Dann siedelte der heute mit seinen 93 Jahren noch sehr fidele Schriftsteller Walter Kaufmann – er hatte durch seine Flucht nach Australien die dortige Staatsbürgerschaft erworben – in die DDR über und erfüllte die von den Ausrichtern der Spiele geforderten Bedingungen. Sein Problem: Er hatte nicht die Spur einer Ahnung von Sport und erst recht keine von Olympischen Spielen. Wer mich damals als seinen Assistenten nominierte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls flog ich als sein Berater mit ihm und seiner Frau Wochen vor den Spielen nach Melbourne.

Vorher hatten wir allerdings noch einige Probleme zu lösen. Die Bundesregierung fürchtete, dass die 4-mal-100m-Staffel der Frauen, die in Rostock eben drei Weltrekorde in drei Stunden gelaufen war, in Melbourne gewinnen könnte und die Australier auf die Idee kämen, die DDR-Hymne zu spielen. Also erzwang man in Leipzig ein „Qualifikationsrennen“, bei der eine bundesdeutsche Sprinterin in die Mannschaft gelangte. Die verletzte sich in Melbourne, wurde durch eine Ersatzläuferin ersetzt, die auch nicht viel schneller war und so gelangte die 3-Viertel-Weltrekordstaffel nur auf Platz sechs. Walter Kaufmann hatte also pausenlos zu verhandeln und ich ihm zu assistieren.

Ich konnte allerdings ein wichtiges Problem für die DDR lösen: Der US-amerikanische Käufer aller Fernsehrechte fürchtete wegen der Ereignisse in Ungarn, dass die Spiele ausfallen würden und verkaufte sie. Als feststand, dass sie stattfinden würden, verlangten die Käufer einen Wahnsinnspreis. Der Mann war ruiniert, als ich ihm begegnete und ein „deutsches“ Angebot machte. Er ließ sich den DDR-Fernsehfunk buchstabieren, behauptete rundum, der größte deutsche Fernsehsender hätte die Rechte gekauft, was die übrigen Sender zu Rückkäufen bewog. Am Ende flog täglich eine Maschine die Fernsehfilme nach Berlin und das Westfernsehen hatte das Nachsehen. Wer Olympia erleben wollte, musste also in der Nähe der DDR-Grenze ein Zimmer mieten.

Doch die Probleme hatten sich damit noch nicht erschöpft. Der Botschafter der Bundesrepublik bestand auf einem „deutschen Abend“. Wir konnten uns kaum als „Nicht-Deutsche“ ausgeben und bestanden darauf, dass an diesem Abend auf keinen Fall die bundesdeutsche Hymne gespielt würde. Der Botschafter akzeptierte die Forderung und die Stimmung ließ nichts zu wünschen übrig – bis sich plötzlich das Orchester erhob und das Deutschlandlied spielte. Es vergingen nur Sekunden, bis die DDR-Mannschaft in Dreierreihe aus dem Saal marschierte! Damit hatte der Botschafter nicht gerechnet!


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Leserbrief zu »Erinnerungen an Melbourne«, UZ vom 28. Oktober 2016





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