St. Pauli des Ostens: SV Babelsberg 03

Wenn Politik im Stadion ausgetragen wird
Von Andres Irurre
|    Ausgabe vom 28. Oktober 2016

In der brandenburgischen Landeshauptstadt befindet sich mit dem jetzigen Fußball-Regionalligisten SV Babelsberg 03 ein sympathischer Club, der durch seine engagierte Fanszene zu den progressivsten gehört. Der mehrmals unbenannte und durch Fusionen entstandene Verein war nie vom Glück verfolgt. Zu DDR-Zeiten spielte die damalige BSG Motor nicht einmal in der Oberliga, der spielhöchsten Klasse im DDR-Fußball.

Nach der „Wende“ löste sich die Fußballabteilung aus der Betriebssportgemeinschaft heraus und gründete und benannte sich, ihren Wurzeln folgend, in den Sportverein Babelsberg 03 um.

Hier beginnt dann auch die Geschichte des „St. Pauli des Ostens“.

In den 1980er Jahren war Potsdam bereits dafür bekannt, dass es immer wieder zu heimlichen Hausbesetzungen kam. Junge Menschen wollten nicht mehr auf die von staatlicher Seite aus gelenkte Wohnungsvergabe warten. Zudem war man erbost darüber, dass ganze Häuser verfielen und man lieber auf neue Plattenbauten setzte als auf Instandsetzung bereits vorhandenen Wohnraums.

Der von den Fans liebevoll „Nulldrei“ genannte Verein spielte nicht immer schön, aber hin und wieder erfolgreich, so dass man sich nach einigen Jahren den Weg aus der Landesliga Brandenburg in die Regionalliga Nordost erkämpft hatte. Für die Saison 2001/2002 spielte man sogar ein Jahr in der 2. Bundesliga, stieg jedoch leider direkt wieder ab. Das zu DDR-Zeiten noch zahlreich erschienene Publikum wurde weniger, die lokale alternative Szene bestehend aus Hausbesetzern, Punks und anderen subkulturellen Strömungen füllte die leeren Plätze auf den Tribünen des Karl-Liebknecht-Stadions aber schnell wieder auf.

Anfangs nahm man sich noch den FC St. Pauli und seine linken Anhänger als Vorbild. Das änderte sich alsbald und man entwickelte ein eigenes Selbstverständnis. Das hatte gleich mehrere Gründe. Der Fußball und seine Fans im Osten unterschieden sich – gerade in den unteren Ligen – doch sehr von dem in den alten Bundesländern. Durch die Auflösung der DDR-Oberliga im Sommer 1991 und das Nadelöhr der Qualifikation, fanden sich nur zwei Ostvereine in der Bundesliga und lediglich sechs in der 2. Bundesliga wieder. Die restlichen Vereine verschwanden erst einmal für Jahre in der Versenkung. Kein einziger Verein der letzten Oberliga-Saison spielt heute in der ersten Fußball-Bundesliga.

Jedoch lösten sich die großen Vereine des ostdeutschen Vereinsfußballs und ihre Fans nicht einfach in Luft auf. In den 1990er Jahren war das öffentliche und mediale Interesse am Fußballsport noch nicht so groß, wie wir es heute erleben. Was sich entwickelte, das war eine ständig stärker werdende, offen rechtsradikale Szene in nahezu allen Städten. Diese ging dann am Wochenende zum Fußball. Gerade in den Anfangszeiten ist diese Entwicklung nicht mit der im Westen zu vergleichen. Die Gewaltbereitschaft zog sich durch alle Ligen und war gerade in den unteren Klassen vorhanden, wo sich die Polizeipräsenz in Grenzen hielt, wenn man auf kleinen Sportplätzen spielte.

Die Babelsberg-Fans begannen sich zu organisieren und es entstanden unabhängige Fanclubs. Man organisierte Feste und gemeinsame Anreisen zu den Auswärtsspielen. Das diente auch dem Selbstschutz, um dem Gegner nicht zu viel Angriffsfläche zu bieten. Kontakte zu anderen Vereinen und Fanclubs waren dabei immer wichtig. Die älteste – und von allen Teilen im Verein getragene – Freundschaft besteht bis heute zum FC St. Pauli. Diese beiden linken und sozial wichtigen Clubs und deren Anhänger waren es, die durch jahrzehntelange und intensive Arbeit Themen wie Rassismus und Homophobie auf die Agenda eines jeden Fußballvereins brachten. Weite Teile der Anhängerschaft pflegen außerdem Kontakte zu Fans von Fortuna Düsseldorf, Werder Bremen, Hapoel Jerusalem, Slovan Liberec oder Roter Stern Leipzig.

Selbstverständlich passt den meisten Fans anderer Vereine die linksradikale Seite der Nulldrei-Fans nicht und so kommt es immer wieder zu Ausschreitungen bei Spielen. Nazi-Fans von Energie Cottbus, Lok Leipzig oder BFC Dynamo versuchten immer wieder zu provozieren und den blau-weißen Fanblock zu stürmen.

Einzigartig ist, dass Babelsberg 03 seit zwei Jahren mit „Welcome United 03“ eine Mannschaft beheimatet, die nur aus Flüchtlingen besteht. Dafür erhielt der Verein die Auszeichnung „Fanaktion der Saison“.


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Leserbrief zu »St. Pauli des Ostens: SV Babelsberg 03«, UZ vom 28. Oktober 2016





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