Die Dreieraggression von 1956

Der Arabische Nationalismus feierte in der Suezkrise einen großen Erfolg und wird vom Westen seitdem bekämpft
Von Marc Stellberg
|    Ausgabe vom 28. Oktober 2016
1956: Gamal Abdel Nasser wird von Anhängern gefeiert. (Foto: CIA/public domain)
1956: Gamal Abdel Nasser wird von Anhängern gefeiert. (Foto: CIA/public domain)

Vor 60 Jahren, im Oktober 1956, begannen Großbritannien, Frankreich und Israel gemeinsam eine Militärintervention gegen die Republik Ägypten. Israel besetzte die Sinaihalbinsel und britisch-französische Einheiten landeten in der Suezkanalzone. Der Angriff erfolgte, weil die ägyptische Regierung unter Präsident Gamal Abdel Nasser die mehrheitlich britisch-französische Suezkanalgesellschaft verstaatlicht hatte. Die Kontrolle über den Suezkanal, einer der wichtigsten Wasserstraßen der Welt, durch Ägypten war ein wichtiger Schritt aus der kolonialen Abhängigkeit durch Großbritannien hin zu einer größeren Eigenständigkeit des Landes. Da sowohl die Sowjetunion als auch die USA die Aggression verurteilten und gemeinsam vor der UNO einen Waffenstillstand durchsetzten, scheiterte das militärische Abenteuer und die Invasoren mussten die von ihnen besetzten Gebiete räumen. Mit der „Dreieraggression“, wie der Krieg in der arabischen Welt genannt wird, misslang es den Imperialisten, die verlorene Position im bedeutendsten arabischen Land wiederzuerlangen und die Kräfte der nationalen Befreiung zurückzudrängen. Die Suez-Aggression wurde so zu einem grandiosen politischen Sieg Nassers und machte ihn zur wichtigsten Galionsfigur des arabischen Nationalismus. Es lohnt sich, die Bewegung des arabischen Nationalismus ein wenig näher zu betrachten.

Der Verlauf und das Resultat der beiden Weltkriege, insbesondere der Sieg der Anti-Hitler-Koalition im Zweiten Weltkrieg, führten zu einer Stärkung der Unabhängigkeitsbewegungen in den Kolonien der europäischen Mächte. Das Kolonialsystem begann mit der Unabhängigkeit mehrerer Staaten in Ostasien zu zerfallen. Allein zwischen 1946 und 1948 erlangten Indonesien, Indien, Pakistan, Burma und Ceylon ihre staatliche Selbstständigkeit. Auch in der arabischen Welt erstarkten die antikolonialen Kräfte. Zu einer gewissen Stärke fanden hier schon früh islamistische Gruppen. Beispielhaft dafür steht die Muslimbruderschaft, die bereits 1929 in Ägypten gegründet worden war. Sie betonte die religiöse Gemeinsamkeit der Muslime als Abgrenzung gegenüber den britischen Kolonialherren.

Ein Staat für alle Araber
Durch die zaghaft beginnende kapitalistische Entwicklung in den arabischen Ländern stiegen jedoch, ausgehend von den größeren städtischen Zentren, auch nationalistische Kräfte auf. Besonders unter nationalistischen Intellektuellen entwickelte sich die Überzeugung, dass alle Araber eine Nation bildeten und daher in einem geeinten Nationalstaat zusammen leben müssten. Die Spaltung der arabischen Welt, die sich vom Atlantik bis zum Persischen Golf erstreckt, wurde als Missstand betrachtet, der durch die Kolonialmächte verursacht wurde. Insbesondere der Maschrek (das Gebiet der heutigen Staaten Syrien, Irak, Libanon, Israel, Jordanien und Ägypten) wurde nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg zwischen Frankreich und Großbritannien im sogenannten Sykes-Picot-Abkommen aufgeteilt. Irak, Transjordanien und Palästina fielen an Großbritannien, Syrien und der Libanon an Frankreich. Diese als unnatürlich aufgefasste Spaltung sollte im Sinne der Panarabischen Bewegung überwunden werden.

Eine der wohl wichtigsten Organisationen in diesem Lager war die 1947 in Syrien gegründete Baath-Partei. Eine Kaderpartei, die in nahezu jedem arabischen Land aktiv war und schließlich seit den frühen 60er Jahren in Syrien und Irak regieren sollte. In Syrien bildet sie bis heute die Regierung, in Irak wurde sie 2003 vom US-Militär gestürzt. Doch die Baath-Partei war keineswegs die einzige Organisation, die einen panarabischen Nationalismus vertrat.

Den fulminanten Anfang machte der eingangs erwähnte Gamal Abdel Nasser, als er mit der Gruppe der „Freien Offiziere“ 1952 die von den Briten kontrollierte ägyptische Monarchie stürzte und die Republik Ägypten proklamierte. In der Folge leitete die republikanische Regierung eine ganze Reihe von antiimperialistischen und antifeudalen Maßnahmen ein. Eine Bodenreform drängte den Einfluss der Großgrundbesitzer zurück, es wurden große Anstrengungen gemacht, das Land zu industrialisieren und ausländische Unternehmen wurden verstaatlicht. Die Suezkanalgesellschaft war dabei das prominenteste Beispiel. Vor allem in den 60er Jahren wurde die Armut durch eine ganze Reihe von Sozialmaßnahmen bekämpft und durch eine Einbindung der werktätigen Schichten in den revolutionären Prozess versucht, die alten Herrscherschichten zurückzudrängen.

Außenpolitisch vertrat Nasser eine Politik der Nichtpaktgebundenheit. So spielte Ägypten eine wichtige Rolle in der Bewegung der Blockfreien. Gleichzeitig begann eine ökonomische und politische Annäherung an das sozialistische Lager.

Rauch steigt aus Öltanks neben dem Suez-Kanal auf: Der erste anglo-französische Angriff auf Port Said am 5. November 1956

Rauch steigt aus Öltanks neben dem Suez-Kanal auf: Der erste anglo-französische Angriff auf Port Said am 5. November 1956

( IWM (MH 23509)/wikimedia.org/public domain)

Verstaatlichung
Auch den panarabischen Idealen versuchte Nasser gerecht zu werden, was 1958 zum staatlichen Zusammenschluss Ägyptens mit Syrien zur Vereinigten Arabischen Republik führte. Sie bestand jedoch nur drei Jahre, da sie an inneren Widersprüchen zwischen den Ländern wieder zerbrach.

Ägypten war jedoch bei weitem nicht das einzige Land, in dem sich solche progressiven Umwälzungen vollzogen. In Irak kamen 1958, ähnlich wie in Ägypten, republikanische Offiziere an die Macht, die in der Folge die wichtigsten Bodenschätze (vor allem das Erdöl) nationalisierten und den britischen Einfluss auf das Land beseitigten. In Syrien kam in den 60er Jahren die Baath-Partei an die Macht und begann, insbesondere seit der Machtübernahme durch Hafiz al Assad im Jahre 1970, das Land systematisch zu industrialisieren und eine außenpolitisch eng an die Sowjetunion angelehnte Politik zu betreiben. In Algerien schaffte es die FLN in einem acht Jahre dauernden blutigen Krieg, die französische Kolonialmacht zu bezwingen und die Unabhängigkeit des Landes zu erkämpfen. In Libyen kam 1969 Oberst Muammar al Gaddafi an die Macht, der ebenfalls das Erdöl verstaatlichte und ausländische Truppen des Landes verwies.

Selbstverständlich gab es mannigfaltige Unterschiede zwischen all diesen verschiedenen nationalen Bewegungen, was stark an der sehr unterschiedlichen Verfasstheit der Gesellschaften der jeweiligen Länder und ihrem Entwicklungsstand lag. Doch hatten sie einige Punkte durchaus gemeinsam. Im Vordergrund stehen dabei vor allem die Bemühungen um eine ökonomische und damit auch gesellschaftliche Entwicklung der Länder, die zu einer Stärkung der eigenen Souveränität und Unabhängigkeit vom Imperialismus führen sollte. Bei aller Unterschiedlichkeit untergruben also diese Entwicklungen die Position des Kolonialismus im arabischen Raum.

Zusätzlich angefacht wurde diese antiimperialistische Haltung noch durch den Konflikt in Palästina. Die zionistische Besiedlung Palästinas wurde von Großbritannien, das das Land nach dem Ersten Weltkrieg als Völkerbundmandat für sich sichern konnte, aktiv gefördert. Nach der Staatsgründung Israels 1948 kam es infolge von bewaffneten Auseinandersetzungen zur Vertreibung von mehreren hunderttausenden Palästinensern, was in der arabischen Welt als Katastrophe „Nakba“ (Katastophe) in Erinnerung blieb. Die arabischen Nachbarstaaten Israels begannen einen Krieg gegen den neu gegründeten Staat, den sie jedoch krachend verloren. Durch die Vertreibungspolitik der israelischen Führung und die israelische Eroberung weiterer palästinensischer Gebiete wurde die Gründung eines palästinensischen Staates, wie von der UNO vorgesehen, unmöglich gemacht. Dies wurde nicht nur von den panarabischen Nationalisten als Unterdrückung der Rechte ihrer arabischen Brüder und Schwestern betrachtet.

Dazu kommt, dass die imperialistischen Mächte in Israel einen geeigneten Verbündeten sahen, um den antikolonialen Bewegungen in der Region entgegenwirken zu können. Der israelischen Führung kam das sehr gelegen, da sie hoffte, im Kielwasser der großen Imperialisten Gebietsgewinne zu verbuchen. Diese Verbindung zeigte sich deutlich im Suezkrieg, wo sich die britischen, französischen und israelischen Interessen kreuzten. Dem Kampf gegen die israelischen Aggressionen kam also insbesondere für die Anrainerstaaten Ägypten, Syrien und auch das Königreich Jordanien eine große Rolle zu.

1967 begann Israel mit der Rückendeckung der USA einen Präventivkrieg gegen seine drei Nachbarn. Die hoffnungslos unterlegenen arabischen Streitkräfte wurden an allen Fronten geschlagen und Israel besetzte große Gebiete ihres Territoriums, den ägyptischen Sinai, den syrischen Golan, das Westjordanland, den Gazastreifen und Ostjerusalem. Diese verheerende Niederlage wirkte sich schwer auf den politischen Prozess in Ägypten aus. Die Politik der Regierung wurde offen in Frage gestellt. Als drei Jahre später Präsident Nasser starb, bot das den ägyptischen Rechtskräften und der internationalen Reaktion die Möglichkeit, die fortschrittlichen Entwicklungen des Landes zurückzudrehen und den Unabhängigkeitskurs Ägyptens zu schwächen.

Auch in der gesamten Region führte die Niederlage im Junikrieg zu einer Schwächung der säkularen nationalen Kräfte. Sie waren nicht in der Lage, den Rechten der Palästinenser Geltung zu verschaffen, und konnten die imperialistische Aggression nicht abwehren. Unter anderem führte dies auch zum Erstarken von islamistischen Bewegungen, die in die Lücke, welche sich durch die Schwäche des Nationalismus aufgetan hatte, weiter vorstießen. In der Folgezeit bis heute wuchsen diese Gruppierungen stark an.

Drei Staaten zerschlagen
Wie bereits erwähnt unterschieden sich die arabischen nationalistischen Regierungen deutlich voneinander. Ihr tatsächlicher Charakter wurde von den innenpolitischen Kräfteverhältnissen und Klassenauseinandersetzungen bestimmt. Doch ebenso bestimmend waren die internationalen Klassenkämpfe und die weltpolitische Lage. So nimmt es nicht wunder, dass nach dem Kollaps des sozialistischen Weltsystems in den noch von Nationalisten regierten arabischen Ländern antikapitalistische Positionen an Boden verloren. Dennoch stehen diese letzten Regierungen für eine selbstständige Entwicklung und relative Unabhängigkeit vom Imperialismus, was immer noch eine Untergrabung der kolonialen Position des Westens in einer geopolitisch so relevanten Region wie dem arabischen Raum darstellt. So kommt es auch, dass unter der Führung des US-Imperialismus systematisch ein nationalistisches Land nach dem anderen zerschlagen wird. 2003 wurde der Irak besetzt und de facto territorial zerschlagen. 2011 ereilte Libyen dieses Schicksal und seit dem gleichen Jahr wird auch gegen den syrischen Staat Krieg geführt. Die Methoden dabei sind vielfältig. Im Falle Syriens werden islamistische Milizen systematisch ausgerüstet, finanziert und nach Syrien geschleust, um die syrische Regierung zu beseitigen und das Land zu verheeren. Die Millionen Flüchtlinge, die auch nach Europa fliehen, sind eine Folge davon. Selbst der kleine, ökonomisch unbedeutende Jemen wird wegen seiner geopolitisch wichtigen Lage am Golf von Aden mit US-amerikanischer Hilfe von Saudi-Arabien in Schutt und Asche gebombt. Zu gefährlich erscheint dem Imperialismus die Forderung der Araber nach einer eigenständigen Entwicklung und Selbstbestimmung, denn sie stellt seine koloniale Position in einer der wichtigsten Regionen der Welt in Frage.


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Leserbrief zu »Die Dreieraggression von 1956«, UZ vom 28. Oktober 2016





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