Avantgarde – Tradition – Moderne

Architektur der dreißiger Jahre in der Sowjetunion 2. Teil
Von Andreas Hartle
|    Ausgabe vom 28. Oktober 2016

Kulturrevolution
Die internationale Revolution blieb aus, stattdessen hatte sich der Kapitalismus wieder gefestigt. Die Sowjet­union war von feindlichen imperialistischen Mächten umgeben; deren kriegerische Aggressivität von Jahr zu Jahr wuchs. Der italienische KP-Funktionär Palmiro Togliatti hatte neben anderen davor gewarnt, dass die wachsende Gefahr eines imperialistischen Krieges vor allem vom deutschen Faschismus ausgehe, und ein militärischer Konflikt zwangsläufig auf einen Angriff gegen die Sowjetunion hinauslaufen werde. Mit der Notwendigkeit des „Aufbaus des Sozialismus in einem Lande“ musste sich die UdSSR von der wirtschaftlichen Abhängigkeit von den Industrieländern befreien. So hatte sich die gesellschaftspolitische Internationalität schon überlebt, als die Architekten sich noch vehement auf die Internationalität im Bauen beriefen. Um zu überleben musste die SU sehr rasch eine Industrie aufbauen. Um dafür die notwendigen Ressourcen und Arbeitskräfte zu bekommen, musste sie rasch die Landwirtschaft kollektivieren. Die Industrialisierung und Kollektivierung forderte von der Bevölkerung große Opfer. Aus den Gruppen der Bevölkerung, deren Interessen bedroht waren, ergab sich die Basis für Opposition gegen diese Politik. Die Einheit der ­KPdSU und in der Sowjetregierung war aufs Äußerste belastet.

Wer die dreißiger Jahre und ihre Architektur verstehen will, muss bei dem Beschluss zum forcierten Industrieaufbau und der Kollektivierung der Landwirtschaft, überhaupt der Notwendigkeit der Konsolidierung sämtlicher Kräfte angesichts des Behauptungskampfes gegen die sich stärkenden kapitalistischen und faschistischen Kräfte beginnen. Jeder Bereich des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens erhielt seinen Stellenwert im Rahmen der Verwirklichung dieses Ziels, das nun gesamtgesellschaftlich definiert wurde. Die internationale Universalität wurde durch die Komplexität des national zu verteidigenden Sozialismus abgelöst.

Suew-Arbeiterklub Moskau, Arch. Ilya Golosow (1926)

Suew-Arbeiterklub Moskau, Arch. Ilya Golosow (1926)

( Andreas Hartle)

Die Konstruktivisten mit ihrer stark an der Technik orientierten Auffassung – in dem Irrglauben, dass das unkonventionell Neue auch das sozial Fortschrittliche sei und mit Orientierung an bürgerlich-kapitalistischen Wertvorstellungen dem westlichen Pluralismus nahe – kamen zum tiefen Bruch mit den ausführenden Organen. Die Anlehnung der Konstruktivisten an die westliche Kultur wurde weiterhin verteidigt – und das angesichts der politischen Brisanz, als die Gruppe um Nikolai Bucharin für ihre Ideen vom Erlöschen des Klassenkampfs und dem friedlichen Hineinwachsen der sogenannten kapitalistischen Elemente in den Sozialismus von der KPdSU 1928 öffentlich kritisiert wurde.[1]

Im eigenen Land gab es keine Baumaschinenindustrie. Die Infrastruktur für das Neue Bauen war noch nicht vorhanden, nicht einmal vorbereitet, weder auf materiellem noch auf personellem Sektor. Solange die Fertigteile noch von Hand hergestellt werden mussten, solange Standardisierung und Rationalisierung von Grundrissen eine Verkomplizierung der Konstruktionen mit sich brachten, welche ihrerseits nur von Facharbeitern mit Spezialmaschinen ausgeführt werden konnten, waren sie unbrauchbar.

Wohnungsbau (Sozgorod – sozialistische Stadt) wurde Teil des Gesamtwirtschaftskonzepts. Der Sozialismus stellte sich jetzt nicht mehr mit den zukunftsweisenden Mitteln der Technik dar, sondern mit Mitteln, die auf das Vorhandene aufbauten und die für Beständigkeit, Verständlichkeit und historische Kontinuität standen. Jetzt wurde die Tradition als innovatorisches Element für die sozialen Ziele eingesetzt.

Seit der Revolution war das Volk praktisch im Besitz des Erbes, jetzt sollte dies auch ideologisch angeeignet werden. Die Architektur sollte Bindung und emotionale Identität vermitteln. Ornament und Detail wurden als individueller Bezugspunkt verwendet. Darüber hinaus sollten die Massen ihren Raum erhalten – dieser Raum war der Straßenraum. Die Projekte der Konstruktivisten waren in sich abgeschlossene Meisterwerke; losgelöst von vorhandenen städtischen Strukturen bildeten sie keinen öffentlichen Raum. Jetzt wurde mit den Bauwerken der öffentliche Raum projektiert. Die Fassade des Wohnhauses war nicht mehr nur Hülle der privaten Wohnung, sondern neue kollektive Hülle des öffentlichen Raums mit anderen Proportionen, die Verkörperung des Kollektivs mittels der Monumentalität. Auch die Stadt war Wohnraum. Die Verlagerung auf die Gestaltung und die Repräsentation war verbunden mit der Euphorie der sich steigernden Erfolge, der Verwirklichung der ersten beiden Fünfjahrespläne.

Der repräsentative Anspruch an die Architektur wurde trotz noch nicht bewältigter Armut von großen Teilen der Bevölkerung befürwortet. Lebensqualität war über Architektur und Stadtraum vermittelt – nicht nur über Privatkonsum.

Erst Ende der Dreißiger – mit gewachsener Wirtschaftskraft – konnte durch die industrielle Entwicklung auch im Wohnungsbau das Ziel der Verbindung von Technik und Tradition verfolgt werden.

Als Ausländer und als westeuropäisch gebildeter Spezialist durchlief Hannes Meyer einen komplizierten Lernprozess. Einen Lernprozess vollzog aber auch die werdende sozialistische Gesellschaft beim wirtschaftlichen Aufbau, in der Kulturrevolution und in der Entwicklung der sozialistischen Demokratie unter den Bedingungen innerer und äußerer Klassenkämpfe sowie wachsender Kriegsgefahr.

Aus den Städten Nowosibirsk, Jekaterinburg, Nischni-Nowgorod zeige ich Beispiele der eigenständigen Architektur der dreißiger Jahre. Die Architekturhistorikerin Alexandra Selivanova nennt diese Jahre, die Epoche des Postkonstruktivismus, einen äußerst interessanten Prozess, der Art-déco-Motive mit konstruktivistischer Theorie der Form verbindet. Architekten, die mit ihren Projekten in den Zwanzigern weltweit bekannt wurden – Moissej Ginsburg, Iwan Leonidow, die Brüder Wesnin, die Brüder Golosow und andere versuchten mit klassischen Details einen neuen sowjetischen Stil zu schaffen; aber sie nutzten die formalen Methoden der Avantgarde.[2]

Nowosibirsk
Der sibirische Architekt A. D. Krjatschkow hatte seine Karriere lange vor der Revolution begründet. (s. Bilder im 1. Teil des Artikels – UZ 21.10.) Das heutige Museum der Geschichte wurde 1910 von ihm geplant als Handelshaus mit der Stadt-Duma und der Filiale der Staatsbank im Obergeschoss. Es ist architektonische Repräsentation der wichtigsten öffentlichen Einrichtungen dieser Zeit. In den Zwanzigern und zu Beginn der Dreißiger plante Krjatschkow viele öffentliche Gebäude im Stadtzentrum im kons­truktivistischen Stil – so das Gebäude des Kreisexekutivkomitees des Sowjets der Deputierten der Werktätigen. Für Krjatschkow kann diese Periode seines Schaffens als Unterbrechung auf einem völlig anderen Gleis der Formbildung betrachtet werden – insofern als er mit dem Nachbargebäude Stokvartiny-Wohnhaus unmittelbar anschließend seine traditionsorientierte Architektur weiter entwickelt. Hier erkennen wir in der Fassadengestaltung dekorative Elemente, die sich auf die Arbeit des französischen Architekten August Perret beziehen – also eher im Sinne des Art-Déco als des Klassizismus. Auf der Internationalen Ausstellung von Kunst und Technik 1937 in Paris wurde das Gebäude mit der Goldmedaille ausgezeichnet.

Hotel Madrid Sozgorod Uralmasch Jekaterinburg, Architekt Bela Scheffler (1938)

Hotel Madrid Sozgorod Uralmasch Jekaterinburg, Architekt Bela Scheffler (1938)

( Andreas Hartle)

Die Idee der Sozgorod (sozialistische Stadt) – die Wohnkomplexe in der Nähe der großen Industrien – ist erlebbar in Jekaterinburg und in Nischni-Nowgorod. Im Rahmen der ersten Fünfjahrespläne sind Hunderte von Industrieanlagen in Sibirien, im Fernen Osten und im Ural verwirklicht worden – inbegriffen die Giganten wie Magnitogorsk und Kusnezk. Die Wohnkomplexe bilden ein entwickeltes System der sozialen und kulturellen Infrastruktur; sie sind jeweils durch Grüngürtel von der Industriezone getrennt.

– Uralmasch-Sozgorod für den Schwermaschinenbau in Jekaterinburg

– Sozgorod Awtosawod für den Automobilbau in Nischni-Nowgorod (noch heute sind es die Autofabriken Gaz und Gorki)

In der Uralmasch-Sozgorod erinnern die Namen von Plätzen und Straßen an sozialistische Zeiten: Platz des ersten Fünfjahresplan, Rote Partisanen, Boulevard der Kultur. Dieser Wohnkomplex wuchs bis in die 50er auf 24 000 Einwohner.

Von der großzügigen Infrastruktur ist nicht mehr alles instand geblieben. Die hochmechanisierte Küche, die den Arbeitern drei Mahlzeiten täglich angeboten hatte, ist heute Kulturhaus. Das Kinogebäude, in dem 1957 die erste Breitleinwand im Ural installiert wurde, ist nurmehr Ruine; aber das Russische Dampfbad ist wie früher in Betrieb und gut besucht. Etliche Gebäude in dieser Sozgorod sind unter maßgeblicher Beteiligung von Bela Scheffler geplant worden. Er war eines der Mitglieder der „Roten Brigade“ von Hannes Meyer und ist mit ihm 1930 in die Sowjetunion gekommen. Scheffler plante das Hotel Madrid, das im Gedenken an die Interbrigadisten in Spanien so heißt. Bei diesem Gebäude mag man die klassizistischen Fassadenelemente wegdenken und in der straffen Gliederung der Baukörper Merkmale des Neuen Bauens erkennen.

Busygin-Wohnanlage Sozgorod Awtozawod Nischni-Nowgorod, Architekt Ilja Golosow (1938)

Busygin-Wohnanlage Sozgorod Awtozawod Nischni-Nowgorod, Architekt Ilja Golosow (1938)

( Andreas Hartle)

In der Sozgorod von Nischni-Nowgorod ist die Wohnanlage Busygin von Ilja Golosow ein Beispiel des sogenannten Postkonstruktivismus – fertiggestellt 1938. Die Folge der riesigen Torbögen macht die Monumentalität aus; ansonsten aber ist dieses Wohnquartier durchweg „sachliches“ Bauen. Für Ilja Golosow ist dies die Weiterentwicklung seines Stils. Seine Karriere begann er in den Zwanzigern; er ist auch im Westen berühmt durch seinen konstruktivistischen Suew-Arbeiter-Klub in Moskau (1926). Der gläserne Treppenhauszylinder durchdringt den horizontalen Quader, dieser wiederum den vertikalen Quader. Dieses Spiel mit geometrischen Körpern veranschaulicht den Begriff des Konstruktivismus – sicherlich nicht den Begriff des Funktionalismus im Sinne des Funktionalen.

Palusnii Dom – Wohnanlage Sozgorod Awtosawod Nischny Nowgorod, Architekturbüro Wesnin (1937)

Palusnii Dom – Wohnanlage Sozgorod Awtosawod Nischny Nowgorod, Architekturbüro Wesnin (1937)

( Andreas Hartle)

Aus dem Architekturbüro Wesnin – bekannt für viele konstruktivistische Beispiele der zwanziger Jahre – stammt eine Weiterentwicklung besonderer Art: Palusnii Dom (1935–1937). Dieses geschwungene Gebäude in seiner Dreigliederung – Erdgeschosszone, die Geschosse mit den versetzten Balkons, das großzügige Galeriegeschoss – ist reizvoll und keinesfalls „Zuckerbäckerei“. Es dürften verdienstvolle Arbeiter des Awtosawod (Autowerk) gewesen sein, die zur Auszeichnung in diesem Gebäude wohnen durften.

Schließlich muss die städtebauliche Funktion des Gebäudes im gesamten Ensemble hervorgehoben werden. Die Formung des gesellschaftlichen Raumes ist eine Stärke der Dreißiger.

 

1 Pistorius s. oben: S. 76
2 Alexandra Selivanova in einer Mail an mich – Thema ihrer Diss. „Creative search in 1930s Soviet Architecture Theory and Practice“
Hotel Madrid Sozgorod Uralmasch Jekaterinburg, Architekt Bela Scheffler (1938)


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Leserbrief zu »Avantgarde – Tradition – Moderne«, UZ vom 28. Oktober 2016





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