Nachkontrolle kostet Silbermedaille

IOC will Doping mit neuer Organisation angehen
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 21. Oktober 2016

Wieder mal ist Doping das Thema und – wie könnte es anders sein? – einmal mehr geht es um eine russische Athletin. Und erneut ergeben sich viele Fragen. Um alle Irrwege zu blockieren: Auch wir fürchten, dass in Russland gedopt wurde und vielleicht sogar noch immer wird. Trotzdem halten wir „Doping“ und „Russland“ nicht für ein Medien-Dauerthema.
Der Fall, um den es jetzt ging, bescherte einer deutschen Athletin eine Silbermedaille: Betty Heidler kann ihre 2012 in London gewonnene Bronzemedaille im Hammerwerfen einpacken und nach Lausanne schicken. Ich kenne die Bestimmungen nicht so genau und weiß nicht einmal, ob sie auf das Päckchen eine Briefmarke kleben muss oder ob das IOC die Kosten übernimmt. Fest steht jedenfalls, dass sie und die bundesdeutsche Medaillenrangliste demnächst eine Silbermedaille nach oben steigen wird.
Dass man bei der jetzigen Medaillenrangliste auf 1 724 kam und dabei hemmungslos die 563 von der DDR errungenen (immerhin 33 Prozent) einfach unter „Deutschland“ von 1896 bis 2016 dazuzählte, überrascht nicht, denn darum geht es gar nicht. Die jetzt in Bundespolizeidiensten tätige Heidler kann sich nun die Silbermedaille, die bisher Tatjana Lyssenko besaß, in den Schrank hängen und die Russin geht leer aus. Die Täterin sei bei einer „Nachkontrolle“ der Weltmeisterschaft 2005 jetzt überführt worden, erfuhr man.
Das aber wirft die Frage auf, wann die Dopingkontrollen endlich „modernisiert“ werden? Unlängst soll der IOC-Präsident Thomas Bach (BRD) einen „Olympischen Gipfel“ deshalb zusammengeholt haben. In Zukunft soll neben der „WADA“ (Welt-Antidoping-Agentur) eine Organisation tätig werden, die eine „interne Einheit“ installiert – offen blieb, was damit gemeint sein könnte – und die Dopingsünder ermittelt. Diese Vokabel – ich muss mich da wiederholen – klingt in dieser Umgebung kindisch.
Alle Experten kennen die Dopingmittel und man muss nicht Nobelpreisträger sein, um zu wissen, wie man sie ermittelt. Wenn jetzt DopingtäterInnen aus den Jahren 2005 oder der Olympischen Spiele 2012 ermittelt werden, sollte man vorschlagen, die Siegerehrungen nach einer Olympiade – also vier Jahren – durchzuführen und könnte sicher sein, dann die echten Sieger zu ehren!
In vier Jahren müssten die Experten doch die Dopingsünder ermitteln können und Siegerehrungen sind doch immer stimmungsvoll, auch wenn sie mit Verspätung zelebriert werden. Wenigstens könnte man dann sicher sein, dass man selbst im Fernsehen die echten Sieger jubeln sieht. Und dann käme noch der Erinnerungseffekt hinzu: Man könnte auf Leinwänden die Dramatik von vor vier Jahren vorführen und gestattet dem Besucher Olympischer Spiele Vergleiche mit der Gegenwart. Mit einem Wort: Olympia bekäme neue Aspekte und vor allem die Dopingsünder gehörten endgültig der Vergangenheit an. Allerdings: Reichen vier Jahre? Im Fall Lysenko nicht. Aber vielleicht würden sich Nobelpreisträger finden, die das Problem lösen.


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