Schreiben, Schwulsein, Kommunistsein

DKP queer fordert eine Straße für Ronald M. Schernikau
Von Wolfgang Sluga
|    Ausgabe vom 21. Oktober 2016

„Am 9. November 1989 hat in Deutschland die Konterrevolution gesiegt. Ich glaube nicht, dass man ohne diese Erkenntnis in der Zukunft wird Bücher schreiben können.“ So Ronald M. Schernikau auf dem Kongress der Schriftsteller der DDR, 1. März 1990
Nach diesem Kongress blieben unserem Genossen Ronald M. Schernikau noch 595 Tage. Von den 31 Jahren seines Lebens hat er zehn Jahre mehrheitlich in der DDR verbracht, sieben davon als deren Bürger: Die ersten sechs in Magdeburg, 1986 erfolgt die „Heimkehr“, am 1. September 1989 erhält er die DDR-Staatsbürgerschaft. Die DDR lebt danach noch ein Jahr, Schernikau wiederum überlebt die DDR nicht lange. Er starb, am 20. Oktober 1991 an AIDS.

Wer war dieser Mensch? Ronald M. Schernikau wird am 11. Juli 1960 in Magdeburg, DDR, geboren. Ab 1966 wächst er in Lehrte, einer Kleinstadt nahe Hannover, BRD, auf. Mit 14 kommt er zur SDAJ, 16-jährig wird er Mitglied der DKP.
Mutter und Sohn begehen 1966 Republikflucht, nicht um in den „goldenen Westen“ zu kommen und auch nicht „wegen was Politischem“, wie Ellen Schernikau immer wieder betont. Es geschah aus Liebe. Ronalds Vater hatte Ellen immer wieder bedrängt zu ihm in den Westen zu kommen. Irgendwann gab sie dem Drängen nach und schon waren sie, ihr Sohn und noch zwei weitere im Kofferaum eines Schleusers. Doch kaum in der BRD angekommen, zeigte sich das wahre Gesicht des Erzeugers von Ronald: Er hatte schon eine Familie und im Wohnzimmer hing ein Hakenkreuz. Ellen erzog ihren Sohn im Sinne des Sozialismus. Kinder und Jugendbücher werden in der DDR bestellt, die Sender DDR1 und DDR2 konnten in Lehrte empfangen werden.
Wenige Wochen vor seinem Abitur erscheint 1980 „Kleinstadtnovelle“ im Rotbuchverlag, an der er 16-jährig, in seinem Zimmer, ohne Wissen Ellens zu schreiben begonnen hatte.Mit 20 zieht Ronald zum „Schreiben, Schwulsein, Kommunistsein“ nach Westberlin. er tritt in die Sozialistische Einheitspartei Westberlins, SEW, über und beginnt an der FU Germanistik, Philosophie und Psychologie zu studieren. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Satzarbeiten und als Babysitter, denn sein Stammverlag lehnt ein Manuskript nach dem anderen ab. Er veröffentlicht in vielen bedeutenden linken und schwulen Medien. So schreibt er für das SEW-Zentralorgan „Die Wahrheit“, die „Deutsche Volkszeitung“ und das Schwulenmagazin „Siegessäule“. Zu dieser Zeit ist er manchem allerdings nur als „Tuntendiva“ bei „Ladies Neid“ im SchwuZ bekannt. Ronald liebt den DDR-Schlager und schreibt für Marianne Rosenbergs LP „Spiegelbilder“ ein Lied über einen anderen Ronald. Im Lied „Amerika“ geht es um Ronald Reagan.
Nach dem Kulturabkommen zwischen DDR, BRD und Westberlin im Mai 1986 wird Ronald als erster und einziger Westdeutscher/Westberliner am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig mit Dauervisum zum Studium zugelassen. 1989 schließt er das Studium erfolgreich ab.
Am 18. Januar 1990 gab er der DDR-Zeitschrift „Temperamente“ ein Interview. Thomas Blume, Redakteur der Zeitschrift, fragte: „Was reizt dich denn an der DDR?“ Schernikau gab ihm eine für ihn typische Antwort: „Es ist wirklich ein ganz egoistischer Grund: In der DDR werden die besseren Bücher geschrieben. Und natürlich mache ich den idealistischen Umkehrschluss: Wenn man in der DDR lebt, schreibt man die besseren Bücher. Auch wenn das logisch nicht haltbar ist.“
Rückwirkend betrachtet hat Ronald M. Schernikau mit vielem Recht behalten, auch wenn er damals von vielen dafür belächelt oder gar angefeindet wurde. Zwei Zitate von ihm, beide von Anfang 1990: „Noch am vierten November, auf dieser riesigen Demo, hätte ich meine rechte Hand darauf verwettet, dass es keine einzige Person in der Deutschen Demokratischen Republik gibt, die die Wiedervereinigung will. (…) (Die Konterrevolution) war eine konzertierte Aktion gegen den Weltgeist. Aber da ich unsterblich bin, nimmt mir das meinen Historischen Optimismus noch lange nicht.“
„Was die Öffnung der Mauer zum Beispiel bedeutet, ist das Signal: Ihr könnt teilhaben an den Bananen. Ich halte die Banane für ein ganz gutes Symbol. Es hat was Orales, man fühlt sich in frühkindliche Phasen versetzt. Und es hat was von Imperialismus. Das sind unsere Bananen. Und wir kriegen die.“
Im Juni 1990 kam die Diagnose AIDS. Er nahm den Kampf gegen die Zeit auf, er will sein Lebenswerk vollenden, das eintausend Seiten umfassende Werk „Legende“! Acht Jahre nach Ronalds Tod erscheint es.
Den 25. Todestag von Ronald M. Schernikau nimmt DKP queer zum Anlass seines 32. Bundestreffens in Berlin an diesem Wochenende. Der Samstag steht ganz im Zeichen von RMS. Um 9.30 Uhr werden wir zu seinem Grab fahren, es wird eine Aktion vor seiner letzten Wohnung geben, denn DKP queer fordert die Umbenennung der Cecilienstraße in Ronald-M.-Schernikau-Straße. Inhaltlich werden wir uns mit seiner zu Beginn angerissenen Rede auseinandersetzen und um 20 Uhr wird es eine Lesung mit Ellen Schernikau in der Jonasstraße 29, Berlin-Neukölln geben.
Unvergessen – Ronald M. Schernikau!


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Leserbrief zu »Schreiben, Schwulsein, Kommunistsein«, UZ vom 21. Oktober 2016





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