Ehrung für einen Spielmann

Zufällig wurde letzte Woche Bob Dylan genobelt
Von Manfred Idler
|    Ausgabe vom 21. Oktober 2016

Auf der Namensliste der LiteraturnobelpreisträgerInnen stehen viele, deren Spur in der Literaturgeschichte nicht allzu tief ist. Die Auswahl folgte schon oft weniger literarischen als den Kriterien der Opportunität, sei es, dass ein Land oder ein Erdteil endlich mal „dran war“ oder als Ehrung für politisch gewünschtes Wohlverhalten, vorzugsweise Verdienste um die Verbreitung von Antikommunismus. Der Stifter hatte sich gewünscht der Preis und die damit verbundene Geldsumme möge an jene gehen, die „das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen“ haben. Schön, aber … Immerhin ist nicht bekannt, dass eine oder eine der damit Geehrten nach der Annahme des Preises gleich einen Krieg angefangen hätte. Beim Friedensnobelpreis ist das anders.
Wir schreiben das Jahr 2016. The winner is: Bob Dylan. Einer, der sich wohl maßlos darüber ärgert, ist Martin Walser, der schon Jahrzehnte nach dem Preis giepert, um endlich mit Böll und Grass gleichzuziehen. Einst ein Progressiver, hatte er 1978 gefragt, was denn an diesem „herumzigeunernden Israeliten“ so Besonderes wäre, und sich damit dauerhaft und lange vor seiner Paulskirchen-Rede 1998 ins Aus geschossen.

Joan Baez und Bob Dylan auf dem Civil Rights March nach Washington D.C. am 28. August 1963

Joan Baez und Bob Dylan auf dem Civil Rights March nach Washington D.C. am 28. August 1963

( public domain)

Man muss den Preis wie die Juroren nicht allzu ernst nehmen. Die meistgestellte Frage in den Medien: Darf man das? Diesen Preis? An den? Dylan gilt denen, die jetzt die Preisvergabe kommentieren mussten, in erster Linie als Musiker und erst in zweiter als Poet.
Einer mit einer starken Lobby. Nämlich denen, die in seinen Texten und seiner Musik den Soundtrack ihres Lebens erkennen, die einmal angetreten waren mit dem Willen, die ungefügte Welt besser zu machen, den Krieg zu bannen, Rassismus und Ungerechtigkeit zu besiegen und anders zu leben als in den vorgefundenen Bahnen. Irgendwann erkannten die meisten, dass ihnen die Ziele zu groß waren und Kompromisse leicht, und doch blieb da das Uneingelöste, der Widerspruch zwischen dem was ist und was sein soll. Das ist Dylans Thema, ob es um die Liebe zwischen zwei Menschen geht oder um die Liebe zur Menschheit, immer ist da Vergeblichkeit des Strebens, das Welken von Gefühlen und die Endlichkeit. Das gestaltet er mit ungehörten Sprachbildern und mit dem Vermögen seines wichtigsten Instruments, dieser unfassbar wandelbaren Stimme, die raunen kann, knarzen, grunzen, bellen, schmeicheln und zärteln und auch den Belcanto beherrscht. In verschiedenen Interpretationen seiner Songs erlaubt es ihm diese Stimme, durch eine leichte Veränderung der Stimmfarbe, durch andere Betonung eines Wortes, durch Verschlucken von Silben einem Text einen anderen Spin zu geben. Das ist höchste Sprachkunst. Macht aber, dass sich der Sinn seiner Texte nicht eindeutig festlegen lässt. Die Wohlmeinenden sprechen dann von Ambivalenz, die Kritiker von Opportunismus. Dahinter steckt aber wohl, dass er als „Song and dance man“, wie er sich in gespielter Bescheidenheit einmal nannte, sich weigert, Rezepte für die Küche des Lebens zu liefern.
Die Kommentatoren der letzten Woche bezogen sich in erster Linie auf die frühe Schaffensperiode des Künstlers: „Blowin‘ in the Wind“, „The Times are A‘changing“ und „Like a Rolling Stone“ rauf und runter und oft mit einer Empathiefähigkeit, die ein durchschnittliches Rhinozeros leichtfüßig überbietet. Das ist auffällig und belegt, dass ihre Kenntnisse überwiegend aus Martin Scorseses Dreieinhalbstundenfilm „No Direction Home“ über den Dylan der sechziger Jahre stammen. Das spätere, insbesondere das schon 1997 mit dem Album „Not dark yet“ beginnende Alterswerk wurde völlig ausgeblendet. Allenfalls fand noch die so genannte „religiöse Phase“ ab Ende der 70er Jahre Erwähnung – die war und ist ein echter Stresstest für Fans, mit Nachwirkungen bis zuletzt. Aber mit fast vierzigjährigem Abstand lässt sich auch dieser Schaffens­phase Dylans mit ihrer alttestamentarischen Bräsigkeit etwas abgewinnen, aus den Texten wie aus den Kompositionen.
Der Bogen spannt sich vom Debütalbum mit dem schlichten Titel „Bob Dylan“ 1962 bis zu „Tempest“ 2012. Dieses 35. Studioalbum zieht einen Schlussstrich, danach kann nichts mehr von Belang kommen – das letzte Drama Shakespeares hieß ebenfalls „The Tempest/Der Sturm“, und das ist ein Fingerzeig, wo sich der Meister selbst einordnet. Dieser Selbsteinschätzung muss man nicht folgen, im riesigen Werk von Bob Dylan findet sich naturgemäß auch viel Mist, mit dem man etwa die deutsche Schlagerbranche über Jahrzehnte düngen könnte.
Ins ganz Große greift der Meister im titelgebenden Song des Albums. Zu einer gemütlichen Schunkelmelodie im 6/8-Walzertakt erzählt er eine Viertelstunde lang die Geschichte vom Untergang der „Titanic“ neu, in einfachen Worten und in einer raffinierten Verschränkung der Perspektiven. Die Geschichte der Namenlosen und der Reichen, der Guten und Bösen, der Tapferen und Feiglinge, Männer, Frauen und Kinder, die einander beistehend oder einander niedertretend mit dem großen Schiff zugrunde gehen. Es gibt kein Entrinnen und es gibt nichts zu verstehen. Denn der Untergang ist die Vollstreckung von Gottes Urteil. So sieht Bob Dylan die Geschichte der Menschheit, drunter tut’s einer wie er nicht, und prophezeit ihr nahendes Ende. Von Klassenkampf weiß er nichts, historischer Optimismus ist auch kein Pflichtfach für Künstler. Was dieser Songtext in Fülle hat ist Welthaltigkeit. Er besteht darin neben Percy Bysshe Shelleys „Masque of Anarchy“ und Arthur Rimbauds „trunkenem Schiff“.

 

US-Präsident Obama verleiht Bob Dylan die Medal of Freedom im Mai 2012

US-Präsident Obama verleiht Bob Dylan die Medal of Freedom im Mai 2012

( public domain)

So beliebig, wie der Nobelpreis vergeben wird, hat nicht Bob Dylan ihn, sondern er Bob Dylan verdient. Er wird ihn zu den anderen Würdigungen packen, den zwei Ehrendoktortiteln, dem Orden der Ehrenlegion, der „Medal of Arts“, der „Presidential Medal of Freedom“, all den Grammys und Ehrenmitgliedschaften.


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Leserbrief zu »Ehrung für einen Spielmann«, UZ vom 21. Oktober 2016





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