Teurer Gemischtwarenladen

Berliner Stadtschloss: Bund zahlt für preußisches Erbe
|    Ausgabe vom 21. Oktober 2016

Mitten in Berlin stand einmal ein Schloss. Zunächst war es königlich-preußische, ab 1871 kaiserliche Residenz. Es wurde im 2. Weltkrieg schwer zerstört und ab 1950 abgerissen.
Nun wird wieder eines gebaut, als Rekonstruktion des einstigen Schlosses und an der Stelle des 1990 geschlossenen, dann entkernten und zwischen 2006 und 2008 abgerissenen „Palastes der Republik“, Sitz der Volkskammer der DDR und Ort vieler Kulturveranstaltungen. Der Abriss hatte weder ästhetische noch bauliche Gründe. Alternativvorschläge hatten keine Chance. Der Palast der Republik hätte saniert werden können. Es waren politische Gründe, die zum Beschluss des Deutschen Bundestages im Jahr 2002 – gegen die Stimmen der damaligen PDS-Abgeordneten – führten, den Palast abzureißen. Mit diesem verschwand ein weiteres „Stück DDR“ aus dem Zentrum der Stadt.
Bereits 1993 erregte die Fassade des Stadtschlosses als Attrappe auf dem Schlossplatz Aufsehen und lockte viele Touristen nach Berlin. Die Forderungen nach einem Neubau des alten Stadtschlosses wurden lauter. Die Befürworter setzten sich durch, obgleich viele Kritiker das rückwärtsgewandte, „historisierende“ Vorhaben ablehnten. Mit dem Segen der Bundesregierung und des Bundestages wurde der Bau begonnen. 2013 erfolgte die Grundsteinlegung.
Der Filmemacher Volker Heise schrieb im Juni 2015 – nach der Richtfeier für das neue Gebäude – in der „Frankfurter Rundschau“: „Bisher hast du gedacht, Gebäude würden errichtet, weil sie nötig sind … Nicht so das neue Schloss. Es wurde ersonnen, obwohl keiner wusste, was damit anzufangen ist, schließlich gibt es keinen König mehr, der darin wohnen könnte. Es wird noch immer viel diskutiert, welchen Sinn das Gebäude haben soll. Derzeit sieht es nach einem Gemischtwarenladen aus, halb ethnologisches Museum, halb Berliner Nabelschau, ein bisschen Veranstaltungsort, aber das kann sich morgen schon wieder ändern …Da war man in Braunschweig konsequenter, hat gleich eine Shopping-Mall hinter die Schlossfassade geknallt.“ (FR, 15.6.2015)
Aktuell gibt es zwar mehr Klarheit über das, was man mit dem fertigen Gebäude anfangen will – es ist aber immer noch ein Gemischtwarenladen. Das bestätigen alle Kritikerinnen und Kritiker, die auf die politischen Hintergründe des Baus aufmerksam machen und darauf, dass hier Vergangenheit zurückgeholt werden soll – vor allem das preußische Erbe: Auf 23 000 Quadratmetern des Gebäudes will die Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Sammlungen des Ethnologischen Museums – nicht um den Bau zu „konterkarieren“, denn darunter wären einige Sammlungen aus der Kolonialzeit – und des Museums für Asiatische Kunst präsentieren. Das Land Berlin will nun auf 4 000 Quadratmetern eine Ausstellung zur Stadtgeschichte zeigen, obgleich es beispielsweise dafür ja das Märkische Museum gibt. Ursprünglich sollte im ersten Stockwerk eine Ausstellung zur Welt der Sprachen präsentiert werden. Auf weiteren 1 000 Quadratmetern soll die Humboldt-Universität vertreten sein. Im Erdgeschoss ist ein Museum des Ortes geplant, inklusive Schlosskeller.
Andere Vorschläge blieben (natürlich) unberücksichtigt. So auch der Vorschlag von namhaften Antifaschistinnen und Antifaschisten wie Esther Bejarano, Heinrich Fink u. a., die bereits 2015 vorgeschlagen hatten, im Schloss einen zentralen Gedenk- und Lernort einzurichten, an dem an die Nazi-Vergangenheit erinnert wird: „Jedes Nutzungskonzept wird die Geschichte des Platzes berücksichtigen müssen. Das Massaker vom 18. März 1848, als hier der ‚Kartätschenprinz’, der spätere König und Kaiser Wilhelm I., auf Demonstranten schießen ließ, die Reichs- und Weltmachtpläne, die hier geschmiedet, die Kriege, die von hier aus geführt wurden – all das gehört wesentlich zur Vorgeschichte des deutschen Faschismus. Wir sehen in Berlin keinen passenderen Ort für das Museum als diesen“.
Nun gibt es aktuell neuen Zoff um das Geld und die Befürchtung, dass der Bau mehr als die geplanten 600 Millionen Euro kosten wird. Für Berlin wäre das das dritte Großprojekt neben dem BER, der U-Bahn-Linie 5, dessen Kosten den geplanten Umfang sprengen würde und dessen Fertigstellungstermin möglicherweise verschoben werden müsste. Nicht nur die „Umplanungen“ des Landes Berlin im Zusammenhang mit der Nutzung des Gebäudes, sondern auch die dem alten Vorbild nachempfundenen Schlossfassaden werden mehr kosten. Bei Baubeginn 2013 hieß es noch „Der Staat finanziert das Humboldt-Forum, die Schlossfassaden werden privat finanziert – und kosten so den Steuerzahler kein Geld.“ Doch der „Förderverein Berliner Schloss e. V.“, der die privaten Spenden einsammelt, bestritt schon im vergangenen Jahr, sich je auf ein solches Abkommen eingelassen zu haben. Man wollte nur Spenden für den Sandstein für die Fassade sammeln. Alle anderen Kosten, meinte man, sollten das Land Berlin und der Bund übernehmen.
Die zügige Fertigstellung der Fassaden – so die Schlossbefürworter – sei wegen des notwendigen Wetterschutzes nötig, eine Unterbrechung der Arbeiten nicht vertretbar. Sie würde zudem die für den 14. September 2019 geplante Eröffnung gefährden. Jetzt soll die Bundesregierung – also „der Steuerzahler“ – die fehlende Summe für die Fassaden „zwischenfinanzieren“, denn die Spenden für die Rekonstruktion der Barockfassade fließen langsamer als die Arbeiten vorankommen. Sollen die Arbeiten weitergehen, wird also bald – um weitere Verzögerungen zu vermeiden – Geld gebraucht.


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Leserbrief zu »Teurer Gemischtwarenladen«, UZ vom 21. Oktober 2016





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