FC St. Pauli und Hansa Rostock

Wenn Politik im Stadion ausgetragen wird
Von Andres Irurre
|    Ausgabe vom 14. Oktober 2016

Die bekannteste Fehde im deutschen Fußball besteht unbestritten zwischen den Anhängern des FC St. Pauli und FC Hansa Rostock.
Der Hamburger Stadtteilverein hat seine Wurzeln seit seiner Gründung 1910 im Arbeiter- und Hafenviertel Sankt Pauli. Waren die Schlachtenbummler schon immer etwas verrückter und „anders“ auf dem Kiez, änderte sich in 1980er Jahren das Bild auf den Rängen immer mehr. Aus der in direkter Nachbarschaft liegenden Hafenstraße kamen regelmäßig Autonome und Punks zu den Spielen. So war es naheliegend, dass auch der Jolly Roger Einzug ins Stadion hielt. Der markante Totenkopf ist seit dem nicht mehr wegzudenken.
Es gab gute Gründe, nicht nur im Stadtbild und auf politischen Veranstaltungen oder Demos Präsenz zu zeigen. Denn zeitgleich kam es zu immer heftigeren Ausschreitungen seitens einer gewaltbereiten Hooliganszene im deutschen Fußball. Diese vermischte sich seit jeher mit politisch rechten Kräften und Neo-Nazis. So entstanden Hochburgen – nicht nur um die Hamburger Löwen des HSV, sondern auch in weiteren Städten wie in Dortmund mit der Borussenfront um „SS Siggi“, in Frankfurt die Adlerfront mit direkten Verbindungen zu den „Böhsen Onkelz“, oder die Hertha Frösche des BSC Hertha Berlin.
Diese und weitere gewaltsuchende Gruppen waren es, die die Politik auch in die Stadien der Republik trugen. Ende der 1980er Jahre war das normale Fuß­ballerlebnis auch immer mit Horden von Nazi-Skinheads verbunden, die vor und im Stadion Gewalt verbreiteten.
So entstand am Millerntor unter den Fans auf St. Pauli ein klares antifaschistisches und antirassistisches Selbstverständnis, welches in den Anfangszeiten in seiner Stärke und Klarheit seinesgleichen suchte. Aus einer linken und progressiven Einstellung der politischen Szene der Stadt wurde ein Gegenpol zu den damaligen Verhältnissen. Es entstanden neben den üblichen Stadionheften auch Fanzines wie „Millerntor Roar“ oder später „Der Übersteiger“.
In Rostock war die Ausgangslage eine völlig andere. Hervorgegangen aus dem SC Empor Rostock entstand Ende 1965 der FC Hansa Rostock. Veranlasst hatte das die Sportführung der DDR. Ziel war es, die Leistungszentren im ganzen Land zur Stärkung des Fußballsports zu etablieren. Die Ostseestädter standen aber immer im Schatten der anderen großen Vereine aus Magdeburg, Berlin, Dresden, Leipzig oder Jena.
Mit der Grenzöffnung am 9. November 1989 wurde der Fußball in der DDR Oberliga schlagartig für junge Leute aus dem Westen interessant. Die Volkspolizei zeigte sich völlig überfordert mit der offenen Gewalt einer taumelnden Gesellschaft in einem untergehenden Staat – vermengt mit vielen jungen Menschen aus dem Westen, die nur deshalb zum Fußballspiel anreisten, um zu randalieren. Diese explosive Mischung machte es leicht, sich komplett anders zu positionieren und offen neonazistische Gedanken und Werte ins Stadion zu tragen. Durch die geographische Nähe zwischen den beiden Städten im Norden war es naheliegend, dass sich der rechtsradikale Mob innerhalb der Anhängerschaft des Hamburger SV zu den Spielen des FC Hansa aufmachte. Gemeinsam wurde so auch direkt ein Feind ausgemacht: Der FC St. Pauli und seine linkspolitischen Fans.
Neben den Übergriffen auf stadtbekannte St.-Pauli-Kneipen zur Europameisterschaft 1988 oder Weltmeisterschaft 1990 durch HSV-Hooligans und Neo-Nazis der FAP oder NF, zusammen mit rechtsradikalen Skinheads, gehört ganz klar der rassistische Überfall im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen. Hier sind auch einige der Ursprünge der Fehde zwischen beiden Fangruppen zu finden. In den fünf Tagen – die auch die ganze BRD verändern sollten – trug man den Hass offen auf die Straße. Die radikale Rechte konnte endlich offen losschlagen. Nicht nur im Mikrokosmos Fußballstadion, sondern überall. Die Autonome Szene der Hamburger Hafenstraße gehörte zusammen mit FC St. Pauli Fans zu den ersten, die sich organisierten und Gegenproteste vor Ort organisierten.
Zum Ende hin sollte man nicht die positiven Dinge innerhalb der Fanszene des FC Hansa vergessen, die heutzutage stattfinden. Junge Ultragruppen sehen sich zum Teil in linker Tradition.
Und auch auf St. Pauli müssen im Zuge der Kommerzialisierung des Fußballs immer wieder Selbstverständlichkeiten zurückerobert werden – Stichworte sind Sexismus und Homophobie.
1993 entstand der einzige Fußballfilm der ARD, der sich dieser Thematik annimmt. „Schicksalsspiel“ ist eine Art „Romeo und Julia“-Version zwischen zwei Teenagern aus eben diesen beiden Lagern.


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Leserbrief zu »FC St. Pauli und Hansa Rostock«, UZ vom 14. Oktober 2016





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