Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 14. Oktober 2016

Kulturelle Vorbereitung
Ein Satz von Antonio Gramsci: „Der Weg zum Sozialismus in einem entwickelten westlichen Land ist nicht denkbar ohne tiefgreifende kulturelle Vorbereitung.“ Schaut man sich die Aktivitäten der linken Kräfte an, so ist davon wenig zu spüren. Wenn Veranstaltungen im Programmtext die Formulierung haben „kulturelle Begleitung“ oder „kulturelles Rahmenprogramm“, dann hat dies den Geschmack von Beiwerk oder Gedöns.
Warum ellenlange Referate und Reden und nicht Kurzfilme, so z. B. vom Ende Oktober beginnenden Leipziger Dok-Festival, warum lesen nicht Schriftsteller oder Dichter oder treten SchauspielerInnen auf?
Solange politische Arbeit reduziert ist auf die Nachahmung bürgerlicher Politikweise und nicht zu eigenständigen, dem sozialistischen Verständnis von Weg und Ziel entsprechenden Formen und Ausgestaltungen kommt, bleibt es beim schmückenden Rahmen.
Über den Gräben
In den 1960er Jahren erschienen im Rütten & Loening Verlag in der DDR die drei Bände „Tagebuch der Kriegsjahre 1914–1919“ von Romain Rolland. Dank gebührt dem Verlag C. H.Beck München für eine kleine Zusammenstellung von rund 170 Seiten aus diesem natürlich vergriffenen Werk unter dem Titel „Über den Gräben“.
Rolland, französischer Schriftsteller mit großer Beachtung und Wertschätzung seiner Zeit, verbrachte die Jahre des 1. Weltkrieges im Exil in der Schweiz und arbeitete als Freiwilliger beim Internationalen Roten Kreuz in der Kriegsgefangenen-Auskunftsstelle. Neben der Wiedergabe erschütternder Briefstellen von Soldaten aus vielen Ländern, von Frauen und Müttern, die keine Nachrichten über den Verbleib ihrer Lieben hatten, reflektiert Rolland durch Lektüre der europäischen Zeitungen und Korrespondenz und Gespräche mit Schriftstellerkollegen das von ihm so genannte „große Morden der Völker Europas“.
Mit Empathie schreibt er über Lenins Reise nach Russland im Frühjahr 1917, zitiert aus dem Abschiedsbrief Lenins an die Schweizer Arbeiter „es lebe die beginnende proletarische Revolution in Europa“ und schreibt dann selbst: „Diese Worte Lenins sind der erste Kampfruf der Weltrevolution, die wir in der von Fieber und Krieg ausgezehrten Menschheit schlummern fühlen.“
Ständig war Rolland bemüht, die europäischen Intellektuellen und Künstler zu gemeinsamem Handeln aufzurufen, bitter enttäuscht stellte er fest, bei zu vielen sei neben besoffenem Hurrapatriotismus nationalistisches und chauvinistisches Auftreten zu vermerken. Selbst die Meldung über den Nobelpreis für Literatur für 1915 an ihn führte neben vereinzelten Glückwünschen zu einer Reihe abfälliger Kommentare.
Dies heute lesen, führt zu der Frage: Was hört man denn heute von den europäischen Intellektuellen und Künstlern zum großen Morden in Afghanistan, dem Irak, Syrien, Palästina, der Ukraine, in Afrika usw.? Was hört oder liest man zur gewollten Verelendung in den südlichen Ländern Europas, zum Umgang mit denen, die vor Krieg und Zerstörung fliehen? Nichts oder nur sehr wenig, und das auch nur von Wenigen. Das PEN-Zen­trum Deutschland will nicht, Otto Köhler kann mit bitterem Stolz sagen, dass er eine einsame Stimme dort ist.
Wen könnten die Veranstalter der großen Kundgebungen gegen TTIP und CETA im September oder jetzt bei der Friedensdemonstration in Berlin auch einladen? Die meisten sind mit ihren Innerlichkeiten, Reminiszenzen an ihre Kindheit und Jugend, mit Fluchten in das „Seelenleben der Bäume“ oder mit gruseligem Geschwafel über den Islamismus beschäftigt. Romain Rolland blieb standhaft, er fuhr mehrere Male in die Sowjetunion, er organisierte Treffen und Aufrufe gegen den Faschismus und die neue Kriegsgefahr in Europa, er war trotz Krankheit und hohen Alters Mitorganisator des Pariser Kongresses zur Verteidigung der Kultur in Europa 1935, zusammen mit Ehrenburg, Malraux und Gide.


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