Medaillen entscheiden

Die Förderung des Leistungssports soll reformiert werden
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 7. Oktober 2016

Eine sicher viele Sportfunktionäre alarmierende Nachricht machte dieser Tage die Runde. Nicht verbreitet von einem Revolverblatt, sondern vom Innenminister! Der Wortlaut einer Nachricht: „Das Bundesinnenministerium und der Deutsche Olympische Sportbund wollen die Förderung des Leistungssports grundlegend reformieren. Wie aus einem im Sportausschuss des Bundestages vorgestellten Entwurf hervorgeht, sollen Sportler und Disziplinen mit hohen Medaillenchancen stärker unterstützt werden. Auch das Umfeld soll nun stärker berücksichtigt werden. Fehlt dagegen eine Perspektive, so ist ein kompletter Förderstopp für eine Disziplin möglich. Außerdem soll die Zahl der Olympia- und Bundes-Stützpunkte reduziert werden. Bundesinnenminister de Maizière erklärte, Deutschland sei als Sportnation zuletzt schlechter geworden. Statt wie bisher Erfolge und Misserfolge nachzufinanzieren, würden nun das Potenzial und die Perspektiven für die Zukunft gefördert. Der CDU-Politiker stellte zudem mehr Geld in Aussicht. Das Eckpunkte-Papier, das dem SID vorliegt, gilt nun als Grundlage für die Diskussionen mit Sportpolitikern und Spitzenverbänden.“
Der Deutschlandfunk soll diese fast verschlüsselte Nachricht ergänzt haben: „Kernpunkt ist ein neues Fördersystem, das sich nach den Perspektiven der Athleten und nicht mehr nach den Erfolgen der Verbände in der Vergangenheit richtet.“ Das neu eingeführte Berechnungsmodell PotAS (Potenzialanalysesystem) ermittelt die Zukunftschancen von Spitzenverbänden und einzelnen Disziplinen, die im Anschluss mit Hilfe von Attributen (Erfolg, Perspektive, Strukturen etc.) in drei unterschiedliche Fördergruppen (Cluster) eingeteilt werden.
Begleitet wird der Prozess von ständigen Beratungen unterschiedlicher Gremien (PotAS-Kommission, Strukturgespräche und Förderkommission). Zu den Gruppen gehören Vertreter aus dem DOSB, der Wissenschaft, den Ländern und aus dem BMI. Für die PotAS-Kommission soll ein Büro mit hauptamtlichen Mitarbeitern eingerichtet werden.
In früheren Jahren hatte der DOSB die Förderung mit den Spitzenverbänden verhandelt. Das für den Sport zuständige Bundesinnenministerium (BMI) nickte die Anträge in der Regel nur ab. In dem neuen Förderprogramm kommt dem BMI deutlich mehr Einfluss zu.
Eine starke Änderung soll es auch bei der Neuausrichtung der Kaderstrukturen geben. Die bisherige Aufteilung in A-, B-, C, DC- und D-Kader wird es so nicht mehr geben. Vor allem die vielen B-Kader-Athleten sind den Reformern ein Dorn im Auge. Stattdessen erfolgt eine Aufteilung in drei Gruppen: Im Olympiakader werden die Athleten auf die nächsten Olympischen Spiele vorbereitet, im Perspektivkader auf die übernächsten Spiele. Der Nachwuchskader sieht einen langfristigen Leistungsaufbau vor.
Zudem soll die Anzahl der Stützpunkte reduziert werden. Von den bisher 204 Bundesstützpunkt-Einrichtungen soll es in Zukunft nur noch 165 bis 170 geben. Hauptamtliche Kräfte sollen die Leitungspositionen übernehmen. Die Olympiastützpunkte sollen von 19 auf 13 gekürzt werden. Deutlich mehr Einfluss erhält die Wissenschaft.
Erinnern Sie sich, verehrter Leser, was in Talkrunden und Schlagzeilen vor einem Vierteljahrhundert verbreitet wurde? In wenigen Worten: Die DDR hat den Sport nur gefördert, um durch Medaillen Aufsehen und internationales Ansehen zu erringen. Mit dieser Begründung war die angesehenste Sportuniversität der Welt, die Leipziger DHfK und andere nützliche Institute geschlossen worden. Mit ziemlicher Sicherheit blieb der Streit um das DDR-Trainingszentrum Kienbaum in Erinnerung – bis die Kanzlerin es besuchte und dort ein Sommerfest feierte. Das ND schrieb dieser Tage: „… wer will kann das Eckpunktepapier von BMI und DOSB als eine Rückbesinnung auf das vielgeschmähte DDR-Sportsystem interpretieren.“ Zu ergänzen wäre vielleicht: Nicht nur wer will, wird das tun müssen, sondern jeder, der von Realitäten ausgeht!
Mithin: Wenige Tage nach dem sogenannten Tag der Einheit, erinnert man sich einmal mehr des DDR-Systems und tut obendrein so, als wäre es eine bundesdeutsche Erfindung!
Ein Unterschied fiel auf: In der DDR hatte sich nie der Innenminister um den Sport gekümmert, sondern das kompetente Staatliche Komitee für Körperkultur und Sport …


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Leserbrief zu »Medaillen entscheiden«, UZ vom 7. Oktober 2016





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