Windflüchter

Das Buch macht Mut, an einer friedlichen Zukunft mitzuarbeiten
Von Harry Popow
|    Ausgabe vom 7. Oktober 2016

Werner Rügemer: „Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet. Transatlantische Sittenbilder aus Politik und Wirtschaft, Geschichte und Kultur“, Papyrossa-Verlag, Köln 2016, 226 Seiten, 14,90 Euro

Windflüchter – das sind Bäume und Sträucher an der Meeresküste, die unter konstanten Westwinden stark gekrümmt wurden. Ein anderer Wind weht in der menschlichen Gesellschaft. Er ist eisig und menschenfeindlich, fegt mit aggressiver Gewalt über den ganzen Globus, zwingt mit finanzgewaltigen Helfern und den Medien die Menschen, sich krumm zu machen, sich zu ducken, sich willenlos anzupassen. Ja, dieser Kapitalwind macht die Konsumenten im Namen des Neoliberalismus glauben, das sei alles vernünftig und normal und wer nicht mithalten kann, sei selber schuld. Und wer das ändern will, der unbequeme Fragen stellt, der sei ein Störenfried im System. Oder ein Krimineller. Oder gar ein Terrorist?
Zu den Widerständigen zählen Millionen ehrlicher, nach Wahrheit strebender Leute, Verbände, Bündnisse, Parteien in aller Welt, freilich mit sehr unterschiedlichen Gedankenkonstruktionen oder gar Illusionen. Unter ihnen einzelne Politiker und Künstler. Einer von ihnen ist Werner Rügemer (Dr. phil.), geboren 1941, Publizist, Lehrbeauftragter an der Universität zu Köln. Er ist Mitglied im deutschen PEN-Club, im wissenschaftlichen Beirat von Attac und bei Business Crime Control. 2002 erhielt er den Journalistenpreis des Bundes der Steuerzahler NRW, 2008 den Kölner Karlspreis für kritische Publizistik.

Manipulierungstechniken des Kapitals
In seinem neuen kritischen Sachbuch „Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet“ hat uns der Autor einiges zu sagen. Im Vorwort heißt es: „Wie genau konnte der Kapitalismus in die Poren des Verhaltens, Denkens und Fühlens so tief eindringen?“ Und sei er überall derselbe? Täuschen sich die „Deutschen“ nicht darüber hinweg, dass „sie selbst Vasallen sind, freilich privilegierte Vasallen“?
Das 226 Seiten umfassende Buch enthält acht Kapitel und 40 Einzelbeiträge, darunter sowohl Erlebnisberichte als auch Beiträge aus verschiedenen Medien. Sie stellen ein Konglomerat der unterschiedlichsten Sichtweisen auf die Machtausübung sowie auf die Manipulationstechniken des Kapitals dar. Die Geschichte betreffend als auch aktuelle Fragen. Jeder Text beleuchtet auf seine Art die vielfältigen Erscheinungsformen des trickreich geführten Klassenkampfes, der Vergessensproduktion und der machtgestützten Desinformation. (S. 8)
Den Ursprung allen Unrechts – wie kann es anders sein – sieht der Autor im Privateigentum an Produktionsmitteln. Er wählte dazu einen Beitrag aus dem WDR 3 vom 11.6.2005 unter der Überschrift „Arbeit im schalltoten Raum“ aus. Darin heißt es, dass, damit die Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben, die Lohnnebenkosten als auch die Lohnhauptkosten gesenkt werden müssen. Zu den wichtigen Methoden zähle die Entlassung. Das sei „sehr einfach geworden und sehr verbreitet“. (S. 10/11) Man habe Arbeit und sei trotzdem arm. So werde zwar die Armut in Statistiken ausgebreitet, aber, so lesen wir auf Seite 15, die historisch einmalige Reichtumsexplosion seit 15 Jahren sei tabu. Geschwiegen wird auch darüber, „dass in der gegenwärtig vorherrschenden Logik Investitionen gar nicht zu neuen Arbeitsplätzen führen …“ (S. 15) Das Schweigen der Arbeit, das Vorzeigen hilfloser Betroffenheit (durch Trillerpfeifen und viel Lärm) würden „erst dann aufgehoben, wenn aus Kostenfaktoren und Almosenempfängern (…) vollgültige Mitglieder der Gesellschaft werden (…)“. Die Arbeit als Menschenrecht müsse „wirksam und für alle eingefordert werden“. (S. 16)
Mit ausgewählten polemischen Beiträgen geht Werner Rügemer gegen die enge Verflechtung der ökonomischen mit der politischen Macht (zum Beispiel Bank Oppenheim) vor. Sie war die führende Auslandsbank des Deutschen Reiches, deren Großprojekt u. a. die Bagdad-Bahn gewesen sei. Muslime sollten im deutschen Interesse zum Heiligen Krieg (1. Weltkrieg) angestachelt werden, und unter Himmler ging es gegen die Juden. Was aber Wunder im Jahre 2011: Max von Oppenheim wird als „Vorbild für die Arbeit von heute“ hingestellt. (S. 186)

Weltherrschaftspläne des US-Imperialismus
Vergessensproduktion auch im Hinblick auf die Weltherrschaftspläne des US-Imperialismus. Insofern ist das Kapitel „Unter der Statue der Freiheit“ (S. 106) interessant. Die am 28. Oktober 1886 eingeweihte Freiheitsstatue in New York symbolisiere nicht die Sklavenbefreiung, sondern die ins Auge gefasste Eroberung der sieben Kontinente und Meere. (S. 109/110) Gegen den deutschen Faschismus habe sich mit den USA zwar eine Koalition der Vernunft gebildet, notwendig sei heute eine ganz neue, „damit nicht ein Atompilz die Welt im Namen der Freiheit (…) ein letztes Mal erleuchtet.“ (S.113) Auf Seite 152 wird darauf verwiesen, dass seit den 20er Jahren eine Internationalisierung des Kapitals stattfand, einem wesentlichen Vorläufer der europäischen ökonomischen Integration. Schon in der Zeit zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg „hatten die USA Druck ausgeübt, einen für sie offenen europäischen Markt zu schaffen“. (S. 154)
Wenn es dem Kapital passt, dann schweigt es sich selbstverständlich zu solch einem Tatbestand aus: So wird aus der Kiste der Verschwiegenheit die enge Verflechtung des deutschen NS-Kapitals mit der französischen Industrie während der Okkupation hervorgeholt. Der verblüffte Leser erfährt, dass das Giftgas Zyklon-B in Frankreich im Auftrag der deutschen Kriegsverbrecher hergestellt wurde. Historiker erklärten, „um französische Kasernen zu reinigen“. Das Tabu darüber bestehe weiter. (S. 154) Es stehe fest, nicht die politische Kollaboration spielte die Hauptrolle, sondern die Ökonomie „bildete das Zentrum der Kollaboration“. (S. 153)

Machtelite mit ihrer Heerschar zur Verblendung des Volkes
Was wäre die Machtelite ohne die zahlreichen Mitmacher, die mit ins Horn blasenden Politiker, die marktkonformen kirchlichen Würdenträger sowie manch williger Künstler. Es ist die Heerschar zur Verblendung des Volkes, man lebe in einer Demokratie. Zwei Namen mögen für viele solcher Leute sprechen. So nannte die „junge Welt“ vom 23.12.2014 Sachsen unter Kurt Biedenkopf „das Eldorado für staatliche Subventionen an westliche Investoren, die sich mit ausgelagerten Niedriglohn-Arbeitsplätzen bedankten“. (S. 162) Danke an den Autor auch für den Beitrag über den ehemaligen Kölner Erzbischof und Kardinal Joachim Meisner. Dieser würdigte die kirchliche Militärseelsorge bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Dank gebühre Gott für den Fall des Eisernen Vorhangs. Westeuropa trage nun „eine globale Verpflichtung für den Frieden“. (S. 170) Ohne Kommentar, denn mit der Osterweiterung erfüllt sich der Wunsch von Gottes Gnaden.
Nicht nur die dienstbeflissene Unterwürfigkeit spielt den Geldmächten in die Hände, auch die oft und immer wieder – vor allem bei Gewalttaten – geheuchelte Anteilnahme. Die Zweiwochenzeitschrift Ossietzky 2/2013 entlarvt das westliche Führungspersonal, das sich im entsetzten Nichtverstehen von Amokläufen und Massakern suhlt, als borniert in der Wahrnehmungsfähigkeit. Warum? Auch darauf geht die Zeitschrift ein: „Denn das Verstehen würde das systemrelevante Tabu der westlichen Wertlosgesellschaft aufbrechen: (…) (Seite 75)
Zurück zu den vom Sturm krumm gewachsenen Bäumen an der Küste: Je tiefer sie sich beugen müssen, desto leichter fällt ihnen das Überleben. Einzelpersonen und vor allem Künstlern geht es da nicht anders. Werner Rügemer suchte sich Zeitungsartikel heraus, die zum Beispiel sowohl den weltbekannten Maler Gerhard Richter, den Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger sowie – sage und schreibe – den großen Johann Wolfgang von Goethe als Anhängsel der Obrigkeit in ihrer Zwiespältigkeit charakterisieren. (S. 198–205)

Die dem Ansturm der Eliten nicht standhalten
Der Autor widmet sich auch denen, die dem Ansturm der Eliten nicht standhalten und deshalb im Neoliberalismus als die allein Schuldigen für ihr Versagen hingestellt und zum Teil verlacht werden. Ab Seite 17 wird von einer Zeitungsausträgerin berichtet, der die Frührente wegen einer Berufskrankheit nicht anerkannt wurde. Sie gibt letztendlich auf und rechnet für ihr restliches Leben mit jedem Cent. Von einem Karnevals-Pfandbierflaschen-Sammler ist ab Seite 22 die Rede. Er sammelt leere Flaschen auf Bahnhöfen und achtet dabei darauf, dass sein Mantel nicht schmutzig wird. (Welch eine feine Beobachtung des Autors.) Auf den Seiten 26/27 wird eine Altenpflegerin vorgestellt, die trotz Angst vor Repressionen das oft herrschende Schweigen bricht, einen Erfahrungsbericht verfasst und dazu ermuntert, sich nicht alles gefallen zu lassen. Demonstrieren sei das eine, „aber das erpresste angstvolle Schweigen der (Noch-)Beschäftigten an ihrem (Noch-) Arbeitsplatz ist das große Problem in Deutschland“.
Wer dieses politisch hochbrisante und gesellschaftskritische Buch von Werner Rügemer mit Erkenntnisgewinn lesen möchte, sollte sich nicht nur auf einzelne Texte stützen, sondern versuchen, alle Kapitel im Sinnzusammenhang zu erfassen. So erschließt sich ein Mosaik, das die kapitalistische Erfolgsspur mit all ihren Betrugsserien und Blutopfern nicht nur weiter verdeutlicht – bis in die Gegenwart –, sondern auch dem Anliegen des Autors gerecht wird, mit der Wahrheit gegen den machtgestützten Relativismus anzukämpfen, Mut zu machen, an einer friedlichen Zukunft mitzuarbeiten. Menschen sind keine Windflüchter.

Werner Rügemer: „Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet. Transatlantische Sittenbilder aus Politik und Wirtschaft, Geschichte und Kultur“, Papyrossa-Verlag, Köln 2016, 226 Seiten, 14,90 Euro


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Leserbrief zu »Windflüchter«, UZ vom 7. Oktober 2016





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