Neue Stele für alle Migranten

Gedenksäule zur Geschichte der „Gastarbeiter“ in Gerresheim
Von Uwe Koopmann
|    Ausgabe vom 30. September 2016

Der „Förderkreis Industriepfad Düsseldorf-Gerresheim e.V“ (FKI) enthüllte am 24. September die 21. Stele zur Geschichte der Industrialisierung im Düsseldorfer Osten. Die Säule erinnert an Arbeitsmigranten aus verschiedenen Ländern, die seit dem 19. Jahrhundert aus Russland, speziell aus Moskau, aus Odessa und aus dem Baltikum, angeworben worden waren. Sie waren

Der Historiker Dr. Peter Henkel (rechts) umreißt die Geschichte der Migration und erinnert dabei auch an die angeworbenen Glasbläser aus Russland.

Der Historiker Dr. Peter Henkel (rechts) umreißt die Geschichte der Migration und erinnert dabei auch an die angeworbenen Glasbläser aus Russland.

( Koopmann)

hochqualifizierte Glasarbeiter, die in der nahen Glashütte von Ferdinand Heye eingesetzt wurden und ausdrücklich bleiben sollten, um den Facharbeitermangel zu beheben. Ein Nachkomme, der dort ebenfalls als „Hötter“ arbeitete und russische Vorfahren hatte, ist Otfried Reichmann. Er enthüllte mit Bezirksbürgermeister Karsten Kunert die Stele.
Eine regelrechte Welle von „Gastarbeitern“ kam 1957 aus Süditalien. Auch sie waren angeworben worden, weil Kapitalakkumulation ohne Arbeiter nicht geht. Die Glashütte war mittlerweile die größte Produktionsstätte der Welt für Flaschenglas. Die Männer aus dem Mezzogiorno kamen aus einer wirtschaftlich benachteiligten Region. Aber niemand warf ihnen deshalb vor, dass sie „Wirtschaftsflüchtlinge“ seien, dass sie den deutschen Glasarbeitern die Arbeitsplätze wegnehmen würden, nicht einmal denen mit russischen Großvätern. Die DKP Gerresheim, die im FKI vertreten ist, hat die vorhandene oder fehlende Fremdenfeindlichkeit in einen Zusammenhang mit den Kapitalinteressen gesetzt.
Im Zuge der Flüchtlingsdebatte im letzten Jahr hatte der FKI Bürger dazu aufgerufen, eine Stele zum Thema Migration zu stiften. Schon in der Grundkonzeption des Pfades hatte dieses Thema ein hohes Gewicht. „Da Düsseldorf schon immer eine Industriestadt war, in die fremde Menschen kamen und blieben, war die Stele zum Thema Migration von Beginn an Teil unseres Konzepts“, sagt der stellvertretende Vorsitzende Thomas Boller. Vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingssituation bekomme das Thema Migration und Integration einen aktuellen Bezug und wende sich auch gegen Fremdenfeindlichkeit, begründet Boller, warum der FKI das Projekt als Bürgerstele umsetzte.
Der FKI hatte das Vorhaben im November letzten Jahres angekündigt und zog nun eine positive Bilanz. Bewusst wollte der Verein nicht „den großen Spender“. Es sollten sich vielmehr möglichst viele Menschen auch mit kleinen Beträgen engagieren und so ein Zeichen setzen. Die Idee ging auf. Der FKI war selbst überrascht über das äußerst positive Echo seines Aufrufs.
In der „Laudatio“ des Historikers Dr. Peter Henkel und in zahlreichen Gesprächen wurden Beziehungen zwischen der Arbeitsmigration im 19. Jahrhundert, der Einwanderung von Gastarbeitern besonders aus Italien nach Gerresheim und dem augenblicklichen Zuzug von Flüchtlingen besonders aus Syrien und dem Irak angesprochen. Henkel: „Migration ist kein Sonderfall der Geschichte. Es ist die Regel.“ Die DKP sieht sich mit dieser Aussage bestätigt.


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Leserbrief zu »Neue Stele für alle Migranten«, UZ vom 30. September 2016





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