Eine Lektion in Musik

Lutz Gregors Film „Mali Blues“
Von Hans-Günther Dicks
|    Ausgabe vom 30. September 2016

Farbenprächtige Gewänder, exotische Musikinstrumente und eine riesige, nicht minder bunte Menschenmenge, die das Geschehen auf der Bühne mit rhythmischem Armeschwenken und Jubel begleitet und ihren Idolen gewiss noch näher auf die Pelle rücken würde, wäre das Wasser des Niger nicht dazwischen. Mit solchen Bildern und Tönen vom „Festival du Niger“ stimmt Regisseur Lutz Gregor sein Publikum ein auf seinen Musik-Dokumentarfilm „Mali Blues“, der nun, begleitet von einer Tournee seiner Stars, in deutsche Kinos kommt. Ein Musik- und Konzertfilm mit allem, was dazu gehört, aber auch mit untypischen Zutaten: einem raffinierten Spannungsbogen, der diese Anfangsbilder in ein großes Finale führt. Und obendrein ist „Mali Blues“ ein unleugbar politischer Film.
Dies kann, betrachtet man die Geografie Malis und die Akteure auf der Bühne, auch gar nicht anders sein. Als ehemalige französische Kolonie in der Südsahara hat Mali immer noch unter Stammeskonflikten zwischen den hellhäutigen Tuareg im Norden und Schwarzen im Süden des Landes zu leiden, die auch nach der Intervention einer UNO-Schutztruppe nie ganz beendet sind. Hinzu kommt der anhaltende Kampf gegen die von Norden eingedrungenen Islamisten. Deren religiöser Fundamentalismus, der jede Form weltlicher Musik verbot, trieb auch den Tuareg Ahmed ag Kaedi aus seiner Stadt Kidal in die Landeshauptstadt Bamako: „Man drohte, mir die Finger abzuhacken, wenn ich weiter Musik mache“, sagt er im Film. Sein „Festival du désert“ wurde ab 2013 ein Opfer der Scharia.
Ein Opfer überkommener Stammestraditionen wurde die junge Fatoumata Diawara, die aus der Elfenbeinküste stammt, aber bei einer Tante in Mali aufwuchs. Als sie sich als 19-Jährige einer Zwangsverheiratung widersetzte, wurde sie als Hure beschimpft und durchs Dorf gejagt – sie floh nach Paris und schlug sich als Schauspielerin und Sängerin durch. Ihre Rolle in „Sia, le rêve du Python“ brachte ihr den Durchbruch zu einer Weltkarriere. Erst 2015 kehrt sie nach hunderten Konzerten weltweit zu einem triumphalen Auftritt beim „Festival du Niger“ in ihre malische Heimat zurück – und singt gegen Zwangsverheiratung, Genitalverstümmelung und Korruption! Ihr Musikerkollege Bassekou Kouyaté entstammt einer uralten Familie von Griots, jener afrikanischen Spielart von Bänkelsängern, die zu jeder Festlichkeit dazugehören und selbst bei Staatsempfängen unverzichtbar sind. In einem Land, dessen Bevölkerung zu 70 Prozent aus Analphabeten besteht, sind die Griots so etwas wie Zeitung und Amtsblatt in einem. „Wenn die Islamisten die Musik zum Schweigen bringen, dann reißen sie Mali das Herz heraus“, sagt Kouyaté, der mit seinem Instrument, der Langhals-Spießlaute Ngoni, längst zu einem Star der Weltmusik geworden ist.
So ist die Hauptstadt Bamako zum Flucht- und Sammelpunkt vieler Musiker und Stile geworden und längst auch Station internationaler Plattenlabels, die in Mali die Wiege von Jazz und Blues sehen. In einer Traditionsentwicklung, die keinen Stillstand kennt, hat Kouyaté die Ngoni modernisiert für den modernen Konzertbetrieb, Stars aus vielen Ländern suchen in Mali nach den Wurzeln ihrer Musik. Der populäre Rapper Master Soumy ist zum Idol der jüngeren Generation geworden wohl auch, weil er die Probleme Afrikas und seines Landes nicht nur öffentlich beim Namen nennt, sondern sie auch in die globalen Zusammenhänge von Kolonialismus und Weltmachtpolitik einordnet. Wenn er Korruption mit einstigen Kolonialherren, vom Sturz Gaddafis im Nachbarland Libyen und militärischen Interventionen weltweit singt, klingt das wie ein Sündenregister des Imperialismus, der auch manche der islamistischen Banden für seine Ziele eingespannt hat. Und von den marodierenden Banden selbst fordert er im Song „Explique ton Islam“ Aufklärung, was Auspeitschung und Mord mit dem Islam zu tun haben.


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Leserbrief zu »Eine Lektion in Musik«, UZ vom 30. September 2016





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