Keine Lösung ist auch kein Problem

Von Hermann Wollner
|    Ausgabe vom 30. September 2016



Ulrike Herrmann, Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können.
Westendverlag, Frankfurt a. M. 2016, 287 Seiten. Kartoniert. 18,00 Euro

Es gibt nicht nur die „Lückenpresse“, es gibt auch die „Lückenwissenschaft“. Letzterem Phänomen widmet sich die taz-Wirtschaftskorrespondentin Ulrike Herrmann in ihrem 280-Seiten-Buch „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“. Der Untertitel formuliert zwei Ansprüche: „(Darstellung der) Krise der heutigen Ökonomie“ und „Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können“. Letztere sind bekanntlich die Erzväter eines Wissensgebiets, welches Adam Smith (1723–1790) „Nationalökonomie“ nannte, Karl Marx (1818–1883) als „Politische Ökonomie“ bezeichnete und zu Zeiten von John Meynard Keynes (1883–1946) als „Volkswirtschaftslehre“ auf Universitäten unterrichtet wurde. Die Autorin nennt es eine Sozialwissenschaft und beklagt, dass selbige heutzutage als „Makroökonomie“ von der realen Gesellschaft abstrahiert und normalen Bürgern unverständlich bleibt.
Das Thema „Krise der heutigen Ökonomie“ wird auf 28 Seiten und „Was wir von S., M. und K. lernen können“ auf 8 ¼ Seiten abgehandelt. Die restlichen 193 Seiten sind nicht etwa der Analyse heutiger wirtschaftlicher Vorgänge und Beziehungen auf nationaler und internationaler Ebene gewidmet, sondern mit möglichst lustigen Begebenheiten aus dem Leben der vorgenannten Ökonomen (wobei nicht auf die Beschreibung der Eiterbeulen an Gesäß und Schambereich von Marx verzichtet wird), diversen Zitaten von Aristoteles (3. Jahrhundert v. u. Z.) bis Thomas Piketty (geb. 1971) und Milchmädchen- bzw. Kartoffelbauerbeispielen aus der Mikroökonomie gewürzt. Herrmann stellt also keineswegs die Probleme der kapitalistischen Produktionsweise (das wäre „Kapitalismus“) im 21. Jahrhundert dar, sondern nur deren unvollständige und auch sonstig mangelhafte Widerspiegelung in der gelehrten Theorie der sogenannten „neoliberalen Schule“ (Hayek, Friedman u. a.). Insbesondere beklagt sie deren exzessive Fixierung auf „globale Finanzmärkte“.
Was vermittelt die Autorin als das von den drei klassischen Ökonomen zu Lernende? Eigentlich nichts Direktes. Verständlich, denn die konkreten Erscheinungsformen von Wirtschaft änderten sich selbst seit Keynes’ Tod erheblich; seit Smith noch viel mehr. Herrmann drückt es apodiktisch so aus: „Jede Generation muss ihre eigene Wirtschaftswissenschaft erfinden. Trotzdem können Smith, Marx und Keynes wesentliche Anregungen liefern.“ Vom schottischen Moralphilosophen Smith zitiert sie (eingangs) aus dessen Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen – eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“ aus dem Jahr 1776 einige Begriffe, darunter Arbeitsteilung, Markt, Ware, Nachfrage und Preis. Ihm ging es um das Gemeinwohl; seine Bezeichnungen von Gruppen, die sich „Arbeit“ (und Eigentum) „teilen“ (Tagelöhner, Kaufleute und Landlords) stehen für Klassen und „Interesse“ steht für Profit. Der Sozialphilosoph Marx wird mit Friedrich Engels dafür gerühmt, dass beide die Bedeutung der Großindustrie und die Rolle der Konkurrenz als Erste erkannt und den „Kapitalismus“, also die kapitalistische Produktionsweise, als einen (historischen) Prozess begriffen hätten. Dem Logiker und Finanzpraktiker Keynes wird attestiert, dass er damit recht hätte, nicht den „Arbeitsmarkt“, sondern den „Finanzmarkt“ in das Zentrum der Untersuchungen zu stellen und „in Gesamtaggregaten zu denken“. Diese weißen Schimmel der Ökonomie verstünden die Neoklassiker („Neoliberalen“) nicht zu reiten. Herrmanns Urteil: „Keynes’ System ist unverändert aktuell.“ (vgl. oben „Jede Generation …“).
Es muss nicht hinzugefügt werden, dass sie weder Smiths Begriffe definiert, noch Marx’ gültige Erkenntnisse über die Rolle der Arbeitslosen und das permanente Wachstum der Einkommensunterschiede strukturiert darbietet. Die Überschrift zum Abschnitt (eine Seite) über Keynes’ System (dargestellt in seinem Hauptwerk „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“, 1936) lautet: „Sicher ist nur die Unsicherheit.“ Der Abschnitt endet mit der Trivialität: „Geld ist nicht neutral, sondern hat immense Bedeutung im ‚Kapitalismus’.“ Herrmann offenbart abschließend historisch-dialektische Unkenntnis: „Der ‚Kapitalismus’ ist das einzige dynamische soziale System, das die Menschheit je hervorgebracht hat. Die Ökonomie sollte ihn erforschen, statt ihn aus ihrer Theorie zu verbannen.“
Der rustikale Rat der Autorin lautet: „Die Herde der Finanzanleger lässt sich nur stoppen, wenn ‚man’ das Gatter der Weide verrammelt.“ „Man“ müsse die Devisenspekulation unterbinden, die Wechselkurse der Währungen „fixieren“ und sowohl große bzw. permanente Überschüsse als auch große bzw. permanente Defizite im Außenhandel mit Strafzinsen zugunsten einer Weltzentralbank belegen. „Witzig“ ist, dass die Autorin die gegenwärtige Situation Griechenlands mit der des reparationsbelasteten Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg vergleicht. Das dürfte die griechische Bevölkerung ähnlich sehen. Herrmann weiter: „Die frohe Botschaft lautet: Europaweit werden alle reicher, …, wenn die deutschen Arbeitnehmer mehr verdienen.“ Den rechnerischen Beweis für dieses Gesamtaggregat bleibt die Autorin schuldig. Ganz zu schweigen von einem Vorschlag, wer denn die Kraft sein soll oder kann, um die Gatter der kapitalistischen globalen Weide zu verrammeln.



Ulrike Herrmann, Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können.
Westendverlag, Frankfurt a. M. 2016, 287 Seiten. Kartoniert. 18,00 Euro


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