Zwischen Reform und Revolution

Bericht über ein Seminar an der Karl-Liebknecht-Schule
Von Gerrit Brüning / Pablo Graubner
|    Ausgabe vom 30. September 2016

Am 27./28. August fand in der Karl-Liebknecht-Schule das Wochenendseminar zum Thema „Revolutionäre Strategie in nichtrevolutionäre Zeiten“ statt. Zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer – darunter nicht nur Mitglieder der DKP – hatten sich auf den Weg nach Leverkusen gemacht, um sich bei strahlend blauem Himmel und drückender Hitze mit dem dialektischen Verhältnis von Reform und Revolution, der antimonopolistischen Strategie der DKP und möglichen Übergängen zum Sozialismus auseinanderzusetzen.
Den inhaltlichen Einstieg in das Seminar bildete ein „Warm-Up“ unter der Leitung von Jürgen Lloyd, bei dem sich aus den Zurufen der Teilnehmenden eine Definition des Begriffs „Herrschaft“ entwickelte und verschiedene Mittel gesammelt wurden, die der Monopolbourgeoisie zur Absicherung ihrer Macht zur Verfügung stehen. Am Ende stand die Erkenntnis, dass es unzureichend wäre, sich nur gegen einzelne Facetten der bürgerlichen Herrschaft zu wehren. Es müsse Marxistinnen und Marxisten vielmehr um den systematischen Gesamtzusammenhang aller Einzelphänomene gehen, also um die bürgerliche Herrschaft als Ganze. Das gelte es auch bei der Ausarbeitung einer revolutionären Strategie zu beachten.
Es folgte ein Referat von Phillip Becher zur Dialektik von Reform und Revolution. Er unterstrich darin, dass es nicht nur möglich sei, Gesetzmäßigkeiten in der Geschichte zu erkennen, sondern auch aufbauend darauf eine revolutionäre Strategie zu entwickeln. „Wir sitzen eben nicht am Fenster des ‚Grand Hotel Abgrund‘ und schauen uns das Elend an, sondern wir sind Teil des Versuchs, das Elend real zu überwinden. Über revolutionäre Strategie nachzudenken bedeutet revolutionäre Praxis möglich machen zu wollen. Und praktischer Revolutionär sein bedeutet eben bewusst – und das heißt auch verantwortungsbewusst gegenüber der Bewegung und den Menschen, um die es bei dem ganzen Unterfangen geht – zu handeln“, so Becher. Dabei sei es wichtig, dass die Kommunistische Partei im hier und jetzt um die im Interesse der arbeitenden Menschen notwendigen Reformen kämpft, das sozialistische Ziel dabei aber niemals aus den Augen verliert. Der Kampf um Reformen stelle aber einen notwendigen Anlauf für den Übergang zum Sozialismus dar. Und für Reformkämpfe gibt es bereits heute Anknüpfungspunkte zu anderen politischen Kräften, etwa in der Frage der Verstaatlichung der Schlüsselindustrien. Somit grenzten sich die Kommunistinnen und Kommunisten gegenüber Reformismus und Dogmatismus gleichermaßen ab.
Obwohl die Notwendigkeit einer Verbindung von Reform und Revolution in ihrer Allgemeinheit von allen Teilnehmenden vertreten wurde, zeigte sich in der Diskussion des Referats jedoch, dass im Detail sehr unterschiedliche Positionen vertreten und auch Begriffe verschieden benutzt wurden, so dass eine Angleichung der theoretischen Kenntnisse und eine Vereinheitlichung der Begriffe notwendig war. Dementsprechend wurde zum inhaltlichen Abschluss des Tages in Arbeitsgruppen ein Ausschnitt aus dem kürzlich erschienen Buch von Willi Gerns, welches zugleich dem Seminar seinen Namen gab, gelesen, das sich mit dem Unterschied zwischen antimonopolistischen und staatsmonopolistischen Reformen beschäftigt.
Der zweite Tag des Seminars war der Strategiedebatte in der DKP gewidmet. Eingeleitet wurde er mit einem Diskussionsbeitrag von Pablo Graubner, der als einen entscheidenden Mangel jüngster Debattenbeiträge herausarbeitete, die richtige Strategie einer revolutionären Partei nicht mehr auf Grundlage einer „objektiven Berücksichtigung der Gesamtheit der Wechselbeziehungen ausnahmslos aller Klassen einer gegebenen Gesellschaft“ (Lenin) zu bestimmen. Die Debatte um Entwicklungsstadien bzw. Zwischen­etappen auf dem Weg zum Sozialismus müsse ebenso wie die Diskussion um Perspektiv- und Übergangsforderungen in eine konkrete Klassenanalyse eingegliedert werden. „Im Zentrum unserer Strategiedebatte muss stehen, realistische Ziele für Klassenkämpfe benennen zu können, in deren Auseinandersetzung die Abwehrkämpfe gegen reaktionäre Tendenzen genauso gestärkt werden wie der Einfluss der revolutionären Kräfte in der Arbeiterklasse“, so Graubner.
Abschließend wurde klar, dass es einen wachsenden Diskussionsbedarf zu diesen Fragen innerhalb und außerhalb der DKP gibt. Die Referenten planen daher für das Jahr 2017 ein weiteres Seminar zu diesem Themenkomplex.


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Leserbrief zu »Zwischen Reform und Revolution«, UZ vom 30. September 2016





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