Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 30. September 2016

Schutz und Rückgabe
Voller Stolz verkündete Monika Grütters, ihres Zeichens Kulturstaatsministerin der Bundesregierung, dass ein neues Kulturschutzgesetz verabschiedet worden sei. Sie beklagte dabei, dass sich Deutschland leider lange nicht gerade als Pionier hervor getan habe, was gesetzliche Regelungen zum Schutz von Kulturgut betrifft. Die UNESCO-Konvention zum Kulturgutschutz aus dem Jahr 1970 wurde hierzulande erst 2007 – mit 37jähriger Verspätung – ratifiziert und im Kulturgüterrückgabegesetz umgesetzt – mit relativ laxen Regelungen, was die Einfuhr und Rückgabe von Kulturgut angeht, die sich obendrein als wenig praktikabel herausgestellt haben.
Das neue Gesetz gibt allen mittlerweile 131 Vertragsstaaten der UNESCO-Konvention einen Rückgabeanspruch für Kulturgut, das im jeweiligen Staat als Kulturgut geschützt ist und das nach April 2007 unter Verstoß gegen dortige Vorschriften ausgeführt wurde. Damit will man illegale Ein- und Ausfuhren, z. B. aus Plünderungen oder Raubzügen, verhindern bzw. Rückführungen möglich machen. Kunsthändler und Sammler waren und sind natürlich nicht begeistert, denn nun müssen sie ausführlich belegen, woher und von wem sie die guten Stücke haben. Den Staaten ist nun aufgelegt, einen Nachweis zu führen, dass es sich um schützenswertes Kulturgut ihres Landes handelt.
Das Datum April 2007 ist ein Freibrief für alle früheren illegalen Ein- und Ausfuhren, denn diese sind durch das neue Gesetz nicht erfasst, auf dass in unseren Museen alles früher „Geklaute“ und/oder von Händlern und Sammlern „Erworbene“ brav an seinem Platz bleiben kann.

Macht und Ohnmacht
Gerade ging der Europäische Märchenkongress in Würzburg zu Ende. Nichts von putzigen Kindergarten-Sitzkreisen, Omas im Ohrensessel oder müden Vätern bei der Gute-Nacht-Geschichte. Es ging vielmehr um Macht und Ohnmacht, eine Lebenserfahrung der menschlichen Geschichte und um die konkreten Verhältnisse seit dem 30-jährigen Krieg in Europa bis hier und jetzt.
Themen waren „Märchen und die Macht des Geldes“ oder „König und Soldat – von der Verkehrung der Macht“ oder „Macht und Ohnmacht von Frauen“. Märchen greifen über Bilder und Symbole das auf, was alltäglich erlebt und erlitten wurde, was manchmal mit List abgewehrt wurde, aber selten mit der Kraft der Vielen ins Gegenteil gewendet wurde.
Die Märchenforscher, zumeist Literaturwissenschaftler, Historiker und Soziologen, sind wohl ganz richtig dem auf der Spur, was im Alltag und in den Tagträumen derer, die nach Marxens Worten zu den Geknechteten, Gefesselten …. gehören, eine kulturelle Dimension ersten Grades ausmacht.
Auch über Märchen kann man den Verhältnissen auf die Spur kommen, man bringt sie sicherlich nicht darüber zum Tanzen, aber es lohnt sich, bei Ernst Bloch nachzulesen, wie und wo solche Spuren zu finden sind. Es lohnt auch, moderne Märchen wie die von Franz Fühmann oder Günter Herburger zu lesen (und es gibt noch eine Reihe mehr).

Zukunft des Films?
Die erfolgreiche US-Serie „House of Cards“ wäre ohne Algorithmus nicht entstanden. Der Streamingdienst Net­flix hat für die Serie genau ermittelt, was am besten beim Publikum ankommt. „Wie kann man solche Daten nutzen, um einen Film, der ohnehin gemacht wird, dann zu den Menschen zu bringen, die diesen Film auch wahrscheinlich mögen werden und ansehen werden“, sagt der Filmproduzent Jannis Funk, der Mitorganisator der Potsdamer Konferenz „Big Data – Big Movies“. Er betrachtet mit Sorge, dass derzeit ein Wissensmonopol der großen Anbieter entstehe. Da dieser Datenschatz gerade entsteht, ergeben sich eine Vielzahl von neuen Fragestellungen: Wer darf diese Daten nutzen, welche Rechte haben die Verbraucher an den eigenen Daten?


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Leserbrief zu »Kultursplitter«, UZ vom 30. September 2016





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