Einsichten aus dem Maschinenraum

Oliver Stone zeichnet mit „Snowden“ ein sehr persönliches Bild des Aufklärers
Von Klaus Wagener
|    Ausgabe vom 30. September 2016

Das „Wunderkind“ Snowden wird gehätschelt

Das „Wunderkind“ Snowden wird gehätschelt

( 2012 Universum Film GmbH)

Es war der Pearl-Harbor-Moment des Global War on Terror (GWOT) oder besser des weltweiten Krieges um die Sicherung US-amerikanischer Vorherrschaft im 21. Jahrhundert. Die zum nationalen Mythos „9/11“ verklärte, von wem auch immer gesteuerte Attacke auf das World Trade Center lieferte die Generalermächtigung für das große Aufräumen nach der Niederlage des Roten Oktober.
Auch der junge Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) fühlt sich verpflichtet, „seinem Land zu dienen“. Obwohl nicht gerade der sportlichste, meldet er sich zu den Special Forces, um dem Irak und dem Mittleren Osten Demokratie und Zivilisation zu bringen. Das geht prompt schief. Nach einem Beinbruch schon in der Ausbildung untauglich geschrieben, versucht der stille, recht naive, aber hochbegabte Computernerd sein Glück bei der CIA.
Oliver Stone erzählt mit „Snowden“ die Geschichte eines jungen Menschen, der, alles andere als ein Rebell, politisch eher patriotisch-konservativ und vom US-amerikanischen Exzeptionalismus überzeugt, sich voller Vertrauen in die politische Führung in den Dienst des Landes stellen will. Und schließlich erkennen muss, dass er einem gigantischem Irrtum aufgesessen ist.
In der Schweiz zeigt der versierte NSA-Agent Gabriel Sol (Ben Schnetzer) dem von ihm „Schneewittchen“ genannten, völlig perplexen Newcomer, wozu die NSA-Programme fähig sind. Und er muss erkennen, dass der Direktor der nationalen Nachrichtendienste James Clapper vor dem zuständigen Kongressausschuss in Bezug auf die globale US-Totalüberwachung – eben auch die der US-Bürger – kaltlächelnd gelogen hatte. Und dass er damit durchkommt, trotz seiner Überführung als Lügner. Er ist bis heute im Amt.
Oliver Stone entwickelt seine Geschichte ganz klassisch aus der Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Mannes heraus und kann sie, angereichert durch eine Liebesgeschichte, trotz ihrer weltweiten Bekanntheit, auch für den mit dem Stoff vertrauten Zuschauer spannend und interessant gestalten. Joseph Gordon-Levitt verkörpert diese Reifung des unbedarften Computernerds sehr überzeugend. Shailene Woodley, als seine lebensfroh-sympathische Partnerin Lindsay Mills, hält allen Widrigkeiten zum Trotz zu ihm. Das „Wunderkind“ Snowden wird gehätschelt, privilegiert. Es kann sich seiner Karriere und seines Wohlstands sicher sein. Aber Edward Snowden setzt für die Aufklärung über die geheime Totalüberwachung alles aufs Spiel und verdient tiefen Respekt. Es sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Herrschaftsverhältnisse und Machtstrukturen des US-Imperialismus, in die er als hochintelligenter Programmierer sukzessive einen immer intimeren Einblick gewinnt, die sein Denken und seine politische Haltung immer mehr verändern. So ist der Bruch vorprogrammiert. „Sind die Vereinigten Staaten das großartigste Land der Welt?“; diese in den Polygraph-gestützten Interviews zur Sicherheitsüberprüfung regelmäßig gestellte Frage kann Snowden am Ende, zumindest in Hinblick auf die politische Führung, nicht mehr uneingeschränkt bejahen. Wenn er sich selber treu bleiben will, muss er eine Entscheidung treffen. Und in der Person dieses Edward Snowden stellt sich diese Frage eben auch für das Publikum.
Leider verzichtet Stone auf eine weitergehende politische Einbettung seiner Geschichte. Der Film bewegt sich eher im technischen und psychologisch-administrativen Teil des Agentenmillieus und stellt nur recht allgemein klar, dass die Terror-Hysterie, der Terrorkrieg in erster Linie der globalen Herrschaftsabsicherung der USA dient. Viel detaillierter wird es dann aber nicht. Als seine Freundin Lindsay, konfrontiert mit der Enthüllung auch selbst das Objekt von Überwachung zu sein, klassisch-naiv glaubt, sie hätte nichts zu verbergen, braust Snowden auf, das sei ein ganz dummer Spruch, jeder habe etwas zu verbergen. Aber diese Perspektive bleibt privat. Das eigentliche politisch-geostrategische Interesse an der gigantischen Überwachung, die informationelle Basis für Repression und Krieg, für unzählige Tote, unermessliches Leid, das nebenbei die US-Staatskasse bislang fünf Billionen Dollar kostete, und wofür GWOT nur das Feigenblatt abgibt, bleibt weitgehend unerörtert. Dieser Krieg gilt, wie nun auch in Syrien zu sehen ist, naturgemäß nicht dem mal mehr mal weniger verbündeten islamistischen Mittelalter, sondern Personen, Organisationen, Parteien und staatlichen Strukturen, die in der Regel über mindestens soviel demokratische Legitimität verfügen wie die US-Administration und ihre streng klandestinen Dienste.
Und leider gelingt es dem Regisseur nur bedingt, die Begrenztheit der US-amerikanischen, und somit innerimperialistischen Perspektive zu überwinden. Schon in „Platoon“ war Stones Kriegs-Realismus ein dezidiert US-zentrierter. Es waren die Leiden, der Verfall, und der Tod der Okkupanten, welche in epischer Dimension ausgebreitet wurden. Der millionenfache Tod der Vietnamesen, die nach 100 Jahren Fremdherrschaft nichts anderes wollten als die Befreiung ihres Landes, oder die einfach nur zufällig dort waren, wo sie waren, spielte so gut wie keine Rolle. In „Snowden“ ist es die Zerstörung einer ganzen Weltregion mit wieder einmal Millionen Toten und Verletzten und zig-Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen, die bis auf einige Bilder, bei denen Menschen von Drohnen-Raketen buchstäblich zu Staub pulverisiert werden, kein wirkliches Thema ist. Hier lässt „Snowden“ reichlich Raum.
Die Debatte um die anglo-amerikanische Globalüberwachung generell und implizit auch Oliver Stones Film, suggeriert eine Art Zivilisationsbruch, eine Art Machtübernahme durch die Dienste und den militärisch-indus­triellen Komplex (MIK) in Folge von „9/11“. Daran ist sicher richtig, dass „9/11“ das Startsignal, die Generalermächtigung war, endlich das aus den Schubladen ziehen zu können, was in den Braintrusts seit langem vorgedacht war. Inklusive des Machtzuwachses der damit befassten Strukturen. Nicht richtig ist, dass damit die äußere Aggression und die innere Repression begonnen hat. Das war schon sehr viel eher der Fall und das sollte nicht übersehen werden. Die Existenz der heutigen USA begründet sich auf Landraub, Genozid und Sklaverei und auf eine nicht endenwollende Folge von Kriegen und Militärinterventionen. Zunächst in Lateinamerika und im pazifischen Raum. Nach dem II. Weltkrieg weltweit. Die Opferzahlen des US-Imperialismus übertreffen selbst die des II.Weltkriegs. Im „Kalten Krieg“ waren die USA bereit (Massive Retalliation), den Tod einer halbe Milliarde Menschen bei einem angenommenen – konventionellen – Angriff der Roten Armee in Kauf zu nehmen. An dieser Haltung hat sich nach 1989, auch im hoffnungsfroh herbeiphantasierten „globalen Weltdorf“, nichts geändert. Was sich geändert hat, sind die technischen Möglichkeiten und Methoden.
Die innenpolitische Repression hatte ihren ersten Höhepunkt nach dem Sieg des Roten Oktober in den brutalen „Palmer Raids“ (1918–21) mit Massenverhaftungen und teilweise Deportationen von mehr als 10 000 Kommunisten, Sozialisten und Gewerkschaftlern. Das FBI-Programm COINTELPRO (1956–71) hatte zwar noch nicht die IT-gestützten Zugriffsfähigkeiten auf alle persönlichen Daten, aber auch mit den „klassischen“ Geheimdienstmitteln Psychoterror, Verleumdung, Verfolgung und Gewalt bis hin zum Mord gelang es dem Hoover-Apparat, die Linke in den USA weitgehend zu paralysieren. Die Kriminalitätsermittlungen waren für das FBI schon immer nur das Feigenblatt, hinter dem sich die Repression gegen Bürgerrechtler, Vietnamkriegsgegner, die kommunistische Partei und Nicht-Kalte Kriegs-Konforme ganz allgemein verbarg. Neu ist, dass im Zuge von „9/11“ der Alleinvertretungsanspruch des FBI für innere Überwachung durch NSA & Co. gebrochen wurde, und dass die Auftritte der Staatsmacht, von Edward Snowdens Enthüllungen völlig unbeeindruckt, immer mehr nach offenem Bürgerkrieg aussehen. Nicht, dass man alles in einen Film packen könnte, aber zur Wahrheit gehört: Von einer demokratischen Idylle waren die USA auch vor „9/11“ weit entfernt.
„Darum ist der Snowden-Film gefährlich“, wettert die atlantische „Bild“ in dicken Lettern mit verbaler Unterstützung des „Ex-US-Botschafters“ John Kornblum, er sei eine „Fälschung“. „In Washington schätzt man, dass 90 Prozent des Datenmaterials, das er entwendet hat, aus strategischen Informationen für Russen und Chinesen bestand.“ Und schon ist er fertig, der Russen-Spion. „Die russische Regierung hat aus gutem Grund den Film gelobt“, so Kornblum. Die Vereinigten Staaten sind eben das großartigste Land der Welt. „Das Bild des jungen Rebellen ‚gegen das undemokratische, schlechte, böse Amerika’“, befördere Anti-Amerikanismus und schade den Geheimdiensten. Na, und Propaganda gegen „God’s own Country“, gegen das „großartigste Land der Welt“ und seine ebenso großartigen Geheimdienste das wollen wir, auch an dieser Stelle, doch auf gar keinen Fall.


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Leserbrief zu »Einsichten aus dem Maschinenraum«, UZ vom 30. September 2016





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