Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 23. September 2016

Literaturtipp

Victor Klemperer, „LTI – Notizbuch eines Philologen“. Reclam Verlag

Ranking
Nach irgendwelchen Kriterien gebastelte Listen, meist „Top und flop“ und Rankings genannte, sind ein beliebtes Mittel der Kulturindustrie. Auf den neuesten Stand unter dem Begriff „Kulturstädte“ brachte uns jetzt das Hamburger Weltwirtschafts Institut HWWI und die Privatbank Berenberg.
Ohne Sinn und Verstand zählte man die vorhandenen Einrichtungen wie Theater, Museen, Bibliotheken, Konzert- und Lichtspielhäuser und alle, die sich als Kreative in der Stadt verstehen, zusammen, verband das noch mit den verkauften Eintrittskarten für all das, und schon hatte man ein Ranking zusammen. Zwei Dinge tat man geflissentlich nicht: Eine Bewertung über Qualität, Relevanz und Teilnahme der städtischen Bevölkerung wurde nicht geleistet und ein Verhältnis zwischen den Zahlen mit Einwohnerzahlen und Steueraufkommen wurde ebenfalls nicht gerechnet.
Kein Wunder, dass dann die üblichen Verdächtigen vorne an der Spitze stehen, also Stuttgart, München, Dresden, Berlin und Bonn, rührige Klein- und Mittelstädte, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten gewaltig anstrengen, fallen dann hinten runter. So soll es ja auch sein, denn wo sucht eine Privatbank nach Klienten und Investoren?

Kein bunter Luftballon
Frauke Petry, Frontfrau der AfD, sorgte für Aufregung und Schlagzeilen mit ihrer bescheiden vorgetragenen Überlegung, man müsse das Wort „völkisch“ doch nutzen können, ohne dabei in die Nähe der NS-Zeit gedrängt zu werden.
Unabhängig davon, wie dummdreist ihr Gerede ist, denn natürlich hat „völkisch“ mit „Volk“ herzlich wenig zu tun, auch ein differenziertes Nachdenken über Ethnie, Volk, Nation und Staat lag nicht in ihrer Absicht. Die meisten ihrer Parteigänger und Wähler wären damit auch überfordert, nein, sie wollte damit etwas anderes erreichen: „Welche Wort-Ballons kann ich in die Erregungs- und Sensationslandschaft steigen lassen, was geht schon, was geht noch nicht?“
Wie kläffende Hunde stürzten sich Feuilletonisten und Hinterbänkler auf Petry und im Brustton von Heuchelei und Selbstvergewisserung zerrissen sie dieses Ansinnen.
Gespannt darf man sein, welche Ballons in nächster Zeit aufsteigen werden, wann und bei welchem Wort Duldung einsetzt, langsam ein Gebrauch stattfindet und sich die Geschwüre ausbreiten werden. Von Victor Klemperer, der unter schwierigsten Bedingungen und mit viel Glück die Zeit des deutschen Faschismus überlebte, gibt es ein weiterhin lesens- und empfehlenswertes Buch über „die Sprache des Dritten Reichs“, von ihm LTI genannt, daraus das folgende:
„Die stärkste Wirkung wurde nicht durch Einzelreden ausgeübt, auch nicht durch Artikel oder Flugblätter, durch Plakate oder Fahnen, sie wurde durch nichts erzielt, was man mit bewusstem Denken oder bewusstem Fühlen in sich aufnehmen musste.
Sondern der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang, und die mechanisch und unbewusst übernommen wurden.
Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewusster ich mich ihr überlasse. Und wenn nun die gebildete Sprache aus giftigen Elementen gebildet oder zur Trägerin von Giftstoffen gemacht worden ist?
Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.

Literaturtipp

Victor Klemperer, „LTI – Notizbuch eines Philologen“. Reclam Verlag


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