Snuff, das war sein letztes Wort

„Die Toten“ von Christian Kracht vermengt Geschichte mit Fiktion und verkuppelt Imperialismen miteinander
Von Ken Merten
|    Ausgabe vom 23. September 2016

Christian Kracht: Die Toten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 212 Seiten, 20 Euro

Christian Kracht: Die Toten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 212 Seiten, 20 Euro

In Braun und Beige gekleidet, mit Hipsterbart und einer Undercutfrisur, die zwar frisch sein mag, aber so verwahrlost, dass sich FriseurInnen in ihrer Berufsehre verletzt fühlen sollten: Auch für seinen aktuellen Roman, „Die Toten“, wurde Christian Kracht (zuletzt: „Imperium“, Kiepenheuer & Witsch, 2012) zur ARD-Sendung „Druckfrisch“ mit Denis Scheck geladen, über dessen „Match-cut-Rolltreppenfahrten, sein flummiartiges Gehoppel und knautschgummihaftes Grimassieren“ Kay Sokolowski kürzlich in „konkret“ mit Recht herzog. Es ist Pflicht, sobald ein neues Buch von ihm erscheint: Der mittlerweile 50-jährige Kracht schlüpft in seine Rolle und präsentiert in einer Sendung „von Hypermotorikern für Aufmerksamkeitsgestörte“ (Sokolowsky) allem voran sich selbst als ambivalenten Charmant-Schüchternen, der inhaltsleer daherfaselt und druckst, wo er einst der Trenchcoatträger mit Seitenscheitel war, der „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ (Kiepenheuer & Witsch, 2008) schrieb und im Gespräch mit Scheck ankündigte, in Argentinien eine Partei gründen zu wollen, die die Rückerlangung der Falklandinseln erstreiten solle.
Christian Kracht ist der wandelnde Einband zu seinem jeweils aktuellen Bestseller und gleichzeitig schafft er sich mit seiner Autoreninszenierung einen Haikäfig im Karpfenteich der deutschen Literaturkritik, die an ihm nie etwas auszusetzen hat. Sein aktueller Roman, „Die Toten“, sei eine „Revolution“, so Scheck ungehemmt. Er vergleicht den Roman mit der Umwälzung im Kino, als in den 1930ern die Tonspur hinzukam. Genau das ist der historische Hintergrund des Romans: Während sich Hollywood mit seinen Tonfilmen anschickt, weltweit den Markt zu dominieren, planen die beiden aggressivsten und autoritärsten Imperialismen, das japanische Kaiserreich und der deutsche Faschismus, eine „zelluloidene Achse“ gegen Los Angeles zu schmieden.
Der reaktionäre Multimonopolist Alfred Hugenberg schickt den Schweizer Regisseur Emil Nägeli nach Japan, der dort den Tonfilm etablieren soll, indem er einen Gruselfilm dreht. Nägeli ist nicht die erste, auch nicht die zweite Wahl des Kulturbeauftragten Masahiko Amakasu, der lieber Arnold Fanck oder Fritz Lang hinter der Zeiss-Linse gesehen hätte. Nägeli und Masahiko verbindet nicht nur ein Liebesdreieck mit der deutschen Nachwuchsschauspielerin Ida und eine traumatisierende Kindheit, sondern auch Spleens, wie das Nägelkauen.
Viel wiederholt sich in Krachts Romanisierung des dreiteiligen, bis zum Finale stets an Tempo und Handlung gewinnenden Nô-Theaters, in dem es stets spukt. An Anfang und Ende stehen jeweils klischeehafte Suizide. Ersterer wird auf Video gebannt und als Kulturgut nach Berlin versandt. Vieles in diesen frühen Dreißigern strahlt in Farbe: Hände sind „schmerzensrosa“ und Selbstmitleid purpur. Auf die Etablierung des Tonfilms setzt Kracht noch zwei obendrauf, indem er Farbfilm und Snuffporno quasi gleich mit dazu dichtet. Alles in antiquierter Sprache mit kleinen Zeitsprüngen in die Skurrilitäten des Zeitgenössischen („[…] der Himmel ist wolkenlos, der Pazifik verhält sich pazifisch. Monoton quirlen sich die Schiffsschrauben des Dampfers durch den Ozean, wie Rührbesen in einem Aquarium.“).
Feuilletonliebling Kracht, der mit seiner Ehefrau, der Regisseurin Frauke Finsterwalder, das Drehbuch zu „Finsterworld“ (2013) schrieb, wagt sich in „Die Toten“ an konkrete historische Personen heran, u. a. an den im Stummfilm-vernarrten Japan geliebten wie gehassten Charlie Chaplin. Der ist imperialismusgeil, spricht sogar und handelt grausam. Auch Heinz Rühmann, Hugenberg, „das garstige Schwein das er ist“, die FilmkritikerInnen Siegfried Kracauer und Lotte Eisner und der Opportunist und mit „Metropolis“ durchgefallene Filmemacher Fritz Lang sind Handelnde. Die einen wollen „den Erdball überziehen mit deutschen Filmen, kolonialisieren mit Zelluloid“ (so die Figur Hugenberg), die anderen pfeifen kurz vor der Emigration betrunken die Internationale, während sie Omeletts servieren, weil das Eierpochieren misslungen ist.
„Die Toten“ ist eine Vermengung von Geschichte und Dichtung und selbstständiger als die anderen Werke des Autors, den man mit gutem Gewissen einen Formalisten nennen kann. Sein Debüt, „Faserland“ (Kiepenheuer & Witsch, 1995), übertrug die von Bret Easton Ellis angestoßene neue Welle der Pop-Literatur ins Deutschsprachige, und ließ viele Pop-Literaten hierzulande in Vergessenheit geraten. Mit „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ versetzte Kracht die pathetisch-reaktionäre Nachweltkriegsliteratur der Weimarer Republik in ein Paralleluniversum, in dem die sowjetische Schweiz im Bund mit dem bürgerlichen Frankreich und solidarisch mit den Völkern Afrikas gegen den deutschen und britischen Faschismus im ewigen Krieg stehen. Mit letzterem Roman verbindet „Die Toten“ noch der pantheistische, wahnhafte Eskapismus, in dem sich eine der Hauptfiguren im Schlussteil mittelfristig verliert.
Krachts neuer Roman ist keine direkte Adaption, keine Meta-Filmwissenschaftsarbeit wie Mark Z. Danielewskis „House of Leaves“ oder eine nervtötende Überwachungskamerafahrt wie „Afterdark“ von Haruki Murakami. Am historischen Beispiel zeigt Kracht – natürlich mit dem Sicherheitsfangnetz der Ironie und dem klebrigen Mantel des allem übergeordneten Schriftstellerhalbgotts geschützt – das Scheitern und Abstumpfen, nicht nur mit und durch die Medien, sondern auch durch Umstände, an denen Einzelne, mögen sie auch Chaplin oder gar Hugenberg heißen, nicht allein rütteln können. Das ist großangelegte, gute Literatur, eine Revolution, auch eine literarische, ganz sicher nicht.

Christian Kracht: Die Toten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 212 Seiten, 20 Euro

Christian Kracht: Die Toten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 212 Seiten, 20 Euro


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Leserbrief zu »Snuff, das war sein letztes Wort«, UZ vom 23. September 2016





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