Der neue Potter

„Warum tut sie das bloß?“
Von Friedhelm Vermeulen
|    Ausgabe vom 23. September 2016

Joanne Rowling hat zugelassen, dass die abgeschlossene – und ja nicht gerade knapp geschilderte – Geschichte der Kindheit des männlichen, britischen Aschenbrödels Harry Potter künstlich und über das Erwachsenwerden hinaus verlängert und daraus ein Theaterstück gemacht wird.
Dieses Theaterstück – es trägt den Titel „Harry Potter and the Cursed Child“ – von Jack Thorne erfährt nun wiederum eine Zweitverwertung als Buch und erscheint an diesem Wochenende auf dem deutschen Markt. Rowling selbst war angeblich an der dem Stück zugrunde liegenden Geschichte irgendwie beteiligt. Wahrscheinlich ist, dass man ihr eine Geschichte vorgelegt hat, die nur mit ihrem Segen und im Potter-Gewand Aussicht auf kommerziellen Erfolg hat. Vielleicht hätte diese Geschichte, in der es im wesentlichen um Harrys Sohn Albus geht, auch in einem anderen als dem Potterschen Universum stattfinden können, dann wäre Albus vielleicht als Sohn von Bibi Blocksberg als Hörspiel erschienen.
Es ist jedenfalls nicht ungewöhnlich, wenn Stoffe in Anlehnung und Abwandlung in verschiedensten Formen, Farben und Größen auf den Markt geworfen werden. Mit „Star Wars“ – dessen Geschichte Gemeinsamkeiten zu Harry Potter aufweist und eine Fortführung der Geschichte als Prequel mit Harrys Eltern erwarten lässt – fing der Merchandise-Zirkus so richtig an. Mel Brooks hatte 1987 in seiner Parodie „Spaceballs“ noch geulkt, man könne ja im „Merchandising“ neben T-Shirts und sprechenden Puppen auch Flammenwerfer verkaufen. „Die Kinder lieben das Ding.“
Inzwischen gibt es neben den klassischen Verwertungsmöglichkeiten mehr als nur Flammenwerfer – Bücher werden verfilmt, Filme und TV-Serien werden zu Comics oder umgekehrt, Computerspiele sind gleich so angelegt, dass sie Film und Nebenprodukt zugleich sind …
Zum Potter-Merchandise gehören Zauberstäbe im Holzkasten (für Sammler natürlich, nicht zum Spielen), Fanschals, Schuluniformen und all das Equipement, was Aktive für die nächste Quidditch-Saison so brauchen. Das versilberte „D‘amelie Harry-Potter-Eule-Armband“ aus der Reihe „Heiligtümer des Todes“ gibt es sogar recht günstig.
Zahlreiche weitere Formate und Produkte sind schon beim Erscheinen des Erstproduktes eingeplant, dass können Musicals, Kostüme, Brettspiele sein oder auch Nachschlagewerke, die historische Daten, Kartenmaterial und Biografien noch so unwichtiger Nebenrollen aufwendig gestaltet auswalzen.
Klar, es geht ums Geld, was sonst? Der Druck auf Rowling war sicher riesig, nachdem Harry-Potter-Produkte sich lange in den Kinderzimmern hielten, um dann nach und nach von schamlosen Serientätern wie Star Wars oder Cars verdrängt zu werden.
In China wussten sie früher, die Schwachstelle der Potter-Reihe zu eliminieren: Dass sie ein Ende hat. Bereits vor knapp zehn Jahren wurden bei Straßenbuchmärkten Übersetzungen von elf der sieben Potter-Bände verkauft, sicher gab es weitere. Vielleicht erteilt Rowling der chinesischen Fortsetzung auch irgendwann ihren Segen und verkauft die Rückübersetzungen unter ihrem Namen.
Der Buchmarkt ist halt schwierig, weil neue Geschichten und Figuren außerhalb bekannter Erzählungen so schwer kalkulierbar sind, was den kommerziellen Erfolg betrifft. Deshalb dürfen Goldesel wie Harry Potter nicht sterben.­


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Leserbrief zu »Der neue Potter«, UZ vom 23. September 2016





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