Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 16. September 2016

Schlag-Worte
Im Zusammenhang der Erinnerung an das KPD-Verbot vor 60 Jahren und die Hetzjagden auf Kommunistinnen und Kommunisten bis hin zu den Berufsverboten taucht die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ bis heute auf und wird als Keule gebraucht. Ein neueres Wortungetüm dieser Art und von der CSU in Umlauf gebracht ist der „abendländisch-christliche Kulturkreis“. Jetzt geht es weniger gegen Andersdenkende und -handelnde, sondern um ideologische Grenzsicherung und die Eindämmung der vorher selbst geschaffenen Angst- und Wutpotentiale.
Ein bisschen nachgefragt: Was hat das Christentum in 2000 Jahren im „Abendland“ an Werten und Aufforderungen zum Handeln vorgeschlagen und produziert? Nach den dumpfen tausend Jahren des Mittelalters, in denen sich nichts an Entwicklung zu Humanität und Freiheit verfolgen lässt, half arabisch-muslimische Kunst und Wissenschaft der Renaissance auf die Beine. Ohne sie wären Toleranz, eine erste Vorstellung von Persönlichkeit und freiem Willen, die Trennung von Wissenschaft und Religion nicht denkbar. Jahrhunderte später waren es jüdische und/oder atheistische Philosophen und Künstler, die die Aufklärung bis zu den Werten der Französischen Revolution entwickelten, christliche Denker und Potentaten sind bei einer Spurensuche zum „Abendland“ kaum zu finden. Natürlich sind solche Schlag-Worte von ihren Urhebern und Nachbetern nicht dazu gedacht, ernsthafte Debatten zu führen, vielmehr soll Kritik an politischem Handeln und eigenständigem Denken mit solchen Keulen plattgemacht werden.

Auch ein Manifest
Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband hat dieser Tage ein von ihm so genanntes „Manifest Haltung zählt“ veröffentlicht. In der Tradition bekannter römischer Schreiben, die gerne mit „In großer Sorge“ beginnen, formuliert dieser Verband seine Sicht. Er konstatiert eine Aggressivität der Sprache, des Hasses, der Geringschätzung und Diskriminierung. Er beobachtet, wie die Gesellschaft gespalten und Menschen aufgehetzt werden. Die Schuldigen daran seien extreme Gruppierungen und Repräsentanten der Rechtspopulisten und der Rechtsextremen. Der Lösungsvorschlag dieser Lehrerinnen und Lehrer lautet, sich nicht einschüchtern zu lassen, die Gesellschaft zu schützen und die Demokratie zu bewahren.
Man schüttelt den Kopf ob solcher Naivität. Eingestanden sei, dass der Verband davor zurückschreckt, die tatsächlichen Urheber mit Namen und Hausnummern zu nennen, aber muss es deshalb so ein Larifari sein? Unsere Kinder und Kindeskinder vertrauen wir einem Personal an, das die Grundbedingungen exakten Herangehens nicht erfüllt, obwohl sie sicher in ihren Schulklassen genau dies einfordern. Bei allem Zugeständnis, dass sie es ja gut gemeint haben, aber bei Brecht heißt es „Das Gegenteil von Gut ist nicht Böse, sondern gut gemeint“.

SPD-Liebling der Woche
Nachdem der langjährige und hoch geschätzte Intendant des Berliner Staatsballetts, Vladimir Malakhov, geschasst worden war, ging man im Roten Rathaus auf Suche und wurde fündig: Ein Hätschelkind der Erregungs- und Eventkultur, die Choreographin Sasha Waltz, übernimmt den Job gemeinsam mit Johannes Öhmann, der für den Alltagsbetrieb und besonders für die Finanzen zuständig sein wird.
Die Einstudierungen der Sasha Waltz wurden gerne spektakulär angekündigt, gingen aber danach ins Archiv, da oft eher voyeuristisch und populistisch. Für die Regierenden in Berlin inklusive Schickeria hat Sasha Waltz ihre Meriten und ihre nunmehrige Belohnung durch eine andere „künstlerische“ Präsentation verdient: Sie zeichnet verantwortlich für den preisgekrönten Entwurf des „Freiheits- und Einheitsdenkmals“ zu Berlin. Wer sich erinnert: Das sieht aus wie eine überdimensionale Wippe oder Schaukel, soll begehbar sein und uns ein Gefühl für Ausgleich der Interessen, für Miteinander geben.


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