Superhumans

Die Olympischen Spiele der Kriegsversehrten
Von Friedhelm Vermeulen
|    Ausgabe vom 9. September 2016
 (Foto: Screenshot youtube)
(Foto: Screenshot youtube)

Vielleicht wäre er lieber Leichtathlet geworden, der Tim Focken. Aber wahrscheinlich war er für die diese Woche gestarteten Paralympischen Spiele in Rio einfach zu langsam mit seinen gesunden Beinen, außerdem ist er schon 32.
Immerhin sind bei ihm Muskeln und Nerven im Oberarm tot. Ein Taliban habe ihm eine Kugel verpasst, in Afghanistan, berichtete die „Zeit“. Nein, eigentlich war es noch gemeiner, es war ein Heckenschütze, ein böser Hinterhalt. Wie Tim Focken aus dem heimatlichen Oldenburg im über 5 000 km entfernten Kundus in einen Hinterhalt geriet ist offenbar schwer zu erklären. Aber berichtet wird, er sei gerne Soldat gewesen.
Focken wurde porträtiert als neue Hoffnung der Gruppe „einsatzgeschädigter Soldaten mit leistungssportlichen Ambitionen“. Ein Prestigeprojekt des bundesdeutschen Wehrertüchtigung. Das ist deshalb wichtig, weil sich die Kriegsversehrten ja doch nicht ganz verstecken lassen. Also sind Typen fürs Rampenlicht gefragt. Typen wie Focken haben doch gar keinen Bock auf die langwierige Reha der Minderleister und gehen lieber gleich zum Extremsport über.
Die britische und die US-Armee produzieren solche Geschichten schon länger. Die BBC nennt ihre Paraolympioniken „Superhumans“. Die einen sind supersympathisch dargestellt, niedlich geradezu; die anderen entsprechen den Kriterien „höher, schneller, weiter“. Bekannt wurde Oscar Pistorius, der ohne Beine – aber mit Prothesen – schneller war als „normale“ Läufer.
So schnell wie Pistorius wird Dave Henson vielleicht nicht unterwegs sein. Auch er hat zwei Beine verloren … in Afghanistan. Und vier Kameraden, für die er jetzt Gold in Rio holen will. Er sieht es als große Chance, will von Depressionen nichts hören und ihm wird Humor à la Monty Python angedichtet. Und so wird er im „Telegraph“ mit den Worten zitiert: „Es ist nur eine Fleischwunde“, während er auf seine Beinstümpfe lächelnd runtersieht.
Aus Sicht der Anwerber fürs Militär ist es ein echter Segen, solche Sympathieträger vorweisen zu können. Denn das Thema der Verstümmelung ist bei den halbwegs Intelligenten präsent, wenn sie gefragt werden, ob sie sich eine Karriere bei der Bundeswehr oder der British Army vorstellen können. Focken und Henson hat es dabei bös erwischt. Sie als wahre Kämpfer darzustellen, die als Kriegsversehrte ein neues Leben beginnen, nur Chancen sehen und Leistung bringen, wird Militärpfarrer Gauck besonders gefallen. Wahrscheinlich wird Behindertensport deshalb beim „Bürgerfest des Bundespräsidenten“ an diesem Wochenende so abgefeiert.
Tim Fockens Arm schmerzt schon lange nicht mehr, aber der Kopf, der tut einem schon sehr weh, wenn man darüber nachdenkt.


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Leserbrief zu »Superhumans«, UZ vom 9. September 2016





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