Kunst für das Leben

„tendenzen – Blätter für engagierte Kunst“ und die Künstlergruppe „tendenz“
Von Hans Wallner
|    Ausgabe vom 9. September 2016

In der Gegenwart gibt es zwar eine Reihe von bildenden Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit der gesellschaftlichen Situation kritisch auseinandersetzen, jedoch kaum Gruppen, in denen sie sich austauschen oder gemeinsam ihre Arbeiten präsentieren. Schmerzhaft ist auch das Fehlen einer kritischen Kunstzeitschrift wie es die „tendenzen“ waren. Ich möchte hier die Entstehungsgeschichte und die Ziele der Künstlergruppe tendenz und der daraus hervorgegangenen Kunstzeitschrift beschreiben.

Unser Autor ist Vorsitzender des Vereins „Kunst für Frieden“

Weitere Informationen und Kontakt: www.friedensatelier.de

Fritz Griebel, o. T., 1959, Druck und Scherenschnitt

Fritz Griebel, o. T., 1959, Druck und Scherenschnitt

1958: Der Deutsche Bundestag beschließt die atomare Aufrüstung der Bundeswehr. Dagegen engagieren sich in vielen Städten Bürger aus allen Bevölkerungsschichten, es werden – zunächst mit Unterstützung der SPD und der Gewerkschaften – Komitees gegen den Atomkrieg gegründet. Sie organisieren Protestkundgebungen, sammeln Unterschriften, informieren und demonstrieren. Wissenschaftler und Künstler unterstützen durch ihre Beiträge dieses Anliegen.
In der „Augsburger Gruppe“ – einem neuen Zusammenschluss von zunächst ca. 15 Persönlichkeiten des Kulturlebens – entsteht die Idee zu einer Ausstellung gegen den Atomkrieg. Der Vorsitzende Walter Oemichen, Leiter des bekannten Marionettentheaters „Augsburger Puppenkiste“, begeistert sich für die Initiative von Carlo Schellemann, freischaffender Maler, Initiator und Motor dieser Idee. Im Frühjahr 1958 fordert Schellemann seine Kollegen aus dem In- und Ausland auf, sich an einer Ausstellung gegen die „atomare Aufrüstung“ zu beteiligen. Viele bekannte Maler der gegenständlichen und realistischen Kunst stellen Arbeiten zur Verfügung, unter ihnen Otto Pankok, Karl Hubbuch, Lea Grundig, A. P. Weber, Albert Birkle, Frans Masereel.

Carlo Schellemann, „Dionysos überwindet die Seeräuber“ 1959, Bleistift/Graphit

Carlo Schellemann, „Dionysos überwindet die Seeräuber“ 1959, Bleistift/Graphit

Reaktionen auf die Wanderausstellung „Künstler gegen Atomkrieg“
Obgleich rasch viele Exponate zusammenkommen, kann die geplante Ausstellung erst im Herbst 1958 in München gezeigt werden. Die Verschärfung der politischen Auseinandersetzungen um die Atombewaffnung und das Abrücken der SPD von der Unterstützung der außerparlamentarischen Opposition und ihrer Protestmaßnahmen verzögern die Realisierung des Projektes „Wanderausstellung gegen den Atomkrieg“. Nunmehr wird die Ausstellung ausschließlich von einem privaten Kreis aus Künstlern, Schriftstellern und Kritikern organisiert und endlich kann sie am 22. Oktober 1958 von Prof. Dr. Dr. Saller, dem Präsidenten des Deutschen Kulturtages, in den Räumen der Universitätsreitschule München eröffnet werden. Dann geht die Ausstellung fast fünf Jahre bis 1963 auf Reisen. Sie wird in über 40 Orten gezeigt. Mehr als 50 Künstlerinnen und Künstler beteiligten sich an den Ausstellungen mit bis zu 250 Arbeiten.
Die Ausstellungen forderten Aufmerksamkeit, entzündeten viele Diskussionen und riefen sicherlich auch Widerspruch zu den Arbeiten hervor. „Es blieb kennzeichnend für die obrigkeitsstaatliche Kunstsituation in der Bundesrepublik, dass einer solchen Ausstellung, trotz der Beteiligung namhafter und weltbekannter Künstler, die großen Museen und Ausstellungsräume fast ausnahmslos verschlossen blieben. Und es war kennzeichnend für die Teilnahme in allen Bevölkerungskreisen, dass Freunde, Helfer und mutige Kulturbeamte den Blättern und Bildern Räume in Volkshochschulen, Gewerkschaftshäusern, Jugendheimen und kleineren Museen öffneten.“ (Aus dem Schlussbericht der Ausstellung „Künstler gegen Atomkrieg“ von 1963, zit. nach „tendenzen“ Nr. 92, Dez. 1973, ursprünglich veröffentlicht in „tendenzen“ Nr. 21. Juni 1963)
Auf der Seite der Künstler führte die Ausstellung „Künstler gegen Atomkrieg“ zur Gründung der Gruppe „tendenz“ und zur Kunstzeitschrift „tendenzen – Blätter für engagierte Kunst“. Gegenständlich und gar realistisch arbeitende Künstler hatten es schwer in einer Zeit, in der fast ausschließlich die abstrakte Kunstrichtung gefördert wurde (hierzu siehe: Jürgen Weber, Entmündigung der Künstler, Köln, 1987). Die fortschrittlich engagierten Künstler befanden sich in isolierten Arbeitssituationen. Sie wurden weitgehend vom „offiziellen“ Kunstbetrieb ferngehalten.
Da lag es nahe, sich in Gruppen zusammenzuschließen und – wie die Gruppe „tendenz“ – mit einem Organ, eben den „tendenzen“, an die Öffentlichkeit zu treten. Anfang 1960 gründete sich die Gruppe „tendenz“ in München. Fast alle Gründungsmitglieder waren Teilnehmer der Ausstellung „Künstler gegen Atomkrieg“. Weitere Künstler aus diesem Umfeld schlossen sich bald der Gruppe an. Das lag an dem Gruppenselbstverständnis, formuliert in den sieben Punkten des Programms. Auch wenn dieses Programm in einigen Punkten recht allgemein blieb (so zum Begriff des Realismus), war es doch dasjenige, welches in seiner Programm- und Zielformulierung am weitesten ging. „tendenz“ war nicht die einzige Gruppe, die dem Diktat abstrakter Kunst und deren Protagonisten etwas entgegensetzten, so gründeten sich: „Gruppe 56/Schleswig Holstein“, die „Junge Realisten“, Düsseldorf, „Gruppe Münster 60“, „Neuer Realismus“, München.
Die Zeitschrift „tendenzen – Blätter für engagierte Kunst“ war für viele Jahre (sie erschien immerhin bis 1990) eine ernst zu nehmende Alternative zu den Kunstzeitschriften, die sich eher der Darstellung des offiziellen Kunstbetriebs verpflichtet sahen. Sie sollte den Künstlern als Organ dienen, deren gesellschaftlich engagierte Kunst von den großen Kunstzeitschriften übergangen wurde. In der ersten Nummer vom Februar 1960 wurde u. a. das Programm der Gruppe „tendenz“ veröffentlicht. Es diente als Leitbild für eine künstlerische Arbeit, wie sie in Ansätzen bereits in der Ausstellung „Künstler gegen Atomkrieg“ sichtbaren Ausdruck angenommen hatte:
„1. Die Gruppe tendenz ist bestrebt, die wesentlichen künstlerischen Aussagen über die Tendenzen unserer Zeit zu versammeln. Unter „Tendenz“ verstehen wir die künstlerische Aussage um eines Themas willen. Die Themen sind die Zustände dieser Welt. Unsere Aussagen sind Aussagen über diese Zustände.
2. Die Gruppe tendenz bildet sich aus dem Widerspruch gegen den bloßen Ästhetizismus innerhalb der modernen Kunst, hinter dem sich Ratlosigkeit und – schlimmer noch – Feigheit verbergen: der Verzicht, eine künstlerische Position zur Wirklichkeit im allgemeinen und zur gesellschaftlichen Gegenwart im besonderen zu beziehen.
3. Die Wirklichkeit, in der wir leben, interessiert uns. Die Gegenwart, in der wir schaffen, ist für uns künstlerisch hoch aktuell. Die Gesellschaft, der wir angehören, sehen wir mit Neugierde. Ihre Sorgen sind uns darstellungswürdig, ihre Hoffnungen regen uns an. Für uns gibt es keinen Dualismus zwischen Kunst und Leben. Wir fühlen uns dieser Zeit in einem Sinne verbunden, der uns zu verbindlichen Aussagen über ihre Erscheinungen verpflichtet.
4.Wir bemühen uns um die Gestaltung der realen positiven und negativen Perspektiven der Wirklichkeit. Wir bekennen uns zur Anschauung Hegels: „Tendenz ist der entwickelbare Kern, der in einer Sache steckt.“ Daraus ergibt sich unser künstlerisches Verhältnis zur Realität. Unsere Gestaltung muss der Wirklichkeit genügend nahe sein, um die untersuchte Erscheinung konkret erkennen zu lassen. Sie darf ihr aber nicht so nahe sein, dass die Wiedergabe der Erscheinung die Auseinandersetzung mit ihrem Wesen verdrängt. Wir kopieren nicht, wir deuten; wir nehmen nicht hin, sondern wir betonen und verwerfen.
5. Den Inhalt unserer Aussagen entnehmen wir der Wirklichkeit. Wir sind keine Konformisten, wir beziehen Stellung. Wir urteilen selbst und fügen uns keinen herkömmlichen Meinungen. Wir enthüllen damit geschickt verborgene Tendenzen unserer Zeit. Das ist die moralische Seite der Kunst. Ihr fühlen wir uns verpflichtet.
6. Die Gruppe tendenz unterscheidet sich also von „Tendenzkunst“ im üblichen Sinn durch ihre Freiheit. Sie illustriert keine vorgefassten Meinungen, sondern untersucht sie. Sie macht keine bildliche Werbung für eine bestimmte Weltanschauung. Jedes ihrer Mitglieder trifft seine Feststellungen zur Zeit.
7. Die Gruppe tendenz ist keine Sekte mit bestimmten stilistischen Abzeichen. Es verbindet uns die Auffassung, dass der Inhalt das Rückgrat der künstlerischen Form bildet. Es verbindet uns das Engagement an den Zuständen dieser Zeit. Wir leben in ihr, nicht um sie zu verleugnen. Wir leben in ihr, um sie zu bewältigen.
Das ist unsere t e n d e n z !“

Hermann Landefeld, „Bruderkrieg“, Holz- oder Linolschnitt, o. D.

Hermann Landefeld, „Bruderkrieg“, Holz- oder Linolschnitt, o. D.


Gegenständliche und realistische Kunst wurden in Zeiten des Kalten Krieges vom offiziellen Kunstbetrieb ferngehalten. Aussagen von Künstlerinnen und Künstlern zur gesellschaftlichen Wirklichkeit waren unerwünscht und wurden diffamiert. Das ging so weit, dass Realismus mit Nazikunst gleichgesetzt wurde. In der alten Bundesrepublik herrschte die Diktatur des Abstrakten! Die alte Bundesrepublik war der Frontstaat. Die Negation von Kunst, die sich kritisch mit der Realität auseinandersetzte, diente ebenso wie die Unterdrückung kritischer Meinungen und Organisationen dem Credo des Wirtschaftswachstums und der Verfestigung alter Machtverhältnisse sowie dem Wiederaufbau einer Militärmacht. Alles, was sich kritisch äußerte, sei es künstlerisch, sei es publizistisch, wurde als „Feindpropaganda“, als Unterwanderung durch sozialistische Mächte gebrandmarkt und verfolgt.
Die damalige Gruppe „tendenz“ und „Tendenzen“ haben dem auf dem Gebiet der Bildenden Kunst etwas entgegensetzt. Das hatte zwar keine Breitenwirkung, doch Interessierte hatten immerhin die Möglichkeit, engagierte Kunst kennenzulernen und sich damit auseinanderzusetzen.

Und heute?
Die heutigen „Zustände dieser Welt“ verlangen von Künstlerinnen und Künstlern nach wie vor Positionen im Sinne des Programms der Gruppe „tendenz“ von 1960. Die Herausforderungen sind sogar vielgestaltiger geworden, denn unsere Lebensgrundlagen und ein gedeihliches Zusammenleben sind in Gänze bedroht. Natürlich kann es nicht allein Aufgabe von Künstlerinnen und Künstlern sein, darauf zu reagieren. Nach Jahren, in denen ich den Eindruck hatte, Kunst zieht sich weitgehend auf persönliche Befindlichkeiten und Unverbindliches zurück, scheint mir das Engagement von Künstlerinnen und Künstler zuzunehmen, sich der Lebenswirklichkeit und den gesellschaftlichen Herausforderungen stellen. Allerdings: Die Betroffenheit und der gute Wille allein genügen nicht, um mit überzeugenden Kunstwerken Menschen anzusprechen. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass „Schreckensbilder“ den Betrachter eher abschrecken können als ihn zum Handeln zu bewegen. Eine positive Weltsicht, Visionen bildnerisch zu vermitteln, ohne dabei platt und plakativ zu werden, erscheint mir eine besondere Herausforderung für Künstlerinnen und Künstler zu sein. Darüber sich weiter Gedanken zu machen und auszutauschen ist lohnend und zukunftsweisend.
Dem Sinne der Tendenzen-Bewegung fühlt sich der Verein Kunst für Frieden e. V. verpflichtet. Er pflegt das Erbe mit einer Kunstsammlung, deren Kern aus Arbeiten der ehemaligen Wanderausstellung „Künstler gegen Atomkrieg“ besteht und die um Arbeiten der nachfolgenden Jahrzehnte bis zur Gegenwart erweitert wurde. Mit der Kunstsammlung und zeitgenössischen, aktuellen Kunstwerken organisiert der Verein Ausstellungen. In der Webpräsentation www.friedens­atelier.de bietet der Verein eine Übersicht über seine Kunstsammlung. Eine „Galerie Engagierte Kunst der Gegenwart“ gibt zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern die Gelegenheit, auf ihre Arbeiten aufmerksam zu machen.

Unser Autor ist Vorsitzender des Vereins „Kunst für Frieden“

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Leserbrief zu »Kunst für das Leben«, UZ vom 9. September 2016





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