Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 9. September 2016

Missbrauch
Seit vielen Jahren findet alljährlich im Herbst das Beethovenfest Bonn statt, die neue Leitung haben Nike Wagner (aus dem unerträglichen Clan aus Bayreuth) und Dettloff Schwerdtfeger, der sich seine Meriten als Kulturmanager erdiente. Dem neuen Programmheft gaben die beiden ein Interview über „Chancen und Grenzen revolutionärer Vorgänge und revolutionärer Musik“. Hauptsponsoren der vierwöchigen Veranstaltung sind die Deutsche Post DHL und die Telekom Deutschland, auch Stiftungen wie die nach Jürgen Ponto oder Rudolf Augstein benannten und eine Reihe von Mittelstandsbetrieben aus der Region.
Es ist sehr aufschlussreich, den Gedankengängen dieser beiden Macher zu folgen. Nike Wagner war selbstverständlich „1968“ dabei, lebte in WGs in Berlin und las Marx und Lenin und hat sich ein Reservoir an Phrasendrescherei erhalten, ihr jüngerer Kollege kam aus einer Bundeswehrfamilie und hat ab 1989/90 „realisiert, was Freiheit bedeutet“. Das Wort Revolution wird von beiden ständig benutzt, ohne auch nur ein einziges Mal etwas Begriffliches zu sagen. Gerne zitieren sie den Satz „Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder“, um vor Veränderungen zu warnen, da Folgen nicht absehbar seien, Prozesse in Gang kommen und über die wir die Kontrolle verlieren würden. Der Satz habe eine grauenhafte Wahrheit, auf Danton folgt Robespierre, auf Lenin kommt Stalin. Das Kippen von blutigen Freiheitsbewegungen in blutige Diktaturen scheint ein historisches Gesetz zu sein.
Wenn Revolutionen nur noch in der Küchentechnologie oder in Automobilen stattfinden und wenn höchstens über Transformation (auch und gerne in der Musik) geredet wird, beruhigen solche Sprüche die aufgeschreckte bürgerliche Festtagsgesellschaft. Die Eliten hören wohlwollend zu, sowas eignet sich gut für den Smalltalk in der Konzertpause. Dazu ein Zitat von Karl Kraus: „Die Sprache ist die Mutter, nicht die Magd des Gedankens.“
Die Schere im Kopf oder
die Re(d)aktion im Nacken
Nach der Sommerpause kehrt auch die einzige ernsthafte politische Satiresendung auf den Fernsehkanälen zurück, am letzten Dienstag lief im ZDF „Die Anstalt“. Es ist bemerkenswert, wie es Max Uthoff und Claus von Wagner schaffen, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen mit sehr viel Witz und gelegentlicher Schärfe, auch mit pädagogischem Zeigestab vorzuführen. Spannender ist es zu erleben, wie sie und auch ihre Gäste es schaffen, kurz bevor deutlich und klar gesagt werden kann, was Ursache und Urheber ist, die Kurve zu kriegen und mit einer schlaffen Pointe die Szene zu beenden. Man kann ihnen sicherlich abnehmen, dass sie wütend und/oder betroffen sind, aber warum sie immer (die Wette gilt) genau da abstoppen, wo Deutlichkeit und Klarheit angesagt sind, liegt bestimmt nicht an ihrer intellektuellen Beschränktheit. Der von beiden verehrte Kollege Georg Schramm flocht gerne in seine Suada das Zitat von Papst Gregor dem Großen (4. Jahrhundert) ein: „Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht“. Es ist der Sendung nur zu wünschen, nicht mehr nur wütend, aufgebracht oder entsetzt zu sein und dann nur müde mit einem Witz abzuwinken, sondern zornig, also aufklärerisch und vernünftig, zu handeln.
Sprache und Grenzen
Ehrengast der ab 19. Oktober stattfindenden Buchmesse Frankfurt sind die Niederlande und Flandern unter dem Titel „Dies ist, was wir teilen“. Damit ist also der Sprachraum des Flandrischen gemeint, der in den Niederlanden wie in Teilen Belgiens gesprochen wird. Es ist verdienstvoll, dass nicht eine Nation und die nationale Literatur präsentiert wird, sondern die seit Jahrhunderten andauernde, staatliche Grenzen missachtende Kultur, die sich über eine gemeinsame Sprache ausdrückt.Wer kann und will sollte sich die Zeit vom 19. bis 23. Oktober für die Buchmesse vormerken.


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Leserbrief zu »Kultursplitter«, UZ vom 9. September 2016





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