Tänzerin für den Frieden

Miriam Pandor ist gestorben
Von Hilmar Franz
|    Ausgabe vom 9. September 2016

Drei Monate vor ihrem 92. Geburtstag ist unsere Berliner Genossin Miriam Pandor gestorben. Am 17. September wird sie im Ruheforst Brodau bei Lübeck beigesetzt, der Stadt, in der sie zuletzt aus gesundheitlichen Gründen in der Nähe ihrer Tochter lebte.
Mit 14 Jahren selbst betroffen, erlebte Miriam am 9./10. November 1938 den barbarischen faschistischen Judenpogrom, auch spontan organisierte Solidarität im Kleinen. Auf der Flucht über London zur aufnehmenden Metropole New York begleiteten sie bohrende Fragen zu mehrheitlich duldenden „Mitläufern“. Dem jüdischen Vater, dem Schriftsteller und Theaterkritiker Oswald Pander, gelang die Emigration ab September 1939 nicht mehr. Er wurde deportiert und starb 1943 im KZ Theresienstadt.
Die Suche nach Antworten drängte Miriam immer noch weiter, als sie 16-jährig im „Daily Worker“ (KP der USA) auszugsweise über Georgi Dimitroffs Anklage gegen das Naziregime in Deutschland las: Ein wutschnaubender Göring in der überlegenen Vernehmung durch den später freigesprochenen Kommunisten beim Leipziger Reichstagsbrandprozess, 4. November 1933.
Das wache kritische Engagement der gebürtigen Hamburgerin haftet, ihre lebenslange Parteinahme für die kommunistische Bewegung, gegen jeden Rassismus. Auf der Bühne des künstlerischen Tanzes, ihrem Metier, verkörperte sie es während der Weltfestspiele 1949 in Budapest mit zuletzt symbolisch emporgereckter Faust, verstanden und bejubelt. McCarthys Hexenjagd den eigenen Entschluss entgegensetzend, war sie in der US-Delegation der Kommunisten angereist.
Zwangsläufig folgte das Ende ihrer Karriere in den weltberühmten Tanzkompagnien einer Martha Graham oder einer Doris Humphrey. Dennoch ging die aufgestiegene Modern-Dance-Solistin daran, die eigene Identikation mit den Kämpfen der arbeitenden Menschen und Minderheiten an Haltungen „ablesbar“ umzusetzen. In ihrem New-Yorker Studio vermittelte sie Realismus im Tanz. Als Pädagogin stärkte sie bald die Reihen der KP USA und wandte sich gemeinsam mit ihrem Partner, einem afroamerikanischen Schriftsteller, gegen den weißen Rassismus. 1968 wirkte Miriam für neun Monate bei jungen Tänzern im revolutionären Kuba. Auf einer anwachsenden Summe von Erfahrungen aufbauend, pflegte sie ihre New-Yorker Studenten an die Haltung eines großen klassischen Vorbilds heranzuführen, an Isadora Duncan. Diese Revolutionärin des klassischen Balletts tanzte in den zwanziger Jahren vor Leningrader Arbeitern die Internationale, weil sie fühlte, „dass darin der Atem der künftigen Menschheit ist“.
1976 siedelte Miriam mit ihrer Tochter Lisa in die DDR über. Hier arbeitete sie als Choreografin, unterrichtete Tanz und Englisch und fand Kontakt zu chilenischen Künstlern im Exil. In den 90er Jahren war sie auch als Autorin und als Schauspielerin tätig.
Ein „Ende der Geschichte“ akzeptierte sie nie. In den letzten Jahren sandte sie der UZ öfter konstruktive Anregungen, Fragen und Anmerkungen.


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Leserbrief zu »Tänzerin für den Frieden«, UZ vom 9. September 2016





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