Silber für eine Krankheit

Piotr Malachowski spendete seine Medaille
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 2. September 2016

Malachowski lässt seine Medaille nicht auf dem Kaminsims verstauben

Malachowski lässt seine Medaille nicht auf dem Kaminsims verstauben

( Flickr images/CC-BY-SA-2.0)

Ein Pole, der unlängst in Rio de Janeiro eine Silbermedaille gewonnen hatte, stiftete sie. Wie wichtig ist diese Nachricht? Eine Schlagzeile war sie nirgends wert. Ich zählte die Worte, die eine Nachrichtenagentur dafür geopfert hatte: Es waren 70. Sie lauteten: „Der Olympiazweite im Diskuswerfen, Piotr Malachowski, hat seine Silbermedaille aus Rio de Janeiro zugunsten eines krebskranken Dreijährigen versteigert. Das gab der polnische Rivale des deutschen Rio-Olympiasiegers Christoph Harting via Facebook bekannt, ohne den Erlös der Auktion zu nennen. Dem kleinen Olek werde nun eine Augenkrebsbehandlung in New York ermöglicht. ‚Ich habe in Rio um Gold gekämpft‘, hatte der 33-jährige Malachowski über die Auktion geschrieben: ‚Heute rufe ich euch alle dazu auf, für etwas zu kämpfen, was noch wertvoller ist‘.“
Ich habe über 17 Olympische Spiele berichtet und möglicherweise ist mir irgendwann eine solche Nachricht entgangen, aber dafür würde ich mich bei allen Lesern entschuldigen! Ich weiß, dass Malachowski schon Welt- und Europameister war und sicher einen Stapel Medaillen zu Hause liegen hat und trotzdem hielt ich diese Zeilen für schlagzeilenpflichtig.
Erinnern sie sich noch, was über die Olympischen Spiele in Rio des Janeiro alles geschrieben worden war? Ich habe die Worte nicht gezählt und würde sie auch nicht zählen können – es waren zu viele! Ich erinnere zum Beispiel daran: Auf der Segelregattastrecke trieben angeblich Berge von Plastiktüten, die die teuren Segelboote in Gefahr zu bringen drohten, Toiletten im Olympischen Dorf sollen verstopft gewesen sein, die ursprünglich zweigleisig geplante U-Bahnstrecke in die Stadien fuhr streckenweise nur eingleisig und die Olympiabesucher mussten also umsteigen, auf den Tribünen sollen Plätze leer geblieben sein. Mithin: Diese Olympischen Spiele sollen nicht gelungen gewesen sein! Behaupteten jedenfalls rund um die Welt die Medien, verkündeten die Fernsehkommentatoren. Und nun kam ein polnischer Diskuswerfer des Weges und versteigerte seine Silbermedaille, um die Augenoperation eines Kindes zu sichern. Der Ertrag ward nicht verkündet, was den Schluss zuließ, dass er die Unkosten deckte.
Das trieb mich zu der Frage, wie viel eine Olympische Silbermedaille wohl wert sein mag? Eine verbindliche Tabelle war verständlicherweise nirgends zu finden. In der Bundes­republik soll ein Goldmedaillengewinner 20 000 Euro ausgezahlt bekommen haben und zwar von einer verbindlichen – ich meine staatlichen – Kasse. Wir wissen nicht, was die Augenoperation gekostet hat, und selbst wenn wir es wüssten, ließe sich keine Tabelle daraus ableiten. Hinzu kämen die Sponsorengelder, die von denen gezahlt werden, die durch Malachowskis Silber ihre Werbung steigern konnten, und solche Summen sind erst recht unberechenbar.
Das Internationale Olympische Komitee verleiht sehr selten eine „Pierre-de-Coubertin-Medaille“. Wenn ich in diesem Komitee etwas zu sagen hätte, wäre ich auf die Idee gekommen, sie feierlich Malachowski zu überreichen. Nicht wegen seiner Silbermedaille, sondern wegen seiner Idee. Auf die der 22-fache Goldmedaillengewinner, der USA-Schwimmer Phelps, nicht gekommen war. Vielleicht hatte er auch gar keine Zeit, weil die Verhandlungen mit den Sponsoren zu viel Zeit kosteten.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Silber für eine Krankheit«, UZ vom 2. September 2016





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.