Milliardenspiele

Gewinner und Verlierer der sportlichen Großveranstaltungen
Von Siggi Emmerich
|    Ausgabe vom 2. September 2016
Im Februar 2015 demonstrieren brasilianische Umweltaktivisten gegen den IOC-Präsidenten Thomas Bach. (Foto: Flickr.com, CC BY 2.0)
Im Februar 2015 demonstrieren brasilianische Umweltaktivisten gegen den IOC-Präsidenten Thomas Bach. (Foto: Flickr.com, CC BY 2.0)

Wenige Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele in London erschien 2012 eine Studie der Universität Oxford, die sich mit den Kosten der Spiele seit 1960 (Rom) befasste. Von den 27 in diesem Zeitraum abgehaltenen Veranstaltungen standen den Autoren nur über 16 Zahlen zur Verfügung. Danach überschritten alle erfassten Veranstaltungen die zunächst veranschlagten Kosten um ein Vielfaches – im Schnitt um 252 Prozent bei den Sommerspielen und 135 Prozent bei den Winterspielen. „Rekordhalter“ sind Sarajewo 1984 mit 1 257 (!) Prozent und Montreal mit 1 266 (!) Prozent.
Die Spiele in Rio sollten ursprünglich 7,21 Mrd. Euro kosten. Nach Untersuchungen des brasilianischen Instituto Politicas Alternativas para o Cone Sul (PACS) war der Stand bei der letzten „Anpassung“ vor den Spielen 9,78 Mrd. Dollar. Bei diesen Zahlen ist zu berücksichtigen, dass die offiziellen Stellen ein Interesse haben, die Kosten möglichst niedrig darzustellen. Viele Ausgaben werden „versteckt“. Angeblich waren z. B. die Ausgaben für die brasilianische Fußballweltmeisterschaft niedriger als für die Spiele von Rio. US-amerikanische Wissenschaftler aus Worcester/Massachusetts haben für die Weltmeisterschaft allerdings Gesamtkosten von 13 Mrd. Dollar errechnet. Trotzdem kann es natürlich sein, dass die WM letztlich billiger war als die Olympiade. Fest steht, dass die WM die teuerste Fußballveranstaltung aller Zeiten war.
Der brasilianische Staatshaushalt umfasste 2015 Ausgaben von umgerechnet 641,2 Mrd. US-Dollar. Dem standen Einnahmen von umgerechnet 631 Mrd. US-Dollar gegenüber. Bei einem Defizit von etwas über 10 Mrd. Dollar schlagen die beiden sportlichen Großveranstaltungen von 2014 und 2016 nicht unerheblich zu Buche. Das wird auch deutlich, wenn als ein Grund für die momentane tiefgreifende brasilianische Wirtschaftskrise ein Mangel an Investitionen in die Infrastruktur genannt wird. Es ist eben ein Unterschied, ob Bildung, Gesundheit und Verkehrswesen gefördert werden oder ob Stadien gebaut werden, die nun weitgehend leer stehen (werden).
Auch in Brasilien wurde und wird behauptet, dass öffentliche und private Kosten sich die Waage hielten. Tatsächlich werden auch die privaten Kosten über Steuererleichterungen und Subventionen weitgehend vom brasilianischen Steuerzahler übernommen. Bei all dem haben wir noch nicht von den Umweltbelastungen oder den Zwangsumsiedlungen gesprochen, die vor allem die ärmsten Bevölkerungsschichten belasten.
Es gibt aber auch Profiteure. Der Weltfußballverband FIFA hat bei der Weltmeisterschaft in Deutschland etwa 2,35 Mrd. Dollar eingenommen; über 3,8 Mrd. in Südafrika 2010 stieg der Erlös auf etwa 5 Mrd. Dollar in Brasilien. Das meiste davon durch der Verkauf von TV-Rechten und lizenzierter Produkte. Neben diesen Einnahmen wird vermutet, dass es auch noch Sonderzuwendungen der Gastgeberländer wie Steuererleichterungen und weitere Vorteile gab.
Dem will das IOC nicht nachstehen. Es liegen zwar noch keine abschließenden Zahlen vor, aber am Beispiel der Fernsehrechte kann man erahnen, um welche Summen es geht. Allein der US-Sender NBC bezahlte für die Spiele von 2014 bis 2020 in Sotschi, Rio, Pyeongchang und Tokio 4,38 Mrd. Dollar; vor einem Jahr kauften die Amerikaner auch die Rechte bis 2032 – diesmal legten sich 7,65 Mrd. Dollar ins Körbchen des IOC. Trotzdem rechnet sich die Ausgabe. Dem Vernehmen nach hat der TV-Sender für die Spiele von Rio Werbung im Wert von 1,2 Mrd. Dollar verkauft.
Angesichts dieser Verhältnisse, die wir hier nur streifen können, kommt das erwähnte brasilianische Institut bezüglich der Fußballweltmeisterschaft zu folgendem Fazit: „Die Weltmeisterschaft dient der FIFA, ihren Geschäftspartnern, den brasilianischen Bauunternehmen, die niemals zuvor in der Geschichte diese Landes so viel verdient haben, und den weiteren Beteiligten an diesem Geschäftsbetrieb, bei dem die Gastgeberstädte der Weltmeisterschaft 2014 zur Ware wurden.“ Das gilt zweifelsohne auch für die gerade abgelaufenen olympischen Spiele.


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Leserbrief zu »Milliardenspiele«, UZ vom 2. September 2016





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