Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 2. September 2016

Vorschau I
Von den allermeisten Sprechtheatern der Republik liegen nun die Programme für die kommende Spielzeit Herbst 2016 – Frühjahr 2017 vor. Eine erste Durchsicht der angekündigten Premieren zeigt, dass sich die Verantwortlichen (Intendanten und Regisseure) auf gesichertem, viel erprobtem Bühnenboden bewegen wollen. Erfreulich häufig werden quer durchs Land Shakespeare und Brecht genannt, sicherlich auch wegen der diesjährigen runden Jahrestage der beiden. Dahinter kommen dann mehrfach Sartre und Camus, dahinter dann meist nur einmal genannt Fallada, Hauptmann, Zola, Heiner Müller und einige andere. Die großen griechischen Tragödien sind fast überhaupt nicht zu finden, auch unsere Weimarer Klassik kommt kaum vor. Die vor Jahren noch so beliebten Stücke der skandinavischen Autoren wie Ibsen und Strindberg scheinen out. Auffallend auch, dass Komödien oder elegante Salon-Stücke wie von Molière, Peter Hacks oder die gerne gespielten Stücke der Herren Peter Handke oder Botho Strauß aus den Spielplänen gestrichen sind.
Peinlich wirkt schon, wenn fast alle Theater „was über Flüchtlinge – am besten noch mit Flüchtlingen zusammen“ in ihre Programmhefte schreiben, die Wette gilt, dass es dann sehr menschelnd zugeht und am liebsten mit ganz viel Video-Projektionen und zum Schluss mit den Spiegeln, die dem Publikum entgegen gehalten werden, damit wir auch richtig betroffen sind.

Alle Jahre wieder
Wir bleiben in dieser seltsamen künstlichen Welt, die gleichzeitig ihre Rechtfertigungen aus den immer gleichen trüben Quellen schöpft. Die sogenannten „namhaften“ Theaterkritiker aus den auch so genannten „Qualitätsmedien“ wählen alljährlich das oder die Theater des Jahres.
Diesmal fiel die Wahl auf die „Berliner Volksbühne“ und das „Maxim Gorki Theater“, Berlin. Neugierig könnte man auf die Idee verfallen, doch eine angekündigte Premiere einer der beiden Häuser zu besuchen. Die „Volksbühne“ bietet im September ein Stück eines Lieblings der Theaterszene zur Uraufführung an, von Christoph Marthaler „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“. Die Ankündigung im Programmheft bietet Köstlichkeiten wie „für dieses Stück müssen die Grenzen strenger Wissenschaft jedoch als erreicht betrachtet werden. Es zählt allein der Glaube. Und der hängt – wie eigentlich immer – von der Verkettung glücklicher Umstände ab.“
Nicht viel besser liest sich der Programmtext der September-Premiere im Maxim Gorki Theater. Hier kommt ein Theaterstück einer israelischen Autorin – auch sie ein Hätschelkind der letzten Jahre – zur Aufführung, die Dame heißt Yael Ronan und das Stück „Denial“. Kostprobe gefällig: „Wir leben unser Leben in einer von uns erfundenen Realität, die auf Fragmenten basiert. Ist Verdrängung die stärkste psychologische Waffe der Menschheit, um zu überleben?“
Nun mag es ja zwischen einem solchen Sprachmüll und tatsächlichen Intentionen von Autor und Regisseur noch einen Unterschied geben, aber sie verantworten solche Texte. Auch mag es bei der Gesamtschau auf ein ganzes Theaterjahr und diesen Ankündigungen zweier Premieren ebenfalls genauere Beurteilungen geben, aber die Frage bleibt: Was mag in den Köpfen der Damen und Herren KritikerInnen los sein, wie viel Nebel ist da oder ist es Absicht?

Vorschau II
Der Platz für die Kultursplitter reicht nicht aus, um eine weitere, wunderschöne Perle bürgerlicher Beflissenheit zu beschreiben. Es wird „um Chancen und Grenzen revolutionärer Vorgänge und revolutionärer Musik“ gehen. Beim nächsten Mal also.


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