Wortklauberei

Populisten

Von B.R.
|    Ausgabe vom 26. August 2016

Wie man sich täuschen kann! Populisten, könnte man meinen, seien jene, die dem Volk nach dem Munde reden. Im Wort steckt schließlich das lateinische „Populus“, was nichts weiter als „das Volk“ bedeutet im Sinne des „gemeinen Volkes“, des einfachen Volkes, im Gegensatz zum römischen Adel, dem Senat. Im alten Rom war der Klassengegensatz anders als heute offensichtliche und akzeptierte Wahrheit. Die Formel „Senatus Populusque Romanus“ (Senat und Volk Roms), die heute noch als Abkürzung SPQR auf den Bussen und Kanaldeckeln Roms zu lesen ist, drückte damals die Gemeinsamkeit der Klassen Adel und Volk bei der Verteidigung des Vaterlandes bzw. der Herrschaft Roms über Italien und den Rest der bekannten Welt aus.
Ein Populist wäre also jener, der sagt, was das Volk denkt und der die Interessen des gemeinen Volkes vertritt oder zumindest dem Schein nach vertritt. Populisten wären also, könnte man meinen, Politiker wie Ludwig Erhard, der „Wohlstand für alle“ versprach. Aber niemand hat Erhard zum Populisten erklärt. Nicht etwa deshalb, weil der Begriff damals und anders als heute noch nicht in Mode war, und auch nicht weil Erhard als Liberaler und Konservativer zugleich nicht im Traum daran dachte, wirklich alle am erarbeiteten Reichtum teilhaben zu lassen. Soziale Demagogie kann nicht das Merkmal des Populisten sein. Sonst wären SPD („Partei der Gerechtigkeit, der kleinen Leute“) und FDP und CDU („Leistung muss sich wieder lohnen“ oder „Steuerliche Entlastung der Arbeitnehmer“) allesamt Populisten.
Das ist es offensichtlich nicht, was den Populisten auszeichnet. Man muss schon fragen, wer das Wort als Schimpfwort benutzt. Helmut Schmidt zum Beispiel hat Oskar Lafontaine einen Populisten genannt, was den nicht gestört hat. Dem Populisten wird vorgeworfen, dass er die Welt in unten und oben einteilt. Der Populist ist der Volkstribun der römischen Gesellschaft, es ist der Lafontaine der heutigen Gesellschaft, es ist jemand, der den Klassengegensatz erkennt, über ihn redet, sowie – das ist offensichtlich das Schlimmste an ihm – mit seiner Rhetorik Gehör findet. Wir brauchen mehr davon.
Schließlich – was ist der Rechtspopulist? Auch er oder sie redet von den wenigen, die die Macht haben und den vielen, mit denen umgesprungen wird. Aber er geißelt die Herrschaftsklasse wegen ihrer harmloseren Taten. Er schimpft auf den roten Gewerkschaftsbonzen, die korrupten Politiker und Frau Merkel wegen der Monate lang offenen Grenzen. Ansonsten vertritt er eine ähnliche Politik wie die etablierte Rechte. Die stört sich nicht an seiner Politik, sondern an seiner populistischen Attitude. Werden sie in Parlament, Regierung und Ämtern kooptiert, schwindet ihr Populismus und der Grund, sie Populisten zu schelten.
Was nicht heißt, dass beide getrennt oder gemeinsam nicht großen Schaden anrichten können.


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Leserbrief zu »Populisten«, UZ vom 26. August 2016





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