Tage der Hoffnungen

Olympia in Rio und das liebe Geld
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 26. August 2016

Längst stehen neue Höhepunkte im Weltsport vor der Tür, Olympia ist schon fast vergessen. Aber viele Fragen sind noch nicht vergessen. Zum Beispiel: Wie „echt“ waren diese Spiele, und natürlich: Können die Deutschen zufrieden sein? Die Medien in aller Welt haben sie kommentiert, haben arge Kritik geübt oder Beifall gespendet.
Man fand einen „Schnipsel“, der einigen Aufschluss gab, in der „Berliner Zeitung“ und las dort: „Am Mittwoch hat sich Hörmann im Deutschen Haus unter die Journalisten gemischt, undercover mit roter Team-Deutschland-Trainingsjacke, bei einer Presserunde mit den Medaillengewinnern des Vortags. ‚Noch Fragen?‘, wollte die Pressesprecherin des DOSB wissen. Da ergriff er die Gelegenheit. Wenn Funktionäre schon nicht weiterwissen, können vielleicht ja die Athleten Antworten geben. Also wollte er von den Sportlern hören: ‚Wo stehen wir heute?‘ Und: ‚Ist es schwieriger, 2016 zu gewinnen als 2012 oder 2008?‘ “
Kanute Brendel räusperte sich und sagte: „Die Gegner sind nach wie vor stark. Es ist so, dass mehr Nationen mehr investieren. Da muss man sehen, was man als DOSB machen kann, damit man den Anschluss nicht verpasst.“ Richtig. Darauf war Hörmann ja selbst schon gekommen. Mal hören, was Turner Hambüchen für Vorschläge hat: „Man muss sagen, dass wir als Deutschland stehen bleiben. (…) Im Turnen zum Beispiel ist der Nachwuchs ziemlich schwach.“ Bahnradfahrerin Miriam Wehe wiederum befand, „dass wir in Deutschland kein Sichtungssystem mehr haben“, die Handygeneration müsse merken, „dass sich Leistungssport auch wirklich lohnt“.
Wie viel Geld? Wofür? Und wohin? Das sind jetzt die Fragen vor der angekündigten Spitzensportreform. „Dass wir mehr Mittel brauchen, ist unbestritten“, hat Michael Vesper schon mal vermeldet. Er ist in Rio Chef de Mission und hat allen Athleten die Daumen gedrückt. Auch dem Schwimmer Marco Koch, der in Rio nicht nur mit Speck auf den Rippen und einer verpassten Weltklassezeit aufgefallen ist, sondern auch mit der Forderung, die Goldmedaillenprämie von 20 000 Euro auf eine Million zu erhöhen.
Diese Antwort auf alle Fragen haben der Bundesinnenminister und der DOSB-Präsident postwendend abgelehnt. „Dauerhafte Existenzsicherung ist viel wichtiger als eine Einmalprämie“, betonte Hörmann am Freitag im ZDF-Morgenmagazin. „Ob es mehr Geld geben kann und geben muss, ist abhängig von der Frage wie die Strukturen sind, die wir in Zukunft fördern wollen“, sagte de Maizière. (…) Ein ‚Weiter so‘ dürfe es nicht geben.“
Soviel zum Thema „deutscher Sport“. Wir hätten manchen Vorschlag beisteuern können, wollten es nicht. Die Linken hatten genügend Vorschläge unterbreitet.
Wenn man ein Urteil über Rio de Janeiro fällen will, muss man wenigsten ein paar Schritte in die Vergangenheit zurücklegen. Zum Beispiel daran erinnern, dass es die USA-Regierung war, die 1984 erklärt hatte, die an Los Angeles vergebenen Spiele nicht – wie alle zuvor – staatlicherseits finanzieren zu wollen. Damit entstand eine neue Situation: Die Marktwirtschaft – deutlicher: der Kapitalismus – übernahm Olympia. Erstes Beispiel: Die Fackelläufer, die das olympische Feuer quer durch die USA trugen, mussten dafür bezahlen, was dazu führte, dass auch renommierte Gangster unter den Fackelträgern waren und sich feiern ließen. Das Internationale Olympische Komitee dachte nicht daran, die Spiele an eine andere willige Stadt zu vergeben, sondern akzeptierte diesen Wandel. Das ist 32 Jahre her und die Spiele sind in dieser Zeit zu einem Milliardengeschäft geworden. Zwar wehten noch immer die fünf Ringe über den Stadien, aber wer mit ihnen für Olympia werben wollte, musste von nun an dafür bezahlen. Mithin: Die Spiele änderten ihren Charakter, doch war ihre Ausstrahlungskraft stark genug, um nicht auf dem Markt unterzugehen. Sie blieben ein Fest der Sportler, der Freundschaft, des Friedens.
Galt das auch für Rio de Janeiro? Die Antwort lautet: Ja! Zwar wurde Kritik an den verschmutzten Toiletten im Olympischen Dorf geübt und die Busfahrer wurden kritisiert, die angeblich von Stadion zu Stadion fuhren und oft zu spät kamen. Es sollen auch wenig Zuschauer auf den Tribünen gesessen haben, aber daran ging Olympia nicht unter. Olympia blieb eine Phase in einer Welt, die weltweit von Kriegen erschüttert wird, in denen Millionen Menschen hungern und dürsten. Die Spiele konnten diese Katastrophen nicht überwinden, bewahrten aber das Signal des Friedens. Im Olympischen Dorf lernten Wasserballer Radrennfahrer kennen und verstanden sich trotz fremder Sprachen miteinander. Reporter spürten durch die Armenviertel von Rio und beklagten deren Nöte, aber wer wüsste eine Stadt, die ohne Obdachlose auskommt?
Die Tage von Rio de Janeiro waren zwar von Medaillen, von Jubel und Enttäuschungen geprägt, aber sie waren eben auch Tage der Hoffnungen!


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Leserbrief zu »Tage der Hoffnungen«, UZ vom 26. August 2016





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