Zur Geschichte der Kulturvereinigung Leverkusen

Am 21. März 1931 fand die feierliche Einweihung der Versammlungsstätte der Arbeiterbewegung statt
Von Achim Lebrun
|    Ausgabe vom 26. August 2016

Für die Geschichte der Kulturvereinigung Leverkusen (KVL) ist der Hinweis wichtig, dass der Name der Stadt Leverkusen auf den Chemiker Carl Leverkus zurückzuführen ist. Seine Ultramarinfabrik (der Ursprung des Bayer-Werkes) ließ er 1860 in der rheinischen Gemeinde Wiesdorf errichten. Verwaltungstechnisch entwickelte sich Wiesdorf über eine Bürgermeisterei mit fast 27000 Einwohnern 1921 zu einer Stadt. Erst noch einmal neun Jahre später (am 1. April 1930) entstand die Stadt Leverkusen. Wiesdorf wurde zum Stadtteil. Hier konzentrierte sich eine große Schar von Arbeitern, die ständig ihre Lebensbedingungen zu verbessern trachteten. Streiks waren keine Seltenheit. Im Ergebnis dieser sozialen Bewegungen kam es nach der Novemberrevolution u. a. zur Arbeitszeitverkürzung auf acht Stunden täglich. Die dadurch erreichte Freizeit mündete zwar einerseits in eine massenhafte Kultur- und Sportbewegung, andererseits wollte man nicht bei den erkämpften Reformen stehenbleiben. Es bedurfte einer Kulturorganisation, die beides im Sinne der Arbeiterbewegung zusammenführte: Kultur und gewerkschaftlicher/politischer Kampf sollten sich verbinden und ergänzen. Das war der geistige Hintergrund des damaligen proletarischen „Arbeiter Kultur Kartells“.

Verein und Liegenschaft lassen sich auf zwei für das damalige Wiesdorf bedeutende Ereignisse der zwanziger Jahre zurückführen:
Zum Ersten stand im Zuge der Ergebnisse der Novemberrevolution der Bau eines eigenen Gewerkschaftshauses auf der Tagesordnung. So fand zur Behebung der mangelhaften Räumlichkeiten für die sich schnell entwickelnde Gewerkschaftsbewegung 1922 eine vom ADGB Opladen einberufene Versammlung statt, die eine „Genossenschaft Volkshaus eGmbH Wiesdorf“ gründete. Jedoch sank im darauf folgenden Inflationsjahr 1923 das Interesse an diesem Vorhaben, so dass nach Ende der Inflation vom Vermögen nur noch 4460 Mark und von der Mitgliedschaft nur noch 222 Personen übrig geblieben waren. Erst 1925 wurde die Genossenschaft wieder angekurbelt, die Zahl der Genossen verdreifachte sich fast auf 634 Personen, die Haftungssumme stieg auf 12680 Mark.

Die politische Breite der hiesigen Arbeiterbewegung drückte sich in der Zusammensetzung von Vorstand und Aufsichtsrat aus, die aus Mitgliedern der SPD, der USPD und der KPD bestanden. In deren Vorstand wurden interessanterweise der SPD-Mann Josef Fischer (seit 1929 aber für die KPD im Stadtrat) als Vorsitzender und der noch 1976 im Vorstand unserer Kulturvereinigung tätige Fritz Schulte aus der KPD gewählt. Fischers Jupp war auch nach dem Krieg für die selbe Sache tätig und Leiter des Folgevereins.
September 1927 wurde die Genossenschaft beim Amtsgericht Opladen als „Genossenschaft mit beschränkter Haftung“ eingetragen. Weit über 600 Mitglieder, Genossen, waren es in dieser bewegten Zeit. Ohne eigene Versammlungsstätte warb die Genossenschaft schon 1923 für einen Kunst- und Werbeabend, an dem sämtliche (!) Arbeiter-, Sport- und Bildungsvereine mitwirkten. Später zog sich die SPD leider zurück und gründete 1927 mit der AWO ein eigenes Jugendheim, das Elisabeth-Kirschmann-Haus. Es war die ideologische Zweiteilung der Arbeiterbewegung in eine revolutionäre und in eine reformistische Linie, die sich nun auch auf die Lebensweise der Arbeiter, vornehmlich der Kultur, auswirkte.

Zum Zweiten bildete sich darüber hinaus in der Mitte der 20er Jahre ein proletarisches Arbeitersport- und Kulturkartell heraus, das „Kulturkartell Wiesdorf eGmbH“ als Dachverband von schon bestehenden Arbeitervereinen, Sport- und Kulturorganisationen.
Für die örtliche Arbeitersport- und Kulturbewegung entwickelte es sich zum organisatorischen Rückgrat und wurde hauptsächlich von der KPD unterstützt. Dem Vorstand gehörten u. a. der Schlosser Johann Großbach (KPD), Albert Heinze, Anton Jurkscheidt, Karl Schording, Max Müller an. Ob diese Gründung der geplante zweite Schritt der „Volkshausgenossenschaft“ war oder unabhängig von ihr entstand, wurde bisher nicht näher untersucht. Nun stellte die Stadt Wiesdorf dem Kulturkartell – also nicht der Volkshausgenossenschaft – am Hemmelrather Weg ein Grundstück von ungefähr 6 000 Quadratmetern (ca. 42 Meter breit und ca. 138 Meter lang) in Aussicht. Das dazu benötigte Geld von 20 000 Reichsmark beantragte die Wiesdofer KPD-Fraktion in einer Stadtratssitzung am 7. Februar des Jahres 1929. Sie konnte sich ihres Begehrens ziemlich sicher sein, da sie mit 40 Prozent die weitaus stärkste Fraktion im Parlament war (SPD 9 Prozent).

Genauso sollte der sozialdemokratisch orientierten Arbeiterwohlfahrt (die ein ähnliches Projekt überlegte) ein Grundstück am Neuenhof von 4 500 Quadratmetern und 15 000 Reichsmark Unterstützung zugesprochen werden.
Nach der Genehmigung konnten beide Organisationen mit dem Bau ihrer Heime beginnen. Alle der KPD nahestehenden Arbeiterorganisationen beteiligten sich an den Arbeiten am Hemmelrather Weg (heute „Am Stadtpark“). Von Mai bis August 1930 wirkten rund 200 Erwerbslose und Arbeitersportler unentgeltlich an der Errichtung des Rohbaus mit, was 13 000 Mark der Gesamtbausumme von 73 000 Mark ersparte.

Am 21. März 1931, Leverkusen war gerade ein Jahr alt, fand die feierliche Einweihung statt. Vermutlich wurden die verschiedenen Sparten des PKK dargestellt. Eine Fotografie im Archiv der KVL zeigt einen im Freien stattfindenden Judo-Randori. Man bedenke, dass Judo erst zu Beginn des 20 Jahrhunderts in Deutschland eingeführt wurde. Zeitgleich mit dem Volkshaus wurde das „Elisabeth-Kirschmann-Haus“ der AWO errichtet.

Die oben genannten und zu unterschiedlichen Zeiten gegründeten zwei Organisationen, nämlich die „Genossenschaft Volkshaus eGmbH Wiesdorf“ und das „Kulturkartell Wiesdorf eGmbH“ gingen nun also einen gemeinsamen Weg: Letztere stellte ersterem das Terrain zur Verfügung, erstere dem Grundstückseigentümer das Haus. Seltsam, aber logisch! Das erhellt die Namensähnlichkeit (Wiesdorf – eGmbH). Es kann angenommen werden, dass es bei der „Genossenschaft Volkshaus eGmbH Wiesdorf“ von 1922 um die Schaffung einer finanziellen Grundlage für die Errichtung einer Versammlungsstätte ging. Als das erfolgreich abgeschlossen war, gingen Freunde dieses Vorhabens den zweiten Schritt: der Bereitstellung eines Grundstücks. Unverkennbar ist auch, dass es bei den Gründern beider Organisationen keine Namensüberschneidungen gibt. zwei Personengruppen, zwei Gründungsdaten, zwei Anliegen, aber ein gemeinsames Vorhaben.

Bearbeitung: UZ. Der vollständige Text einschließlich der Quellenangaben steht auf http://www.kulturvereinigung.de/ (unter „Geschichte“)


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Leserbrief zu »Zur Geschichte der Kulturvereinigung Leverkusen«, UZ vom 26. August 2016





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