Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 26. August 2016

Immer schön entlasten
Die Künstlersozialabgabe dient dazu, freiberuflich tätige Künstler und Publizisten aller Bereiche ähnlich wie normale Arbeitnehmer in das Netz der Sozialversicherung einzubinden. Der Bund, Verwerter wie Buch- und Zeitungsverlage, Rundfunkanstalten, Tourneeveranstalter und andere mehr sowie die Künstler und Publizisten selbst zahlen anteilig in die Künstlersozialkasse. Als tolle Nachricht verkaufte nun Ministerin Nahles, das der Beitragssatz für die Verwerter im kommenden Jahr von 5,2 auf 4,8 Prozent sinken wird. Soll heißen, die, die von den schöpferischen Leistungen als erste profitieren, also die Unternehmen, werden entlastet. Sollte die Kasse ihre Leistungen für die Künstler und Publizisten nicht mehr aufbringen können, muss entweder der Bund einiges drauflegen (da sei aber Schäuble vor) oder die Versicherten bekommen höhere Beiträge aufgebrummt oder die Leistungen werden reduziert. Der Deutsche Kulturrat, ein „Dachverband“ im Berliner Lobbyistensumpf, begrüßte die Neuregelung.

Sportjournalist müsste man sein
Da schicken die beiden Großanstalten ARD und ZDF ganze Kohorten ihrer Sportjournalisten nach Rio de Janeiro, um 16 Tage lang rund 20 Stunden täglich über alle Veranstaltungen zu berichten.Der Versuch, eine Sammlung von Stilblüten, schrägen Bildern und verunglückten Metaphern anzulegen, scheiterte schon nach wenigen Tagen. Wichtiger ist: Wer quasselt da eigentlich ständig? Haben die eine ordentliche journalistische Ausbildung oder liegt ihnen mehr an pathetischen, gefühligen Halbsätzen und abgelesenem Statistikmaterial? Soll uns Klatsch und Tratsch vollmüllen, um nicht über Sponsoren, Fernsehgelder und dirigistische Maßnahmen zu reden? Das nationalbornierte „Wir“, Einkleiden in Fahnen, Trikots und „lustige“ Hütchen lag den Damen und Herren sehr am Herzen, aber dies wird in vielen Ländern ähnlich praktiziert. Zur Illustration der ersten Frage: An fünf Hochschulen des Landes kann Sportjournalismus bis zum Bachelor studiert werden, dabei, aufgepasst!, an vieren davon nur in Verbindung mit Sportmanagement. Die Abbrecherquote scheint hoch, denn viele sind wohl Sport­enthusiasten und wenden sich mit Grausen von dem, was ihnen vermittelt wird.

Amok und Attentat
Einer der Gurus unter den deutschen Kulturtheoretikern ist Klaus Theweleit. 1977/1978 erschien sein bemerkenswertes Buch „Männerphantasien“ über eine psychoanalytische Annäherung an den faschistoiden Männertyp. Nun gab er dem Salonblatt der Betroffenen und Bedrückten, der „taz“ also, ein ausführliches Interview zu aktuellen Ereignissen in Deutschland, Frankreich und anderswo. Er macht darin keinen großen Unterschied zwischen den Amokläufern in Würzburg und München und Selbstmordattentätern im Namen des IS. Für Theweleit liegt in allen Fällen eine „Grundstörung“ vor, ein Begriff aus der Psychoanalyse kindlicher Störungen, hervorgerufen durch fehlende Nähe, das Erleben körperlicher und seelischer Demütigungen und Verletzungen, von mangelnder Ausbildung eines Ich-Bewusstseins.
Die Berufung auf eine religiöse Begründung oder eine politische Haltung sei nur vorgeschoben, die desolaten „Körperzustände“ führten zu Phantasien über eine „Körperlust“, die sich dann eruptiv entlade. So weit, so schräg. Die soziale und politische Lebenswirklichkeit, die von Krieg, Verfolgung, Hunger und Tod gezeichnet ist, ein Aufwachsen unter Bedingungen, die Eltern ihren Kindern nicht zumuten wollen, lässt Theweleit völlig außen vor. Wer so argumentiert wie dieser Salonlöwe, ist in der „taz“ gut aufgehoben, aber hilft nicht beim Kampf gegen die Ursachen solch schrecklicher Amokläufe. Der Unterschied zwischen blinden Selbstmordattentaten und gezielten Anschlägen auf Diktatoren oder Repräsentanten solcher Systeme kommt Klaus Theweleit nicht in den Sinn, er bleibt schön im Gegründel wohlfeiler Meinungen.


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