Bedrohungen aufgedeckt

Ein tiefer Blick in das Manipulationsgefüge im real existierenden Kapitalismus
Von Uli Brockmeyer
|    Ausgabe vom 26. August 2016

Markus Kompa
Das Netzwerk
Westend Verlag
244 S., 14,99 Euro

Die Chefin eines Geheimdienstes verstößt gegen Grundregeln ihres Amtes. Ein Feldwebel einer deutschen Spezialtruppe erhält einen Mordauftrag. Hacker im Internet beschäftigen die Geheimdienste und sich selbst. Konservative Katholiken basteln sich eine Partei … Es sind Manipulationen gigantischen Ausmaßes, die Markus Kompa in seinem jüngst erschienenen Polit-Thriller „Das Netzwerk“ beschreibt.
Schon nach wenigen Seiten könnte man den Vorwurf erheben, dass der Autor hier eine ganze Serie von Verschwörungstheorien abrollen lässt. Offenbar hat auch der „Frankfurter Westend Verlag“ eine solche Schlussfolgerung bei nicht wenigen Lesern kommen sehen und hat daher den Autor zu einem erklärenden Nachwort veranlasst. Misstrauische Leser sollten also vielleicht zuerst das Nachwort als Vorwort lesen, um zu verstehen, wie realistisch die Netzwerke sind, mit denen sich Markus Kompa auseinandersetzt.
Dieser Krimi hat eine Menge durchaus reale Grundlagen. Die beschriebenen Geheimdienste – Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), Bundesnachrichtendienst (BND) und Militärischer Abschirmdienst (MAD) – existieren wirklich, ebenso wahr ist die im Buch dargestellte Geschichte der „Dienste“ samt der Aufzählung illustrer Namen früherer Chefs, von denen die ersten eine nachgewiesene Karriere in der Zeit des Hitler-Faschismus hinter sich hatten, bevor sie sich in den Dienst der Adenauer-Republik stellten. Nachgewiesen sind auch diverse Verstrickungen der „Dienste“ in politische Manipulationen – angefangen bei der Vertuschung von Nazi-Verbrechen und der Reinwaschung von Kriegsverbrechern, über die Manipulation von Wahlen, u. a. durch aktive Sabotage von Wahlkämpfen der deutschen Kommunisten, die bisher nicht aufgeklärte Rolle aller Geheimdienste beim sogenannten linken Terrorismus und die aktive Mitwirkung bei der Entstehung von rechtsgerichteten Organisationen, wie der aktuell laufende NSU-Prozess immer wieder zeigt.
Mitten in all diese Tatsachen hinein hat Markus Kompa die Figur der Dr. Ellen Strachwitz erfunden, die seit zwei Jahren Präsidentin des Verfassungsschutzes ist und immer wieder mit den Möglichkeiten und den Grenzen ihres Amtes in Konflikt gerät. Im Sommer 2013, wenige Wochen vor den Wahlen zum Bundestag, wird sie auf Aktivitäten der Hackergruppe DEANON („anonymus“) aufmerksam gemacht, die eine große Menge Daten aus dem deutschen Bundestag gekapert hat und nun darüber diskutiert, wie man in der Öffentlichkeit davon Gebrauch machen könnte. Die „Dienste“ sind alarmiert, denn kurz zuvor war der „Verrat“ des NSA-Mannes Edward Snowden bekannt geworden, außerdem sind die Schlapphüte damit beschäftigt, ihre Zusammenarbeit mit CIA und NSA so weit wie möglich zu verschleiern. Dabei geht es nicht nur darum, dass den Kollegen in Übersee faktisch die gesamten Daten aus deutschen Internetzen zur Verfügung gestellt werden, sondern auch um die Nutzung von NSA-Software, mit denen deutsche Schnüffler aus riesigen Datenmengen in wenigen Minuten ganze Persönlichkeitsprofile herausfiltern können, und das alles unter permanenter Verletzung des Grundgesetzes, das sie angeblich schützen sollen.
Beim ebenfalls rechtswidrigen Lauschangriff auf einen investigativen Journalisten erfahren die Geheimdienstler, dass ein Angehöriger der deutschen Elite-Kriegstruppe KSK dem Reporter von einem mysteriösen Mordauftrag berichten wollte. Der Afghanistan-erfahrene Feldwebel Jörg war von einem Unbekannten angesprochen worden, der ihn mit der Begründung, dem Vaterland einen wichtigen Dienst zu erweisen, mit Geld, Papieren, Waffen und Ausrüstung ausstattet, um in Prag eine Hackerin zu ermorden. Der junge Mann erkennt im letzten Moment, dass an dem Auftrag irgendetwas faul sein muss. Nun wird er sowohl von den Geheimdiensten als auch von seinem Auftraggeber gesucht und gejagt.
Gleichzeitig sind Leute mit viel Geld und erzkonservativer Überzeugung dabei, die gerade im Entstehen begriffene rechtslastige Partei AEP zu fördern und zu lenken, mit dem Ziel, die Partei in den neu zu wählenden Bundestag zu bugsieren und als Koalitionspartner für die CDU/CSU aufzubauen, um eine neue „große Koalition“ mit der SPD zu verhindern. Auch dabei sind die „Dienste“ involviert. Richtig ernst wird es, als die Schattenmänner im Umfeld der AEP einen Terroranschlag planen, den sie Islamisten in die Schuhe schieben wollen, um damit die Wählerstimmung zugunsten der AEP zu beeinflussen.
Der Autor hat eine Fülle von Vorgängen beschrieben und zu einer veritablen Kriminalgeschichte verwoben, die vor allem deshalb außerordentlich lesenswert ist, weil sie in real existierende Vorgänge eingebettet wurde. Aufgrund seiner weitreichenden und tiefgehenden Sachkenntnis über die deutschen Geheimdienste und über die modernsten Möglichkeiten des Internet hat Markus Kompa eine verzweigte und verzwickte Geschichte gesponnen, die bei näherer Betrachtung gar nicht so weit hergeholt ist. Wer wissen will, wie Geheimdienste heutzutage arbeiten, wie durchlässig das Internet ist und wie Wahlen manipuliert werden können, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen.

Markus Kompa
Das Netzwerk
Westend Verlag
244 S., 14,99 Euro


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Leserbrief zu »Bedrohungen aufgedeckt«, UZ vom 26. August 2016





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