Michael Phelps – zum Beispiel

Vom Wesen der Ausnahmetalente
Von Siggi Emmerich
|    Ausgabe vom 19. August 2016

Das Foto von Michael Phelps nahm der bekannte Sportfotograf Walter Iooss 2010 auf. Er schreibt, dass für die Aufnahme das Wasser aus dem Schwimmbecken gelassen werden musste. Gesprungen ist Phelps hoffentlich nicht.

Das Foto von Michael Phelps nahm der bekannte Sportfotograf Walter Iooss 2010 auf. Er schreibt, dass für die Aufnahme das Wasser aus dem Schwimmbecken gelassen werden musste. Gesprungen ist Phelps hoffentlich nicht.

( Walter Iooss, flickr.com)

Seit 1920 gewannen Sportler des Olympia-Gastgebers Brasilien 24 Goldmedaillen (Stand 16. August 2016). Das ist gerade mal eine mehr als der US-amerikanische Schwimmer Michael Phelps, der mit dem Sammeln von Medaillen im Jahre 2004 in Athen begann. Der erfolgreichste Olympia-Teilnehmer aller Zeiten lässt Länder wie Österreich und Argentinien sogar hinter sich.

Erfolgreichster Athlet der Neuzeit war Phelps schon nach den letzten Spielen in London 2012. Er hatte 18 Olympia-Siege auf dem Buckel. Danach geriet er in „eine schwere Lebenskrise“, wie die Gazetten weltweit schrieben und die Kommentatoren am Beckenrand von Rio raunten. Die Lebenskrise bestand im wesentlichen darin, dass Phelps Shit rauchte und einmal zu oft betrunken am Steuer erwischt wurde. Nach einer Verurteilung zu einem Jahr auf Bewährung und einer halbjährigen Sperre durch den US-Schwimmverband gab Phelps sich geläutert. Seine Rehabilitation dürfte den Offiziellen auch deswegen leicht gefallen sein, da die Erfolge des US-Teams bei internationalen Wettkämpfen sich ohne seinen Star bedeutend bescheidener ausnahmen als mit ihm.

Der wollte nach einer Suchttherapie mit dem Schwimmen weitermachen. Schon dem 11-Jährigen war der Sport als Mittel gegen sein ADHS-Syndrom empfohlen worden. Wer konnte das mörderische Training besser bewältigen als ein Junge, der nie müde wurde. Die Erfolge blieben nicht aus; Mitglied des US-Schwimm-Teams, jüngster Weltrekordler, Siege bei internationalen Events und schließlich acht Olympia-Siege in sieben Tagen bei den Spielen 2008 Peking. Zweifelsohne konnte man hier ein Ausnahmetalent bei der Arbeit sehen.

Schon damals schrieben die Zeitungen, Phelps sei des Siegens müde geworden. Ab und an hörte man von „Eskapaden“, Partys mit reichlich Alkohol, betrunkenen Autofahrten, nachlassendem Trainingseifer und Bong rauchen mit Kumpels. Allesamt Vergnügungen, denen Millionen Twens in aller Welt nachgehen, ohne dass es irgendjemanden stört. Wie tief die Krise war, konnte man 2012 bei den Olympischen Spielen in London beobachten. Er sei nicht in Form gewesen, habe keinen Spaß beim Training gehabt. Das „Wrack“ gewann vier Goldmedaillen und zwei Silbermedaillen.

Die weiter überragenden Erfolge des in London formschwachen und in Rio „alten“ (31!) Schwimmers haben ihn ins Gerede gebracht. Auch wenn Schwimmbundestrainer Henning Lambertz sich vehement weigert, „zu denken, dass diese Legende irgendwas mit Doping zu tun hat“. Diese Weigerung wurde in Rio von sämtlichen deutschen Fernsehkommentatoren – einschließlich van Almsick und Otto – mitgetragen, die ansonsten nichts dabei fanden, sich am Kesseltreiben gegen die russische Schwimmerin Julia Jefimowa zu beteiligen. Doping ist eben auch und nicht zuletzt Instrument (sport-)politischer Ranküne. Vor allem ist der angebliche Kampf gegen das Doping die Geschichte einer globalen Heuchelei, die zu Lasten der AthletInnen geht.

Gerade die größten Talente sind bei aller wissenschaftlichen Unterstützung und größtem Trainingsfleiß mit der Tatsache konfrontiert, dass im Zweifel irgendwo jemand auch talentiert und trainingsfleißig ist, aber zusätzlich dopt. John Leonhard, Präsident der Internationalen Vereinigung der Schwimmtrainer, sagt: „Die Schwimmer sind unter enormem Druck, weil sie wissen, dass ihre Konkurrenten dopen. Sie wissen, dass mit Mikrodosierungen gearbeitet wird, dass nachts gedopt wird, wenn kein Kontrolleur kommt, dass am nächsten Tag nichts mehr nachweisbar ist.“

In dieser Situation ist die flächendeckende weltweite Dopingkontrolle bestenfalls eine Illusion. Auch der Vorschlag, Doping kontrolliert freizugeben, greift zu kurz. Das Problem liegt eben nicht auf der Ebene des Sports, sondern natürlich im politischen Bereich. Imperialismus, Neokolonialismus, durchdeklinierte Profitlogik legen ihre Blaupause über alle Bereiche des Lebens und alle Individuen, einschließlich des Ausnahmetalents Michael Phelps. Die Folgen sind auch – und nicht zuletzt – in Rio de Janeiro zu besichtigen.


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Leserbrief zu »Michael Phelps – zum Beispiel«, UZ vom 19. August 2016





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