Marktwirtschaft triumphiert über Olympia

IOC-Funktionäre wälzen das Problem Doping auf die Sportler ab
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 19. August 2016
Protest bei Olympia gegen den konservativen Interimspräsidenten Michel Temer in Rio de Janeiro (Foto: Adriano Choque/Mídia Ninja)
Protest bei Olympia gegen den konservativen Interimspräsidenten Michel Temer in Rio de Janeiro (Foto: Adriano Choque/Mídia Ninja)

Die Goldmedaillengewinnerin weigerte sich, der, die Silber gewonnen hatte, zu gratulieren. Derlei ist bei Olympia selten. Es gehört schlicht zu den nirgends vorgeschriebenen Regeln, aber zu den seit mehr als hundert Jahren einfach üblichen Gewohnheiten, dem Sieger oder dem Unterlegenen mindesten die Hand zu schütteln. In Rio de Janeiro ist das aus der Mode gekommen. Als die Damen des 100-m-Brustschwimmens zur Siegerehrung aufgerufen worden waren, weigerte sich die Siegerin, die US-Amerikanerin Lilly King der Zweitplatzierten, der Russin Jefimowa auch nur die Hand zu schütteln.

Was war geschehen? Hatte die eine der anderen in der Kabine einen Fußtritt versetzt? Nichts davon. Die Yankee-Dame schien es für ihre politische Pflicht zu halten, derart zu reagieren. Und erhielt noch Medien-Beifall für diese Geste!

Die „Berliner Zeitung“ hatte den Sachverhalt etwa so beschrieben: Es gehöre „zum guten Ton, sich die Hände zu schütteln. Am Rand des olympischen Schwimmbassins von Rio de Janeiro hat sich diese Möglichkeit in der späten Montagnacht dramatisch ins Gegenteil verkehrt. Kein Verständnis, kein Frieden. Stattdessen Tränen und giftige Worte. IOC-Präsident Thomas Bach und seiner heuchlerischen Funktionärsriege flog die Kernidee von Olympia um die Ohren. So verweigerte die amerikanische Brustschwimmerin Lilly King nach ihrem Sieg der zweitplatzierten Russin Julia Jefimowa die Gratulation. Jefimowa, 2013 positiv auf Steroid getestet und dafür gesperrt, fiel Anfang des Jahres als Konsumentin des nun verbotenen Herzmittels Meldonium auf. Sie musste ihren Start vor Beginn der Spiele einklagen. ‚Athleten, die als Doperin erwischt worden sind, sollten nicht im Team sein. Es ist bedauernswert, dass wir das hier sehen müssen.‘“ hatte die Dame aus den USA gefordert.

Und dieser Streit war nicht nur eine kleine Rempelei, sondern eben für eine angesehene Zeitung ein Leitartikel-Thema: „Sie ist erst 19, aber offenbar hat sie mehr Courage als Bach oder Cornel Marculescu, der Exekutivdirektor des Weltschwimmverbandes (Fina), der vor einem Jahr das Zitat in die Welt setzte, man könne die Stars der Szene doch nicht für kleinere Dopingvergehen verurteilen. Schließlich sprach sich Lilly King auch noch gegen den Start ihrer dopingbelasteten Landsleute Justin Gatlin und Tyson Gay in der Leichtathletik aus. Misstrauen ist groß. Die Schwimmer rebellieren. So ätzte der Franzose Camillle Lacourt über Chinas Olympiasieger Sun Yang: ‚Der pinkelt lila. Wenn ich das 200-Meter-Freistil-Podium sehe, will ich mich übergeben.‘ Der Australier Mick Horton nannte Sun ‚den Typen, der positiv getestet wurde.‘ Während der Chinese kein Verständnis für diese Art von Kritik aufbrachte, brach Jefimowa in Tränen aus. ‚Versuchen Sie, mich zu verstehen und sich in meine Rolle hineinzuversetzen‘ appellierte sie. Diejenige, die sich lautstark über den Start früherer Doper beschweren, behaupten, sie seien saubere Athleten. Und die Erfahrung der Vergangenheit lehrt, dass man auch denjenigen, die sich laut gegen Doping engagieren, nicht immer trauen kann. Das Thema belastet den Schwimmsport nicht zum ersten Mal. Bob Boxe, der Trainer von Michael Phelps, hatte gesagt: ‚Es ist besorgniserregend, dass unsere Funktionäre dieses Thema auf uns abgewälzt haben. Das System ist zusammengebrochen.‘ Irreparabel.“

Ich hätte noch viele andere Zeitungen zitieren können, denn viele Sportjournalisten schienen sich in Verdächtigungen und Beschimpfungen übertreffen zu wollen. Man muss nicht betonen, dass erwischte Doper bestraft werden sollten und seitdem das üblich ist, pflegen die vor Gericht zu ziehen. Das wiederum ist ihr gutes Recht, aber aufgekommen sind solche Methoden, weil niemand in den Ruf geraten will, ein Betrüger zu sein.

Früher gab es keine Gerichte, aber eindeutige Regeln: Jeder Athlet musste damit rechnen sich am Ziel einer Dopingkontrolle zu unterziehen. Wer den positiven Befund anzweifelte, hatte das Recht eine zweite Kontrolle zu fordern. Ergab auch die das Ergebnis „positiv“ wurde er in der Regel zwei Jahre gesperrt. Ein simples Verfahren. Es waren die Sponsoren, die den Wandel durchsetzten, weil sie auf ihre aufwändigen Stars keine zwei Jahre verzichten wollten. Also: Auch in diesem Fall hatte die Marktwirtschaft über Olympia triumphiert!


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Leserbrief zu »Marktwirtschaft triumphiert über Olympia«, UZ vom 19. August 2016





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