Kultursplitter

|    Ausgabe vom 19. August 2016

Nach dem Studium ist vor dem Prekariat
Klaus Wagener schrieb in der UZ der vorletzten Woche über den Bologna-Prozess, der nun seit Jahren die Hochschulen treibt und beutelt und über die Erkenntnisse und Einsichten bei einigen politisch Verantwortlichen wie Kultusminister Brodkorb (MV), ohne dass sich groß was tun wird. Ein schönes Beispiel für das Elend der Hochschulen: Sage und schreibe 85 Studiengänge „Kulturwissenschaften“ werden in der BRD angeboten, alle für den Bachelor, einige auch bis hin zum Master, deutlich weniger als die 214 Studiengänge Theologie oder sogar 489 für BWL. So viel zur Wertschätzung, aber nach dem Studium landet der akademische Nachwuchs im Eventmanagement, beim Fund-Raising-Marketing, als Aufsicht im Museum oder natürlich gerne in unbezahlten Praktika oder selbstständig von einem Mini-Auftrag zum nächsten.

Wettbewerb und Doping
Wer von Sportlerinnen und Sportlern verlangt, sie mögen ihren Sport doch bitte schön sauber und fair ausüben, der legt eine moralische Kategorie an eine Praxis, bei der der Wettbewerb oder auch die Konkurrenz im Vordergrund stehen. Wettkampf kommt von der „Wette“ her, etwas, was wir in heutigen Zeiten alltäglich an den sogenannten Finanzmärkten erleben und die Forderung nahelegt, seine Leistungen zu steigern, um vorne sein zu können. Schüler, Studenten, aber auch Arbeitnehmer jeglicher Couleur dopen sich, um die ihnen vorgeschriebene Wette, den Abschluss zu schaffen oder ihren Job nicht zu verlieren, einzuhalten und dabei andere hinter sich zu lassen. Doping ist Leistungssteigerung durch Betrug, also die Medaille mit zwei Seiten, die uns in die Kamera gehalten wird. Wer hier Fairness und Sauberkeit verlangt, verkennt den Charakter von Wettbewerb unter Bedingungen, die auf Betrug, auf Ausbeutung von Leistungen, auf Unterdrückung basieren.

David schluckt Goliath
Die Familie Herder, Haupteigentümer des gleichnamigen Verlages für Christliches und Erbauliches, macht sich auf, die Thalia-Buchhandelskette mehrheitlich zu übernehmen. Der Verlag macht rund 30 Mio. Umsatz mit seinen Titeln, darunter auch die gut verkauften Werke eines gewissen Joseph A. Ratzinger, heute als „papa emeritus“ in den Vatikanischen Gärten seinen Lebensabend genießend.

Der Buchhandelsriese mit über 380 Filialen kommt auf rund 960 Mio. Umsatz im Jahr, aber die Erträge ließen zu wünschen übrig, so zumindest für den Investor „Advent International“, nebenbei ein sprechender Name in diesem Zusammenhang. Herder will natürlich die Verwertungskette vom Autor über den Verlag, über die Herstellung, den Vertrieb bis zum Endkunden via Buchhandlung in einer Hand steuern, dabei spielt das Online- und Digitalgeschäft von Thalia eine neue und anscheinend zukunftsfähige Rolle bei diesem Deal. Ratzinger und anderen sei also Dank, dass nach dem Scheitern von „Weltbild“ (in den Händen der katholischen Bistümer) der Einfluss der konservativen Hüter eines verqueren Weltbildes gewahrt bleibt.

Skurriles
Zur obigen Meldung passt, das es gerade mal 50 Jahre her ist mit der Nachricht aus dem Vatikan, den bis dahin über Hunderte von Jahren gültigen „Index der verbotenen Bücher“ nicht weiter zu propagieren. Dieses Vehikel der Indoktrination bis hin zur Inquisition diente dazu, katholische Gläubige davon abzuhalten, bestimmte Bücher zu lesen, schlimmstenfalls drohte die Exkommunikation. Dieser Index führte eine erlesene Autorenriege auf, unter anderem – in nicht wertender Reihenfolge – Balzac, Zola, Dumas, Heinrich Mann, Kafka, Joyce, Flaubert, de Beauvoir und natürlich Rousseau und Kant. Diese vermeintliche Liberalisierung der Kurie war und ist den Zeitläuften geschuldet, schließlich will man Geld verdienen (siehe oben), aber die Fuchtel des Verbots der Druckgenehmigung für kritische Theologen wird weiter ausgiebig genutzt.


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