Alle mit Eltern

Wortkünstlerin Kate Tempests Prosadebüt „Worauf du dich verlassen kannst“
Von Ken Merten
|    Ausgabe vom 19. August 2016

Kate Tempest
Worauf du dich verlassen kannst
(aus dem Englischen von Karl und Stelle Umlaut)
Rowohlt, Reinbek 2016
400 Seiten, 14,99 Euro

Es gibt viele Möglichkeiten, legal und illegal einem Menschen das Leben zu verwehren. Nicht nur Brecht wusste das, auch Kate Tempest stößt im South East London ihres Romanerstlings auf so einige. „Die Leute sehen nicht ein, dass sie zum alten Optiker auf der High Street gehen sollen, der nie und nimmer mit den erfolgreichen Ladenketten mithalten kann, die Geld für Werbung, Designermarken und den letzten Schrei haben. Dafür steigt die Miete unaufhaltsam, was sicher für irgendwen gut ist, aber nicht für uns, oder, David?“, lässt Tempest einen ihrer vielen ProtagonistInnen in „Worauf du dich verlassen kannst“ sagen.

London wird immer unwohnlicher. Auch wenn die Turbulenzen nach der Brexit-Abstimmung einen Abwärtstrend für die Mietpreise in der Hauptstadt zumindest zwischenzeitlich genauso zur Folge hatten wie ein Stocken im privaten Neubau von Wohnraum, wie „Independent“ am 13. Juli berichtete – wer dort leben will bzw. muss, sollte besser besserverdienend sein. Schließlich haben Gentrifizierung und Konkurrenzchaos dort nicht erst seit gestern gewütet, und das Wohnen auch in den Arbeitervierteln nicht besser, dafür lackierter und teurer gemacht.

Kein Wunder, dass sich die drei Hauptfiguren des Romans, so sie denn regelmäßig arbeiten, genauso krisensichere wie sozial inakzeptable und den (gern weiblichen) Subalternen überlassene Berufe suchen: Sie arbeiten als Drogendealerinnen und Vollkörper-Masseusen mit Happy-End-Option, vorrangig für die Business-Klasse: „Ist ja Wirtschaftskrise, oder? Aber ich hab noch nie soviel Stoff vertickt! (…) Ich bin nicht bedrohlich, bin pünktlich. Weiblich halt. Deswegen. Keine Gefahr.“

Geldsorgen, Geschäftsscharmützel, Familienzwiste und Liebestohuwabohu – alles um das Liebesdreieck Becky-Harry-Pete arrangiert – zwingen letztlich zur Flucht nach Nah und Ferner. Allerdings ohne Umdenken. Schließlich ist Tempests London ein Hort der IdealistInnen: Utopische Politikwissenschaftler (der Verführung Minderjähriger für schuldig gesprochen) wollen mit wenig mehr als ihrer eigenen Arbeitskraft und Feste-die-eigenen-Daumen-Drücken die Welt verändern, das erarbeitete Koksgeld soll für eine soziale Begegnungsstätte herhalten und manch eine träumt in den fortgeschrittenen Zwanzigern von ihrem lang versagten Durchbruch als Tänzerin.

Kate Tempest, bürgerlich: Kate Esther Calvert, gibt allen ihren LondonerInnen Namen, Wünsche, vor allem aber Eltern. Die 30-jährige Lyrikerin (gerade in deutscher Übersetzung erschienen: „Hold Your Own“, Suhrkamp), Spoken-Word-Künstlerin, Stückeschreiberin (u. a. „Wasted“) und Rapperin („Everybody Down“, Big Data) bringt das, was sie auch gern in ihren Songs auf clubaffine Beats legt: Massig Text. Hier aber ohne Stimmaufwand, die gewissenhaft zugetagte Backsteinmauer, die keine Luft, anscheinend nur Akzent braucht.

Auf 400 Seiten arbeitet sich ihr Debütroman durch einen simplen Plot, der oft an nachgeholte Jugendliteratur erinnert. Kein Problem, wäre die Handlung nicht aufgebläht durch die Werdensgeschichte jeder halbwegs signifikanten Figur. Auch nicht weiter schlimm, aber einfallsloserweise immer auf das Leben (resp. Ableben) der beiden Elternteile einzugehen macht das Werk zu einer Schule schockierend symmetrischer Gummistammbäumchen. Darauf angesprochen, antwortete sie gegenüber der „Welt“ am 8. Juni fast im Stil einer ihrer buntbebrillten Romankreaturen: „Meine Vorstellung war, dass mein Roman eine Übung in radikaler Empathie sein sollte. Jede Person hat ihre eigene Geschichte, und jede dieser Geschichten ist genauso wichtig wie alle anderen. Ich wollte zeigen, dass in der Gegenwart Myriaden vergangener Dinge stecken.“

Das Interesse an einem Roman, der das zeitgenössische Leben halb im Dreck und halb im Blinklicht der Nachtclubs wiedergeben will, ist so leider schnell erloschen. Dazu trägt wohl auch die Übersetzung ihren Teil bei. Denn eigentlich sollte es überflüssig sein, darauf hinzuweisen, dass es keine Option sein sollte, den Südostlondoner Slang in einen Laborunfall mit Ansätzen zu Berliner Schnauze plus X zu übertragen. Glücklich nur, dass die Stellen rar sind. Leider auch die Momente, in denen Kate Tempest als Lyrikerin mit ihren Worten catcht. Sätze wie der allererste, „Es kriecht dir in die Knochen“, gehen in viel Oftgehörtem und naturalistischer Dialoglangeweile unter. Solche Perlen wie „Glenda frisst mit gierigen Bissen ihren eigenen Körper, kotzt sich auf den Boden zu Marshalls Füßen und guckt ihm von dort aus unters Kinn“ oder „Ron dreht sich zu ihr hin, legt eine Hand an ihren Arm, oberhalb des Ellbogens, und starrt sie mit Augen wie Schmutzwasser an. Trüb und ölig. Voller toter Dinge“ sind spätestens im letzten Drittel zu mau, während Ungereimtheiten und Konstruktionen zunehmen, wenn dann noch ein Zufall dem vorangegangenen Zeichen des Schicksals in die Hacken tritt und beide über das Wiedersehen aus heiterem Himmel aus dem vorangegangenen Kapitel stürzen.

Trotzdem stecken in „Worauf du dich verlassen kannst“, das im Original „The Bricks That Build The Houses“ heißt, viele kleine, schöne Storys, die nicht mit dem gesamten Buch, erst recht nicht mit dem aus Migration und Nachtleben und sozialen Kämpfen gebauten London, verdrängt werden sollten.

Kate Tempest
Worauf du dich verlassen kannst
(aus dem Englischen von Karl und Stelle Umlaut)
Rowohlt, Reinbek 2016
400 Seiten, 14,99 Euro


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Leserbrief zu »Alle mit Eltern«, UZ vom 19. August 2016





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