Ein Könner

Am 14. August starb Hermann Kant
Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 19. August 2016

„Ich bin absolut verquickt mit dem, was man begreift als DDR.“

„Ich bin absolut verquickt mit dem, was man begreift als DDR.“

( Gabriele Senft)

Noch im Juni dieses Jahres würdigte die UZ anlässlich seines 90. Geburtstages den Schriftsteller Hermann Kant, nun ist er am 14. August in Neustrelitz verstorben.

Geboren 1926 in Hamburg, aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie, konnte er noch, bevor ihn die faschistische Wehrmacht an die Front schickte, seine Elektrikerlehre beenden. Vier Jahre Gefangenschaft folgten, in denen er begann, antifaschistische Arbeit zu leisten. Konsequent ging er in die junge DDR, 1952 machte er an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät sein Abitur und begann danach ein Germanistikstudium, später arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent an der Humboldt-Universität in Berlin.

Einen Schriftsteller zu würdigen, heißt auf seine Werke aufmerksam zu machen, ihn zu ehren, heißt aufzufordern, seine Bücher zu lesen. Drei Titel seien genannt, alle in den 1960er- und 1970er Jahren erschienen und – den Verlagen sei Dank – noch immer lieferbar. Wer „Die Aula“, „Das Impressum“ oder „Der Aufenthalt“ liest, bekommt ein Gefühl für den Ton, den Sound, den Spott und die Fabulierlust, die Hermann Kant auszeichneten. Der Leser erlebt ein Land, von Krieg und Nachkriegszeit gebeutelt, von den Kalten Kriegern bedroht und manchmal auch von den eigenen Fehlern und Schwächen geschüttelt. Es ist das Land, das sich geschworen hat, dass „nie wieder Krieg von deutschem Boden ausgehen darf“, das den Versuch machte, das Einfache zu tun, was so schwer zu machen ist. In diesem Land lebte und arbeitete Hermann Kant, nicht immer zufrieden mit dem, was geleistet wurde, nicht immer einverstanden mit dem, was da so propagiert wurde, aber nie in der Versuchung, jemandem nach dem Maul zu schreiben, am wenigsten dem Klassenfeind.

Hermann Kant schrieb Geschichten, manchmal anekdotenhaft den Bogen leicht überspannend, gerne mit dem Schalk in den Augenwinkeln, listig und nie gekünstelt. Er erzählte darüber, wie sich der Aufbau des Sozialismus nicht auf dem Papier entwickelte, sondern durch Menschen, Männer und Frauen, Alte und Junge, die schon mal stolperten, verwirrt waren ob irgendeiner Volte der Oberen, aber da Kant die Dialektik liebte und die List der Vernunft manchmal half, schlägt der Leser das Buch am Ende zufrieden zu und freut sich über einen Gewinn an Erkenntnis.

Hermann Kant sollte man in einer Reihe von Autoren aufzählen, die diese Kunst des Schreibens so wie er beherrschten: Grimmelshausen, Jean Paul, Heinrich Heine, Alfred Döblin, Erik Neutsch.

Jemand wie Kant saß nicht nur im stillen Kämmerlein, schon früh wurde er Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, in den unruhigen, vielleicht auch schon mal unklaren Zeiten ab 1969 als Vize-, später dann ab 1978 als Präsident des Verbandes bis zum Ende 1990. Selbstverständlich war für ihn die Mitgliedschaft in der SED, sie führte ihn bis ins Zentralkomitee. Dass er nach 1990 mit Dreck beworfen wurde, ihm Spitzel- und IM-Tätigkeit vorgeworfen wurde, sollte klar sein, schließlich gehört die Diskreditierung bis hin zur Kriminalisierung zum Alltagsgeschäft der Bourgeoisie. An sein schriftstellerisches Können ging man vorsichtiger heran, da half dann Verschweigen und Übergehen. Dennoch fand Hermann Kant bis zuletzt Verlage, die seine weiteren Bücher druckten, Buchhändler, die sie auslegten und ihn einluden und Leserinnen und Leser, die ihn schätzten.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Ein Könner«, UZ vom 19. August 2016





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.