Alles wird schicker

Die linke Subkultur verwaltet ihre „Freiräume“, Anwohner haben Angst vor der Polizei, die Vernetzung nimmt zu.
Von Olaf Matthes
|    Ausgabe vom 19. August 2016
Berlin, Rigaer Straße: Das linksradikale Szene-Idyll ist bedroht. Die einen werfen Steine. Die anderen gehen auf ihre Nachbarn zu. (Foto: Bianca Vola / flickr.com / CC BY-ND 2.0)
Berlin, Rigaer Straße: Das linksradikale Szene-Idyll ist bedroht. Die einen werfen Steine. Die anderen gehen auf ihre Nachbarn zu. (Foto: Bianca Vola / flickr.com / CC BY-ND 2.0)

Berlin-Friedrichshain, Rigaer Straße. Hier ist der Kiez, den der Berliner Kurier „Chaoten-Bastille“ nennt, den die Polizei als „Gefahrengebiet“ behandelt und in dem die linksradikale Szene ihre „Freiräume“ verteidigt. Hier hängen viele Transparente an der Straße. Auf einem steht: „Bewacht durch Eitner Security“.

Es hängt an einem Bauzaun, vor einem Betonsilo. Vier Häuser der neuen Wohnanlage sind zum Teil bezogen, um zwei weitere steht noch ein Baugerüst. Eine Hundert-Quadratmeter-Wohnung wird für 1 300 Euro kalt zur Miete angeboten, die meisten sind Eigentumswohnungen. Noch bevor eines der Häuser im vergangenen Mai mit Stahlkugeln und Farbbeuteln angegriffen worden ist, kamen zwei Paare, die dort leben, zum Plenum in die Rigaer Straße 78, eines der linken Hausprojekte in der Straße. Georges, die dort lebt und eigentlich anders heißt, sagt: „Wegen denen müssen hier Leute ausziehen. Die Mieten werden teurer, weil hier alles auf nobel saniert wird. Wir woll‘n nischt mit denen zu tun haben.“

Auf dem Gelände der Liebigstraße 1, wo heute ein Sicherheitsmann hinter dem Bauzaun auf und ab geht, war vorher eine Wiese und ein paar alte Gebäude, die verfielen. Hier kamen die Leute mit ihren Hunden her. Georges, die oft und gerne hier war, sah irgendwann die Schilder, dass gebaut werden soll. Seit acht Jahren geht sie zu einem Inder in der Straße, inzwischen haben sie ihm zum dritten Mal die Miete erhöht. Der Besitzer fürchtet, dass er schließen muss. „Ich habe ein bisschen Angst“, sagt Georges, „dass hier die Dönerläden verschwinden und ich weiß nicht was für Boutiquen reinkommen, ne?“

Freiraum verwalten
„Mach dein Handy aus, nimm den Akku raus – Plenum ist wichtig für die Revolution“, singt es aus dem Lautsprecher. Der „Abstand“ ist die Kneipe im Erdgeschoss der Rigaer Straße 78, das Plenum ist gerade zu Ende. Georges, 25 Jahre, ist vor sechs Jahren in die Rigaer 78 gezogen, sie genießt es, „den Alltag politisch zu gestalten.“ Mit Fahrrädern und Anhängern holen sie drei- oder viermal pro Woche abgelaufene, aber essbare Lebensmittel von Supermärkten aus der Gegend – nicht von Lidl oder Netto, die sperren ihre Mülltonnen ab und zeigen diejenigen, die „containern“, an. Die Bioläden in der Gegend erlauben es, mit denen haben sie Verträge geschlossen.

Nach Feierabend hat Georges im Haus genug zu tun, das Haus ist alt, und Georges ist Tischlerin. 1990 ist das Haus besetzt worden, anschließend gab es Mietverträge für die ehemaligen Besetzer, dann Entmietung und Räumungsklagen. Die Rigaer 78 ist ein linkes Hausprojekt geblieben, weil die Bewohner – in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern – das Haus gekauft haben. Wer heute Teil des Hauskollektives wird, wird auch Mitinhaber der „Rigaer78 GmbH“. Diese GmbH hält 51 Prozent des Hauses, die Bewohner haben damit die Kontrolle.

Machen wieder los
„Wollen wir nicht die Tür zumachen, wenn draußen die Bullen sind?“, fragt jemand. Das Fenster neben der Tür ist nur noch eine Tischlerplatte. Das ist der Weg, den die Polizei genommen hat, als sie Mitte Februar in den Laden eindrang. Die, die drinnen waren, stellten die Möbel vor Fenster und Tür und empfingen die Beamten mit Flaschen und einem Feuerlöscher, bis sie vom Pfefferspray weinten und mit Handschellen gefesselt auf dem Boden saßen.

„Januar, Februar waren sehr anstrengend“, sagt Georges. Das war die Zeit, in der ständig die Polizei im Viertel war – die Rigaer Straße wird als „kriminalitätsbelasteter Ort“ eingestuft. Dann gingen die Polizeikontrollen zurück, „jetzt machen sie wieder los“. Anwohner berichten, dass die Beamten einem Kind die Bastelschere abnahmen, als sie seinen Rucksack kontrollierten. Das Cuttermesser eines Bekannten von Georges – auch ein Handwerker – stuften die Polizisten als Bewaffnung ein und nahmen es ihm ab.

Hier, im Gefahrengebiet Rigaer Straße, liegen die Gegensätze der Stadtentwicklung besonders nah beieinander: Investoren werten das Viertel auf, bisherige Mieter müssen umziehen, Teile der linksradikalen Szene versuchen auch mit brennenden Autos die Entwicklung zu stoppen. Damit liefern sie die Vorwände, die Innensenator Frank Henkel (CDU) für seinen Wahlkampf gut gebrauchen kann. Henkel ließ seine Hundertschaften im Kiez einrücken. Georges ging für zwei Monate statt um sechs um fünf Uhr aus dem Haus zur Arbeit. Die täglichen Kontrollen kosteten Zeit.

Nischen suchen, Scheiben einwerfen
Der Weg vom Gefahrengebiet ins Trendviertel ist kurz. Fünf Hausnummern weiter, auf dem Gelände Rigaer Straße 71 bis 73, plant der Immobilienkonzern CG nach eigenen Angaben „ein neues Luxusprojekt“ „in einer von Berlins trendigsten Gegenden“. Noch hängt auch hier ein Transparent: „Gebäude ist einsturzgefährdet – Betreten verboten – Lebensgefahr.“ Das Gelände, eine alte Möbelfabrik, ist schon an CG verkauft. Der Aufsteller, mit dem der Investor Anfang April für seine Pläne wirbt, ist schnell beschmiert: „Wer hier kauft, kauft Ärger“.

„Ich sehe nicht, dass wir uns gegen diese verfickten Großkonzerne durchsetzen“, sagt eine Teilnehmerin bei der Kiezversammlung. Der alternative Club „Antje Öklesund“, der sich in der alten Möbelfabrik eingerichtet hat, sieht das genauso. Er verhandelt mit CG darüber, ob sie auch nach dem Neubau noch einen Platz eingeräumt bekommen. In der vergangenen Woche wurden die Scheiben im „Antje Öklesund“ eingeworfen, einige Kommentare auf dem linken Portal indymedia finden das richtig. Zur Kiezversammlung sind einige Mitglieder des Vereins von „Antje Öklesund“ gekommen. Sie erklären, was sie erreichen wollen: „Ein bisschen was erhalten“, eine Nische finden, die noch kleiner sein wird als die, die die Linksradikalen heute besetzt haben. Die protestieren, der Verein habe sich auf einen faulen Deal eingelassen.

Die Kiezversammlungen waren entstanden, als die Bewohner des Viertels sich vernetzen wollten, um auf die Polizeiübergriffe zu reagieren. Hier sitzen junge Eltern mit ihren Kindern, Nachbarn, eine Grünen-Politikerin, Leute aus der linken Szene. Sie wollen zusammenarbeiten und diskutieren, was das heißt: Darf man mit CG reden? Soll ein geplantes Straßenfest bei den Behörden angemeldet werden oder nicht? Sollen auch „Eigentums-Heinis“ zum Fest kommen können? Einer der Älteren auf der Versammlung sagt: „Ihr müsst auch an die Leute denken, die nisch hier Revolution spielen wollen.“

Man lernt sich kennen
Georges hat viele Freundinnen in der Liebigstraße 34, einem Hausprojekt von Feministinnen, Lesben und Transsexuellen. Deren Mietvertrag läuft bald aus. „In den nächsten Jahren wird es hier auf jeden Fall sehr viel schicker werden. Die Nachbarn werden halt scheiße. Wir sind gegen diese Aufwertung, wir lassen auch die Fassade schön bunt – andere sagen: versifft. Ich will jetzt nicht sagen, dass Müll auf der Straße gut ist, aber es macht einen gewissen Charme aus, wenn ab und zu mal was da liegt.“ Seit das Gefahrengebiet besteht, hat sich noch etwas geändert: Georges grüßt ihre Nachbarn häufiger, und mehr Nachbarn grüßen sie. „Man kennt sich mittlerweile ein bisschen näher, weil man zusammen in irgendeinem Bullenkessel gestanden hat.“


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Leserbrief zu »Alles wird schicker«, UZ vom 19. August 2016





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