Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 12. August 2016

Wenn wir im Kulturellen den Anspruch auf ein erfülltes Leben und die Formen, in denen dieser einzulösen ist, zu fassen bekommen, dann wird dieser Anspruch als eine Triebkraft der Befreiung entfesselt werden. Wir benötigen dazu eine Analyse der „kulturellen Herrschaft“ im Kapitalismus, die sich teilweise überdeckt mit der ideologischen Hegemonie der herrschenden Klasse. Der praktische Nutzen der theoretischen Klärung über die alltäglichen Formen des Kulturellen liegt dann in unserer Fähigkeit, eine dialektische Politik organisierter Selbsttätigkeit zu entwickeln.

Heißt zum Beispiel konkret: Die großartige, gemeinsame Arbeit und die dabei gewonnenen Erkenntnisse, die so viele in Vorbereitung und Durchführung des UZ-Pressefestes erlebt haben, sollte auch und gerade dafür genutzt werden, die alltäglichen und allüblichen kulturellen Lebensweisen kritisch zu nutzen. Feiern, Zuhören, zum Gespräch einladen, Genießen, Neues erfahren und Bekanntes anders wahrnehmen, alles nichts, was wir erfinden mussten, aber all dies und noch viel mehr ist ein wesentlicher Teil der Partitur, um „die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen“.

Eingeübtes Ritual
Nach dem Marionettenputsch und dem so präzise geplanten und jetzt durchgeführten Gegenschlag in der Türkei mahnen nun alle, die sich bemüßigt fühlen, ihre Betroffenheit, ihre Besorgnis und die Wahrung der Verhältnismäßigkeit bei Erdogan und Kumpanen an. Da will auch der „Börsenverein“, Dachverband der Verlage und Buchhandlungen, nicht hinten anstehen. Er ist sogar „betroffen“ ob der Verfolgung und Inhaftierung von AutorInnen und JournalistInnen, mag sich aber zu einer Verurteilung des Regimes nicht hinreißen. Als die Türkei Gastland der Frankfurter Buchmesse war, nur salbungsvolle Worte und die Verheißung von hervorragenden Perspektiven der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, obwohl es im Land reichliche Jagd auf linke Kräfte, auf Gewerkschafter und das kurdische Volk gab. Ansonsten trotz der hohen Töne alles im Promillebereich: Von allen übersetzten Büchern in die deutsche Sprache sind gerade mal 0,3 Prozent aus dem Türkischen, der Import liegt ebenfalls unter der 1-Prozent-Marke, genau so wie beim Export deutscher Bücher in die Türkei. Man sorgt sich also nicht richtig, weil es nicht so wichtig ist.

Wir sind die Moorsoldaten
Erinnert sei in diesen Tagen an Wolfgang Langhoff, Autor, Theatermann und Kommunist.

Bis 1933 arbeitete er in Düsseldorf als Schauspieler und Dramaturg, war Mitglied der KPD und aktiv bei ASSO (Assoziation revolutionärer bildender Künstler). Er saß im KZ Börgermoor im Emsland, er schrieb dort den unvergessenen Text „Die Moorsoldaten“. Später gelang ihm die Flucht in die Schweiz, wo er am Schauspielhaus Zürich mit vielen anderen Emigranten arbeitete.

Nach der Befreiung leitete er das Deutsche Theater in Berlin und war Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Viel zu früh, mit 65 Jahren, verstarb er am 25. August 1966 in Berlin.


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