Wortklauberei

Glanz der Armut

Von B. Redlich
|    Ausgabe vom 5. August 2016

„Denn Armut ist ein großer Glanz aus innen …“ endet ein einfühlsames Gedicht von Rainer Maria Rilke, in dem er die Behauptung aufstellt, die Armen brauchten „nur das Eine:/so arm sein dürfen, wie sie wirklich sind.“ Den Obdachlosen und denen, die in den Fußgängerzonen unserer Städte und auf den Bahnhöfen aus Not Passanten anbetteln, dürfte das nicht einleuchten, das hat vielleicht damit zu tun, dass der Dichterfürst in den Dingen des wirklichen Lebens nicht sehr kompetent war und vielleicht auch nicht alle Latten am Zaun hatte.
Und auch den Behörden, die sich viel einfallen lassen, um Obdachlose und Bettler aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen – was man nicht sieht, das gibt es nicht – wissen nichts von „Glanz der Armut“. Sie wissen nur, dass Armut und Kriminalität eng verbunden sind. So handelt es sich rechtlich gesehen um Mülldiebstahl, wenn sich jemand Lebensmittel aus Containern holt. Übernachten in Abbruchhäusern zieht Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs nach sich. Und als vor kurzem in Fürstenfeldbruck Obdachlose auf dem überdachten Bahnhofsparkdeck nächtigten, bedauerte ein Polizeibeamter: „Solange die Wohnsitzlosen nicht straffällig werden, haben wir keine Handhabe.“ Dabei stellt doch das Übernachten auf öffentlich gewidmeten Flächen schon eine „unerlaubte Sondernutzung“ dar.
Hat sich was mit Glanz. Tucholsky kannte das Rilke-Poem auch und meinte: „Armut ist eben gewiss kein großer Glanz von innen, oder wie Vater Rilke das nannte, sondern eine einzige Sauerei.“


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Leserbrief zu »Glanz der Armut«, UZ vom 5. August 2016





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