Hat Olympia eine Zukunft?

Coubertin hat uns auch heute etwas zu sagen
Von Klaus Huhn
|    Ausgabe vom 5. August 2016

Wie immer die Spiele in Rio de Janeiro verlaufen mögen – vorweg: die U. Z. drückt ihr alle olympische Daumen –, unübersehbar sind die Risiken, mit denen sie konfrontiert sein dürften. Was uns wiederum motiviert, den kühnen Entschluss zu fassen, an die Abschiedsrede des Pierre de Frèdy, Baron de Coubertin, und damit Mannes zu erinnern, der Ende des vorvorigen Jahrhunderts den Entschluss gefasst hatte, der Welt die Idee moderner Olympischer Spiele zu präsentieren. Er nahm am 28. Mai 1925 in Prag seinen Abschied, kehrte nie wieder zu den Spielen zurück, hielt aber an jenem Tag eine unvergessene Rede.
Er begann damals: „Wer sich von dem fruchtbringenden Acker zurückzieht, über den er jahrzehntelang geherrscht hat, den er eigenhändig bestellte und auf dem für ihn Erfolg und Freundschaft zur Blüte gediehen, der möchte zum Abschluss noch einmal den Hügel besteigen, von dem aus der Blick sich bis zum Horizont weitet.  (…) Zur Zeit ist Sport in Mode gekommen, eine zwar unwiderstehliche, aber auch schnell wieder erschöpfte Macht. Man muss wirklich nichts von Geschichte verstehen, wollte man sich einbilden, die Schwärmerei der Massen heute würde unbegrenzt andauern. (…)In welcher Richtung muss gearbeitet werden? Weniger Rummel, weniger Reklame, weniger einengende Organisationen, weniger intolerante Verbandsgruppierungen, weniger schwerfällige hierarchische Strukturen.“
Diese Risiken sah Coubertin schon vor einem knappen Jahrhundert! Und damit erschöpften sich seine Vorstellungen von der olympischen Zukunft keineswegs. Coubertin sah noch viel tiefer in die Zukunft: „ Der Sport hat sich in einer Gesellschaft entwickelt, der durch die Jagd nach dem Gelde Verderben bis aufs Mark droht. Es liegt nun an den Sportvereinen, mit gutem Beispiel voranzugehen, Ehre und Anständigkeit wieder zu pflegen, Lüge und Heuchelei aus ihrem Bereich zu verjagen (…)
Für diesen Reinigungsprozess wird der erneuerte Olympismus der wirkungsvollste Hebel sein, vorausgesetzt, es wird damit Schluss gemacht, die Olympischen Spiele mit Weltmeisterschaften zu verquicken. Weil einzelne Fachleute von diesem Gedanken nicht loskommen, suchen sie dauernd die olympische Struktur zu zertrümmern, um sich dann eine Macht anzueignen, zu deren Ausübung sie sich in vollem Umfange in der Lage glauben. Es lag mir daran, meine Kollegen im Internationalen Olympischen Komitee noch einmal vor jeder Konzession ihrerseits in diesem Punkt zu warnen. Wenn der moderne Olympismus vorangekommen ist, dann nur deshalb, weil an seiner Spitze ein Gremium mit absoluter Unabhängigkeit stand, das zu keiner Zeit von irgendwem subventioniert wurde, das sich durch sein ihm eigenes Ergänzungssystem von jeglichem Einfluss aus Wahlmanövern freihält sowie keinerlei Einwirkung seitens nationalistischer Leidenschaften oder durch Druck korporativer Interessen zulässt.“
Noch einmal gilt die Erinnerung: Vor einem knappen Jahrhundert hatte er diese Feststellungen getroffen und obendrein auch diese: „Muss ich denn darauf hinweisen, dass die Spiele weder einem Land noch insbesondere irgendeiner Rasse gehören und dass sie von keiner irgendwie gearteten Gruppierung monopolisiert werden können? Sie sind weltumspannend. Sie müssen, ohne Diskussion, für alle Völker da sein!“


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