Olympia unter dem Hakenkreuz

Es gab 1936 auch in Deutschland Widerstand gegen die Olympischen Spiele in Garmisch-Partenkirchen und Berlin
Von nh
|    Ausgabe vom 5. August 2016
Olympische Spiele 1936 in Berlin, Siegerehrung im Weitsprung. Der Sieger Owens (USA) in der Bildmitte wäre nach der Naziideologie ein „Untermensch“. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-G00630 / Unknown? / CC-BY-SA 3.0)
Olympische Spiele 1936 in Berlin, Siegerehrung im Weitsprung. Der Sieger Owens (USA) in der Bildmitte wäre nach der Naziideologie ein „Untermensch“. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-G00630 / Unknown? / CC-BY-SA 3.0)

Am 1. August 1936 eröffnete Adolf Hitler im Berliner Olympiastadion die 11. Olympischen Sommerspiele. In Garmisch-Partenkirchen hatten vom 6. bis 16. Februar bereits die Winterspiele stattgefunden. Fast zeitgleich mit den Sommerspielen bestimmte Hitler in einer geheimen Denkschrift die Grundlinien für die weitere Aufrüstung und Kriegsvorbereitung.
1931 hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Sommerspiele nach Berlin vergeben. Trotz der Boykottaufrufe internationaler Sportverbände und deutscher Emigranten, trotz des „Ermächtigungsgesetzes“ vom März 1933, der Unterdrückung und Verfolgung politischer Gegner und auch von Arbeitersportlern, der Nürnberger Rassengesetze 1935, der antijüdischen Pogromstimmung usw. hielt das IOC an seiner Entscheidung fest.
Die Vertreter des faschistischen Regimes hatten schon 1933 zugesichert, die olympischen Regeln einzuhalten, später wurde zugesagt, auch jüdische Sportler in die deutsche Mannschaft aufzunehmen. Während der Spiele in Garmisch-Partenkirchen und später in Berlin verschwanden die antisemitische Propaganda und entsprechende Parolen aus dem Straßenbild.

Boykottaufrufe aus dem Widerstand
Eine besondere Rolle bei der Mobilisierung des Widerstandes gegen Olympia in Hitlerdeutschland spielten gewiss deutsche linke Intellektuelle in Frankreich, die vor allem im „Pariser Tageblatt“ gegen die Durchführung der Olympischen Spiele in Deutschland protestierten. Doch das waren nicht die einzigen Deutschen, die sich dagegen positionierten. Unter höchster Gefahr für die Beteiligten fanden auch Aktionen im Land statt.
In einem Gestapobericht über Aktionen der „marxistischen Bewegung“ konnte man zudem Ende 1935 lesen: „Eine rege Propaganda wird von kommunistischer Seite insbesondere gegen die im Jahre 1936 stattfindende Olympiade betrieben. In allen sowohl im Ausland als auch in Deutschland erscheinenden kommunistischen Druckerzeugnissen wird unentwegt zum Boykott der Olympiade aufgefordert. Unter Anführung von einzelnen Staaten, die angeblich an der Olympiade nicht teilnehmen wollen, versucht man, die Sportler der ganzen Welt gegen eine Beteiligung an dieser Veranstaltung aufzuhetzen. So ist von der ‚Roten Sportinternationale’ und der· ‚Sozialistischen Arbeitersport-Internationale’ ein Flugblatt herausgegeben worden, in dem die Sportler und Turner der ganzen Welt aufgerufen werden, die Berliner Olympiade zu boykottieren. Die beiden Arbeitersport-Internationalen wenden sich an die sozialistischen und freiheitlichen Parteien aller Länder mit dem Verlangen, keine Staatsmittel für die Teilnahme an der Olympiade zu bewilligen. …
Es ist zu erwarten, dass die kommunistische Propaganda gegen die Berliner Olympiade in der kommenden Zeit noch verstärkt werden wird, wie es bezüglich der Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen bereits festgestellt werden konnte.“ (Gestapo-Berichte)
Um die verschiedenen Aktivitäten gegen die Austragung der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin zu koordinieren, gründete sich am 7. Dezember 1935 in Paris das „Comité international pour le respect de l’esprit olympique“. Es bestand aus Mitgliedern der Komitees zur Verteidigung der olympischen Idee Großbritanniens, Frankreichs, der Niederlande, der skandinavischen Länder, der Tschechoslowakei sowie der Schweiz und hatte auch Verbindung zum US-amerikanischen Fair-Play-Komitee.
Auf der Konferenz zur Verteidigung der Olympischen Idee am 6. und 7. Juni 1936 in Paris erklärte Heinrich Mann unter anderem: „Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren? Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt.“
Das Komitee unterstützte auch die Vorbereitungen der als Gegenolympiade geplanten Volksolympiade vom 19. bis 26. Juli 1936 in Barcelona, die wegen des einsetzenden Spanischen Krieges abgebrochen werden musste, sowie die antifaschistische Kunstausstellung „De olympiade onder dictatuur“ in Amsterdam.
Die Boykottaufrufe waren jedoch nicht erfolgreich. Obgleich es beispielsweise vor allem in den USA großen Widerstand gegen eine Teilnahme gab, setzen sich die Teilnahmebefürworter – allen voran der spätere IOC-Präsident (1952–1972) Avery Brundage – durch.
Mit 49 teilnehmenden Nationen wurde in Berlin ein neuer Teilnehmerrekord gefeiert. Auch mit ihrer Hilfe konnte die faschistische Regierung die Gelegenheit für eine große Propagandaschau nutzen und – zugleich – für die Machtsicherung nach Innen.

„Lieber Olympia-Gast“
Über die politischen Aktivitäten – damals gab es übrigens in vielen Regionen Deutschlands immer noch kleinere Streikaktionen in Betrieben, für die die Kommunisten verantwortlich gemacht wurden – der „Linksbewegung“ im Juli 1936 berichtete die Gestapo:
„In Düsseldorf wurde während der Vorführung der Wochenschau in einem Lichtspieltheater, als ‚ein Vorbeimarsch der Roten Truppen in Spanien gezeigt wurde, lebhaft Beifall geklatscht. Gegen die ‚Kriegslust des Dritten Reiches’ wird weiterhin systematisch agitiert. Im Berichtsmonat konnten geschickt zusammengestellte Propagandaschriften gegen die Kriegsgefahr erfasst werden.
Gegen die Olympiade setzte kurz vor der Eröffnung erneut eine große Kampagne ein. In der zentralen Literatur des Auslandes wurden die üblichen Gräuelmärchen über Deutschland in geschickter Verbindung mit der Olympiade gebracht. So zeigte eine Sondernummer der AIZ eine Übersichtskarte über sämtliche Strafanstalten und Konzentrationslager. Weiter wurde die Parole verbreitet, dass der Olympiabesucher die deutsche Wiederaufrüstung durch Devisen unterstütze. Als Ersatz für die ausgefallene Volksolympiade in Barcelona werden Volksfestspiele in Prag abgehalten …“ (Gestapo-Berichte)
Und über den August wurde unter anderem berichtet, dass vor allem in Berlin während der Olympiade „einige zentrale Flugblätter (zum Teil in englischer und französischer Sprache) verbreitet wurden. Die Verteilung erfolgte teils durch Postsendungen, teils durch Einwerfen in die Hausbriefkästen und Verstreuen auf der Straße. Es handelte sich dabei vor allem um folgende Hetzschriften:
‚Lieber Olympia-Gast’ (herausgegeben von der Deutschen Volksfront], ‚Ich rufe die Jugend der Welt’ (Herausgegeben von den Arbeitersportlern), ‚Lernen Sie das schöne Deutschland kennen’ (getarnte KPD-Broschüre) – Miniaturausgabe der ‚AIZ’-Sondernummer …“(Gestapo-Berichte)
Eine Aktion jedoch schlug fehl: Werner Seelenbinder, ein Arbeitersportler und Kommunist, wurde für die deutsche Olympiamannschaft nominiert. Die Faschisten erhofften sich von dem Ringer eine Medaille. Genossen überredeten ihn, an den Start zu gehen. Nach einem möglichen Erfolg sollte er eines der zu erwartenden Rundfunkinterviews für einen antifaschistischen Appell nutzen. Seelenbinder willigte ein. Doch er wurde nur Vierter. In den folgenden Jahren nutzte er seine Auslandsstarts als Kurier für die Widerstandsgruppe Uhrig. Am 4. Februar 1942 wurde Werner Seelenbinder verhaftet, am 24. Oktober 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet.

 

Gestapo-Berichte = Gestapo-Berichte über den antifaschistischen Widerstandskampf der KPD 1933–1945. Band 1: 1933–1939, Berlin 1989
AIZ = Arbeiter-Illustrierte-Zeitung – erschien als Wochenzeitung zwischen 1921 und 1933 in Berlin und von 1933 bis 1938 im Prager Exil
Deutsche Volksfront = auch Zehn-Punkte-Gruppe genannt, war eine 1936 gegründete und 1938 zerschlagene, vorwiegend sozialdemokratisch geprägte Widerstandsgruppe um Hermann Brill.


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Leserbrief zu »Olympia unter dem Hakenkreuz«, UZ vom 5. August 2016





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